103 Städte wollen bis 2030 klimaneutral sein – doch ihre Pläne haben eine gewaltige Lücke

103 Städte wollen bis 2030 klimaneutral sein – doch für 82 Prozent ihrer Restemissionen ist der Ausgleich noch nicht beziffert.

Viele klimaneutrale Städte setzen auf Bäume und Grünflächen, obwohl deren CO₂-Speicherwirkung bis 2030 oft nur schwer planbar ist. © Unsplash

Viele klimaneutrale Städte setzen auf Bäume und Grünflächen, obwohl deren CO₂-Speicherwirkung bis 2030 oft nur schwer planbar ist. © Unsplash

Klimaneutral bis 2030 – das klingt nach weniger Verkehr, sparsamen Gebäuden und deutlich weniger Treibhausgasen. Doch viele europäische Städte planen auch dann noch mit beträchtlichen Restemissionen. Diese müssten ausgeglichen werden, damit die Klimabilanz am Ende tatsächlich bei null liegt.

Eine Analyse von 103 europäischen Städten zeigt, wie groß diese Herausforderung ist: Rund ein Fünftel der ursprünglichen Emissionen soll 2030 noch verbleiben – zusammen etwa 61 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Ein großer Teil stammt aus Gebäuden und Verkehr. Zugleich setzen fast alle Städte auf Bäume, Böden und andere natürliche CO₂-Speicher. Wie viel diese Maßnahmen tatsächlich aufnehmen können, ist bislang aber nur für rund 18 Prozent der erwarteten Restemissionen beziffert.

Die Studie erschien im Fachjournal Nature Climate Change. An der Untersuchung war unter anderem das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beteiligt. Analysiert wurden die Klimaneutralitätspläne von Städten aus der EU-Mission „100 Climate-Neutral and Smart Cities“. Im Median rechnen die Kommunen für 2030 noch mit 0,8 Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Einwohner.

Viele Städte wissen nicht genau, wie viel CO₂ sie ausgleichen können

Entscheidend ist dabei ein Punkt: Die fehlenden Berechnungen bedeuten nicht, dass der größte Teil der Restemissionen zwangsläufig in der Atmosphäre bleibt. Vielmehr wissen viele Kommunen bislang nicht genau genug, welche Mengen ihre geplanten CO₂-Speicher tatsächlich aufnehmen können.

Nur etwa jede fünfte Stadt konnte Maßnahmen beziffern, deren Potenzial rechnerisch sämtliche eigenen Restemissionen abdecken würde. Besonders belastbar ist die Datenbasis nur in wenigen Fällen: Acht Prozent der Städte erreichten bei der Erfassung und Begründung ihrer verbleibenden Emissionen die höchste Bewertung der Forscher. Beim berechneten Potenzial der vorgesehenen CO₂-Entnahme waren es elf Prozent.

Noch grundsätzlicher ist ein anderes Problem. Bei 52 Prozent der Städte wirken die Restemissionen nach Einschätzung der Forscher eher wie eine gesetzte Zielgröße. Eine detaillierte Analyse, welche Emissionen 2030 tatsächlich unvermeidbar sind und warum sie sich nicht weiter reduzieren lassen, fehlt dort.

Das ist relevant, weil ein großer Teil der Restemissionen aus Bereichen stammt, die grundsätzlich weiter dekarbonisiert werden können. Gebäude, Anlagen und öffentliche Beleuchtung machen im Median die Hälfte aus, der Verkehr weitere 31 Prozent. Alle übrigen Sektoren kommen jeweils auf höchstens vier Prozent.

Klimaneutrale Städte setzen vor allem auf Bäume, Böden und Grünflächen

Beim Ausgleich verfolgen die Städte vor allem eine naheliegende Idee: Kohlenstoff soll dort gespeichert werden, wo Pflanzen und Böden ihn aufnehmen können. Sämtliche 103 untersuchten Städte planen zumindest eine solche landbasierte Maßnahme.

  • 98 Prozent setzen auf zusätzliche Begrünung und Vegetation.
  • 84 Prozent wollen mehr Kohlenstoff in Böden speichern.
  • 80 Prozent planen Aufforstung, Wiederaufforstung oder verbessertes Waldmanagement.
  • 33 Prozent beziehen Küsten- und Meeresökosysteme ein.
  • 28 Prozent setzen auf die Wiederherstellung von Feuchtgebieten.

