Atomreaktor im Bohrloch: US-Firma plant Kraftwerke tief unter der Erde
Deep Fission plant Atomreaktoren in 1,6 Kilometer Tiefe. Nun gibt es erste unverbindliche Absichtserklärungen für Strom aus dem Bohrloch.
In Kansas bohrt Deep Fission bereits für den Atomreaktor der Zukunft: In rund 1,6 Kilometer Tiefe soll der kleine Meiler später Strom für Rechenzentren liefern. © Deep Fission
Ein Atomreaktor im Bohrloch – tief unter der Erde, fast so weit unten wie fünf Eiffeltürme übereinander. Die US-Firma Deep Fission will kleine Meiler rund 1,6 Kilometer tief versenken. Dort sollen sie Strom liefern, den vor allem Rechenzentren dringend brauchen.
Der Plan ist gewaltig: Deep Fission meldet Absichtserklärungen für bis zu 18,5 Gigawatt möglicher Kraftwerksleistung. Das wäre rechnerisch so viel wie mehrere große Atomkraftwerke. Doch noch ist nichts fest bestellt. Die Zusagen sind noch unverbindlich.
Warum Deep Fission den Atomreaktor im Bohrloch versenken will
Hinter dem Vorhaben steckt ein ungewöhnlicher Kostentrick. Deep Fission will den Reaktor nicht in ein riesiges Kraftwerksgebäude stellen. Er soll in ein schmales Bohrloch abgesenkt werden. Die Tiefe, das Gestein und die Wassersäule über dem Reaktor sollen Aufgaben übernehmen, für die klassische Atomkraftwerke teure Schutzbauten brauchen.
Nach früheren Angaben des Unternehmens machen Stahl, Beton und andere Baumaterialien einen großen Teil der Kosten klassischer Atomkraftwerke aus. Deep-Fission-Chefin Elizabeth Muller bezifferte diesen Anteil auf etwa 70 bis 80 Prozent. Wenn große Teile dieser Bauwerke wegfallen, könnten auch die Kosten sinken. Beweisen muss Deep Fission das aber erst im echten Betrieb.

Der Reaktor selbst soll keine völlig neue Art der Kernspaltung nutzen. Die Kalifornier planen einen kleinen Druckwasserreaktor. Diese Bauart ist weltweit verbreitet. Wasser steht dabei unter hohem Druck, kühlt den Reaktor und überträgt Wärme.
Neu ist vor allem der Standort. Der Reaktor soll tief im Gestein arbeiten. Deep Fission nennt das Konzept „Gravity Nuclear Reactor“. Gemeint ist ein kleiner Meiler, der unter der Erde betrieben wird und von der Umgebung zusätzlich abgeschirmt werden soll.
Gestein und Wasser sollen den Meiler schützen
Die Tiefe soll mehrere Risiken minimieren. Der Reaktor wäre dort unten besser vor Tornados, Überschwemmungen, Tsunamis, Flugzeugabstürzen und Anschlägen geschützt. Das Gestein soll Strahlung abschirmen. Die lange Wassersäule über dem Reaktor soll bei Problemen beim Kühlen helfen.
Das sind bislang Unternehmensangaben. Behörden müssen prüfen, ob dieses Sicherheitskonzept trägt. Betriebserfahrung mit einer solchen Anlage gibt es noch nicht. Für die Wartung sieht Deep Fission vor, den Reaktor wieder an die Oberfläche zu holen. In früheren Beschreibungen war von ein bis zwei Stunden die Rede.
Viele kleine Reaktoren sollen große Leistung schaffen
Ein einzelner Deep-Fission-Reaktor soll nach früheren Angaben 15 Megawatt leisten. Das ist wenig neben einem großen Atomkraftwerk. Klassische Anlagen erreichen oft mehr als ein Gigawatt. Deep Fission setzt deshalb auf viele Einheiten statt auf einen riesigen Meiler.
Mehrere Bohrlöcher könnten mehrere Reaktoren aufnehmen. Rein rechnerisch kämen 100 solcher kleinen Meiler auf 1,5 Gigawatt. Für Rechenzentren und Industrieparks wäre das interessant, weil Strom dort entstehen könnte, wo er gebraucht wird.
