Longevity-Tipps: Arzt erklärt, was wirklich hilft – und wo es gefährlich wird

Es gibt viele Longevity-Tipps, aber welche sind wirklich hilfreich und welche potenziell gefährlich?

Longevity

Ein ausgewogener Lebensstil mit gesunder Ernährung, Bewegung, einer positiven mentalen Einstellung, Humor und Optimismus ist entscheidend für gesundes Altern. © Vecteezy

Die Lebenserwartung nimmt kontinuierlich zu. Die Longevity-Forschung untersucht, wie man auch im Alter noch fit und gesund bleibt. Bernd Kleine-Gunk erklärt im Gespräch mit FOCUS online, welche Maßnahmen tatsächlich die Langlebigkeit erhöhen und welche gefährlich sein könnten.

Prof. Dr. med. Bernd Kleine-Gunk leitet die Gynäkologie der Schön Klinik Nürnberg Fürth und ist Experte für Ernährungsmedizin und Osteologie. Seit 2009 führt er die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin (GSAAM) als Präsident. Zudem hat er zahlreiche Bücher zum Thema Anti-Aging geschrieben, darunter „Jung bleiben ist Kopfsache“ (2022), „15 Jahre länger leben“ (2017) und „Präventionsmedizin und Anti-Aging-Medizin“ (2022).

Laut Kleine-Gunk beeinflusst die Genetik die Lebenserwartung nur zu 20 bis 30 Prozent. Den Rest bestimmt der Lebensstil. Früher hieß es: „Alter ist Schicksal, kann man nichts dran machen.“ Heute wissen wir, dass Altern ein gestaltbarer Prozess ist. Basismaßnahmen wie Ernährung, Bewegung und Verzicht auf Rauchen sind entscheidend. „Fasten ist eine der ältesten, am besten untersuchten und wirksamsten Anti-Aging-Maßnahmen.“ Verschiedene Fastenformen haben einen großen Effekt auf die Langlebigkeit.

Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel

Bestimmte Lebensmittel wirken positiv auf die Longevity. Brokkoli enthält Sulforaphan, einen Krebsschutzfaktor. Grüner Tee, in Japan und China als „Langes Leben“-Tee bekannt, enthält Epigallocatechingalat. Quercetin, ein Pflanzenstoff in Äpfeln und Zwiebeln, ist ebenfalls gesund. Kleine-Gunk empfiehlt: „Setzen Sie nicht einseitig auf ein Lebensmittel, sondern machen Sie den Teller schön bunt.“

Bei Nahrungsergänzungsmitteln sind Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren wichtig. Vitamin D fehlt oft im Winter und lässt sich schwer über die Ernährung ausgleichen. Ein Winterurlaub oder Nahrungssupplemente helfen. Omega-3-Fettsäuren nimmt man über fetten Seefisch auf, was viele Menschen nicht ausreichend tun. Curcumin ist ein sinnvoller Pflanzenstoff wegen seiner antientzündlichen Wirkung. „Immer dann, wenn ich etwas über die normale Ernährung nicht ausreichend zuführe, macht es Sinn, das Ganze in Form von Supplementen zuzuführen.“

Trendmedikamente und ihre Wirkung

Metformin, ein altes Antidiabetesmittel, wird wegen seiner lebensverlängernden Wirkung aktuell diskutiert. In den USA testet die „TAME: Targeting Aging With Metformin“-Studie dieses Mittel. Einige Anti-Aging-Befürworter nehmen es bereits, obwohl es rezeptpflichtig ist. Metformin versetzt den Körper in einen Fastenmodus, indem es den Blutzucker und Glykogen herunterreguliert. Dies fördert die Reparatur von DNA und Strukturproteinen sowie die Autophagie, also das Abräumen von molekularem Abfall.

Metformin kann die sportliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, weshalb einige Spitzensportler es nur unregelmäßig einnehmen. „Der Otto Normalsportler, der mal eine Dreiviertelstunde im Fitnessstudio ist oder mal ein Doppel auf dem Tennisplatz spielt, hat jetzt keine große Leistungseinbuße.“

Biologisches Alter und epigenetische Uhr

Bei Longevity geht es auch darum, das biologische Alter zu senken. Kleine-Gunk erklärt: „Chronologisch ist ja eindeutig: Gucken Sie in Ihren Personalausweis, da steht ein Geburtsdatum drin, dann können Sie Ihr chronologisches Alter errechnen. Biologisch kann man aber älter oder jünger sein.“ Das biologische Alter lässt sich relativ exakt messen, etwa mit der epigenetischen Uhr („Horvaths Clock“). Diese ermöglicht es, den Erfolg von Diäten, Medikamenten oder Supplementen zu überprüfen.