Doch diese Strategie hat Grenzen. Flächen in Städten sind knapp und konkurrieren mit Wohnungsbau, Verkehr, Energieversorgung und anderen Nutzungen. Die Forscher weisen zudem darauf hin, dass viele Kommunen bislang kaum untersucht haben, wie viel Land für ihre geplanten CO₂-Senken überhaupt dauerhaft zur Verfügung steht.

Technische Verfahren spielen eine deutlich kleinere Rolle. 32 Prozent der Städte beziehen dauerhaftere Methoden der CO₂-Entnahme ein. 27 Prozent nennen Bioenergie mit anschließender CO₂-Abscheidung und Speicherung, 13 Prozent Pflanzenkohle und sieben Prozent die direkte Entnahme von CO₂ aus der Umgebungsluft.

Auch die Zeit arbeitet gegen manche Pläne. Ein neu gepflanzter Baum bindet seine vorgesehene Kohlenstoffmenge nicht im Jahr der Pflanzung. Wälder und andere natürliche Speicher bauen ihre Wirkung über Jahre oder Jahrzehnte auf. Damit können Maßnahmen, die langfristig sinnvoll sind, für ein Klimaneutralitätsziel bereits im Jahr 2030 zu spät kommen.

Bei sieben von zehn Städten fehlt ein klarer Zeitplan

Genau dieser zeitliche Zusammenhang bleibt in vielen Klimaplänen offen. Bei 70 Prozent der Städte fehlt eine konkrete Angabe dazu, wann die vorgesehene CO₂-Entnahme tatsächlich erreicht werden soll. Die Autoren schreiben, die Kommunen hätten nur selten festgelegt, innerhalb welchen Zeitraums die geplante Kompensation wirksam werden müsse.

Auch bei der Kontrolle gibt es Lücken. 29 Prozent der Städte machen keine ausreichenden Angaben dazu, wie lokale Kohlenstoffspeicher überwacht werden sollen. Nur 32 Kommunen führen dafür eigene Leistungsindikatoren in ihren Klimaplänen auf.

Eine weitere Möglichkeit sind CO₂-Zertifikate. 40 Prozent der Städte ziehen solche Gutschriften in Betracht. Doch nur 39 Prozent dieser Gruppe erklären näher, woher die Zertifikate stammen sollen oder welche Projekte dahinterstehen. Mehrere Kommunen begründen ihren Verzicht auf Zertifikate ausdrücklich mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit bestehender Märkte.

Hinzu kommen Probleme bei der Abgrenzung: 32 Städte behandeln weitere Emissionssenkungen nach 2030 teilweise wie Kompensationsmaßnahmen. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Dinge. Eine vermiedene Tonne CO₂ muss gar nicht erst ausgeglichen werden; eine bereits verursachte Restemission dagegen schon.

Wie belastbar die Strategien insgesamt sind, bewerteten die Forscher mit einem eigenen Index namens RESRI. Er reicht von 0 bis 1 und berücksichtigt unter anderem Quantifizierung, verfügbare Kompensationsmöglichkeiten, Zeitplanung, Kontrolle und politische Umsetzung. Im Median erreichen die 103 Städte einen Wert von 0,5. Besonders weit entwickelte Strategien fanden sich vor allem in nordischen und slowenischen Städten.

Kurz zusammengefasst:

  • 103 europäische Städte wollen bis 2030 klimaneutral werden, rechnen dann aber noch mit rund 61 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten an Restemissionen.
  • Wie dieser Rest ausgeglichen werden soll, ist oft unklar: Für nur 18 Prozent der erwarteten Emissionen ist das Potenzial der geplanten CO₂-Entnahme beziffert.
  • Viele Städte setzen auf Bäume, Böden und Grünflächen – doch gerade diese Speicher brauchen Zeit und sind deshalb für das Zieljahr 2030 nur begrenzt verlässlich.

Übrigens: Während viele Städte noch darum ringen, ihre Restemissionen glaubwürdig auszugleichen, müssen Metropolen längst mit den Folgen des Klimawandels leben – von Hitze bis Wasserknappheit. Wie Mailand, Jakarta und San Diego darauf reagieren, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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