Rechenzentren brauchen rund um die Uhr Strom
Der Bedarf wächst schnell. Künstliche Intelligenz, Cloud-Dienste und digitale Infrastruktur brauchen enorme Mengen Energie. Anders als viele andere Verbraucher können Rechenzentren nicht einfach abschalten, wenn gerade wenig Strom im Netz ist. Sie brauchen verlässliche Leistung, Tag und Nacht.
„Die wachsende Projektpipeline ist ein Beleg für das dringende Interesse an unserem Modell in einer Meile Tiefe“, sagt Liz Muller, Chefin und Mitgründerin von Deep Fission. Sie ergänzt: „Entwickler von Rechenzentren und andere Industriepartner brauchen eine Lösung, die schnell eingesetzt und anschließend rasch skaliert werden kann – und der Gravity Nuclear Reactor passt gut zu diesen Anforderungen.“
In Kansas bohrt Deep Fission bereits für den ersten Atomreaktor
Der erste Standort liegt im Great Plains Industrial Park in Parsons im US-Bundesstaat Kansas. Das Projekt gehört zum Reactor Pilot Program des US-Energieministeriums. Deep Fission will dort zeigen, ob sich die Idee aus dem Labor und vom Papier in ein echtes Kraftwerksprojekt übertragen lässt.
Einen ersten Schritt hat das Unternehmen nach eigenen Angaben geschafft. Deep Fission bohrte ein erstes Datenloch bis in etwa 6000 Fuß Tiefe; das sind rund 1830 Meter. Als Nächstes soll ein Bohrloch in kommerzieller Größe folgen. Danach will die Firma einen Prototyp sicher in die Tiefe bringen.

Deep Fission meldet Absichtserklärungen über bis zu 18,5 Gigawatt möglicher Kraftwerksleistung. Daraus entstehen aber noch keine festen Stromverträge. Die Partner verpflichten sich weder zur Abnahme von Strom noch zur Finanzierung oder zum Bau von Anlagen.
Auch eine bestimmte Zahl künftiger Reaktoren ist nicht vereinbart. Exklusivrechte sieht Deep Fission ebenfalls nicht vor. Jede Seite kann die Absprachen ohne Strafe beenden.
Lizenzantrag soll 2027 kommen
Deep Fission will in der ersten Jahreshälfte 2027 eine kommerzielle Lizenz bei der US-Atomaufsicht NRC beantragen. Erste kommerzielle Einsätze peilt das Unternehmen für 2027 oder 2028 an. Der Zeitplan bleibt ehrgeizig.
Technik, Finanzierung, Genehmigungen, Bohrungen, Bau und Kundenverträge müssen dafür zusammenkommen. Hinzu kommen Risiken bei Lieferketten, Zulassung und Markteinführung. Der Deep-Fission-Atomreaktor ist damit eine der auffälligsten Ideen im Rennen um Strom für Rechenzentren – aber noch kein bewiesenes Kraftwerksmodell.
Kurz zusammengefasst:
- Deep Fission will kleine Atomreaktoren rund 1,6 Kilometer tief in Bohrlöcher absenken, um Rechenzentren und Industrieparks mit verlässlichem Strom zu versorgen.
- Das Unternehmen meldet erste unverbindliche Absichtserklärungen über bis zu 18,5 Gigawatt möglicher Kraftwerksleistung, doch feste Aufträge, Finanzierungszusagen oder Baupflichten gibt es bislang nicht.
- Die Technik soll Kosten senken, weil weniger Stahl und Beton nötig wären; ob der Plan sicher, bezahlbar und genehmigungsfähig ist, muss Deep Fission erst nachweisen.
Übrigens: Während Deep Fission Atomreaktoren tief unter die Erde bringen will, verlegt China den Stromhunger der KI einfach ins Meer. Vor Shanghai entsteht ein Unterwasser-Rechenzentrum, das mit Meerwasser kühlt und deutlich weniger Energie verbrauchen soll – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Deep Fission