Übrigens: Die Epigenetik untersucht chemische und strukturelle Veränderungen am genetischen Material, die die DNA-Sequenz nicht ändern. Laut dem Max-Planck-Institut werden solche Veränderungen oft durch Umwelteinflüsse verursacht, was beispielsweise die Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen erklärt. Die DNA-Methylierung, eine epigenetische Markierung, verändert sich in alternden Zellen. Der Alternsforscher Steve Horvath entwickelte einen Algorithmus, der das biologische Alter anhand von 353 DNA-Methylierungsstellen vorhersagt. Diese „epigenetische Uhr“ kann das biologische Alter bestimmen und könnte in der medizinischen Forschung die Diagnose und Klassifizierung von Krankheiten verbessern.

Prominente Longevity-Vertreter und ihre Methoden

Bryan Johnson, ein bekannter Vertreter der Longevity-Bewegung, hat sein biologisches Alter um bis zu 20 Jahre gesenkt. Dies erreichte er durch Bluttransfusionen und Infrarotsauna. Kleine-Gunk erklärt, Johnson betreibe Selbstverjüngung als Hochleistungssport. Er nimmt täglich 120 Nahrungssupplemente ein und hält ein striktes Essens- und Schlafregime ein. „Mir wäre das Programm dann doch ein bisschen zu asketisch.“

Johnson lässt sich das Blut seines jugendlichen Sohnes spritzen, um sich zu verjüngen. Dies nennt man eine Young-Plasma-Therapie. Es gibt Versuche an Mäusen, bei denen alte Mäuse durch einen gemeinsamen Blutkreislauf mit jungen Mäusen verjüngt wurden. „Mit einer jungen Maus an der Seite bleibst du jung“, scherzt Kleine-Gunk. Einige Reiche, wie Peter Thiel, zahlen für solche Bluttransfusionen hohe Summen. Kleine-Gunk betont jedoch, dass einfache Maßnahmen wie ausgewogene Ernährung und Bewegung mehr bewirken können.

Gefahren und Trends der Longevity-Medizin

Gefährlich sind sogenannte Stammzelltherapien, die oft als Hoffnungsträger der Anti-Aging-Medizin präsentiert werden. Kleine-Gunk warnt vor Risiken wie Krebs. Viele angebliche Stammzelltherapien sind zudem unwirksam. Epigenetik-Coaches ohne medizinische Ausbildung sind ebenfalls kritisch zu betrachten.

Aktuelle Trends in der Longevity-Medizin sind Medikamente wie das oben erwähnte Metformin und Rapamycin. Letzteres hat stärkere lebensverlängernde Effekte, jedoch auch stärkere Nebenwirkungen. Die TRIIM-Studie in den USA testet einen Medikamentenmix aus Wachstumshormonen, DHEA und Metformin mit vielversprechenden Ergebnissen.

Mentale Einstellung und Lebensfreude

Zum Schluss betont Kleine-Gunk die Bedeutung der inneren Einstellung: „Humor und Optimismus sind ganz wichtig.“ Ein positives Mindset hilft, das Alter besser zu bewältigen. „Ich bin 65 und seit 40 Jahren Arzt und überlege mir jetzt natürlich auch: Was mache ich in den nächsten 30 Jahren?“ Neue Herausforderungen und ein aktives Leben sind wichtig. Man kann auch im Alter noch viel erreichen und genießen, wie z. B. ein neues Studium beginnen oder abends einen Rotwein mit Freunden trinken.

Was du dir merken solltest:

  • Die Genetik beeinflusst die Lebenserwartung nur zu 20 bis 30 Prozent, der Lebensstil spielt eine größere Rolle; wichtige Maßnahmen zur Förderung der Langlebigkeit sind gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und der Verzicht auf Rauchen.
  • Metformin, ein Antidiabetesmittel, wird wegen seiner lebensverlängernden Wirkung erforscht und könnte zusammen mit anderen Methoden wie der epigenetischen Uhr und Nahrungsergänzungsmitteln helfen, das biologische Alter zu senken.
  • Ein ausgewogener Lebensstil mit einer positiven mentalen Einstellung, Humor und Optimismus ist entscheidend für gesundes Altern, wobei extreme Maßnahmen wie Bluttransfusionen von jüngeren Personen und Stammzelltherapien teilweise kritisch betrachtet werden.

Bild: © Vecteezy

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