Immer mehr Deutsche gehen wegen Klimaangst zum Psychiater

Deutsche haben Angst vor den Folgen des Klimawandels. 40 Prozent der Psychotherapeuten behandeln Patienten mit Klimaangst.

Klimaangst

Der Klimawandel steigert die Häufigkeit und Intensität von Naturkatastrophen wie die extremen Regenfälle im Ahrtal 2021. © Wikimedia

Während die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die physische Gesundheit weithin anerkannt sind, steckt die Forschung zu dessen Einfluss auf die psychische Gesundheit noch in den Kinderschuhen. Es ist noch nicht klar, inwieweit sich die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit der Menschen auswirken. Das wollten Forscher nun untersuchen und befragten Psychotherapeuten nach ihren Erfahrungen mit Patienten. Das Ergebnis: Deutsche entwickeln Klimaangst.

Eine aktuelle Umfrage unter 573 Psychotherapeuten zeigt, dass in Deutschland viele Therapeuten regelmäßig mit Patienten zu tun haben, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen. Ihre Ergebnisse wurden in BMC Psychology veröffentlicht.

Über 40 Prozent haben laut der Studie mindestens einen Patienten behandelt, bei dem Klimaangst und damit verbundene Störungen wie Depressionen und veränderte Gefühlslagen ausschlaggebend für die Therapie waren.

Wachsende psychische Belastungen

Laut Andreas Meyer-Lindenberg, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN), führe jeder Grad Temperaturanstieg zu einem Zuwachs psychischer Störungen um etwa 0,9 Prozent. Das sei eine beträchtliche Zahl bei rund 80 Millionen Deutschen, „wenn man sich überlegt, dass wir jetzt schon deutlich mehr als ein Grad über dem langjährigen Mittel der Temperaturen sind“, erläutert Meyer-Lindenberg für die Tagesschau.

Ein im Jahr 2023 von der DGPPN veröffentlichtes Positionspapier warnt ebenfalls vor den psychischen Langzeitfolgen des Klimawandels. Darin steht, dass Luftverschmutzung und steigende Temperaturen die mentale Gesundheit beeinträchtigen. Das kann sich in einer Verringerung der kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis und Rechenleistung äußern.

Langfristige Schäden durch Naturkatastrophen

Ein besonders starkes Beispiel für langanhaltende psychische Beeinträchtigungen durch Klimaereignisse ist der Hurrikan Katrina. Wie Meyer-Lindenberg betont, litten auch ein Jahr nach dem Sturm im Jahr 2005 noch mehr als ein Drittel der betroffenen Bevölkerung an der US-amerikanischen Golfküste unter einer diagnostizierbaren posttraumatischen Belastungsstörung.

Umgang mit Klimaangst

Meyer-Lindenberg räumt ein, dass ein gewisses Maß an Klimaangst normal sei. Doch wenn diese Ängste so stark werden, dass sie den Alltag beeinträchtigen, sei laut Melanie Winkler, einer Fachärztin für Psychosomatische Medizin am Medical Park in Bernau am Chiemsee, von einer Angststörung zu sprechen. „Was von der Angst ist real und tatsächlich begründbar – und was ist übersteigert“, erläutert Winkler die Notwendigkeit eines Realitätschecks für die Tagesschau.

Politische und persönliche Handlungsansätze

Die Expertin betont auch, wie wichtig es sei, dass Politiker gerade jüngeren Menschen klare Botschaften vermitteln. „Ja, es wird gehandelt, wir können weiterleben. Und wir können weiter hier auf dem Planeten mit unseren Ressourcen haushalten“, so Winkler. Sie betont die Bedeutung von aktivem Engagement und gegenseitiger Motivation, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen.

Klimaangst könnte die Wohnortwahl beeinflussen

Eine kürzlich durchgeführte Umfrage, veröffentlicht von FINN Partners Research & Insights für die Meliore Foundation, zeigt auf, wie tief die Sorge um den Klimawandel in Europa verankert ist. Fast drei Viertel der Befragten äußern Besorgnis über die Auswirkungen extremer Wetterereignisse. Besonders betont werden Hitzewellen, Dürre und Wasserknappheit, Überschwemmungen sowie Waldbrände als Hauptbedenken. Die Umfrage zeigt, dass 40 Prozent der Europäer den Klimawandel als unmittelbare Bedrohung für ihre Lebensweise sehen, mehr als andere Sorgen wie künstliche Intelligenz und Pandemien.

Europäer kritisieren scharf die politischen Klimamaßnahmen

Diese europaweite Besorgnis spiegelt sich auch in der Wahrnehmung der politischen Reaktionen wider. Lediglich 17 Prozent der Befragten glauben, dass ihre nationalen Regierungen gut auf Klima- und Umweltprobleme reagieren. Noch kritischer wird die Leistung der EU bewertet: Nur 20 Prozent der Befragten sehen die Maßnahmen der EU als positiv an. Diese Ergebnisse könnten ein Weckruf für Politiker sein, ihre Strategien im Umgang mit Klimaproblemen zu überdenken und anzupassen. Ein beachtlicher Teil der Bevölkerung, insbesondere in Deutschland, wünscht sich, dass die Regierung die Kosten des Klimawandels in ihren politischen Entscheidungen priorisiert, wie der Tagesspiegel berichtet.

Was du dir merken solltest:

  • Psychotherapeuten in Deutschland berichten, dass 40 Prozent ihrer Patienten aufgrund von Klimaangst behandelt werden. Das verdeutlicht die wachsende psychische Belastung durch den Klimawandel.
  • Forschungsergebnisse zeigen, dass jeder Temperaturanstieg um einen Grad zu einem Anstieg psychischer Störungen um 0,9 Prozent führt.
  • Langfristige psychische Schäden wie posttraumatische Belastungsstörungen können aus extremen Klimaereignissen resultieren, wie das Beispiel Hurrikan Katrina zeigt.

Praktische Tipps – was tun gegen Klimaangst

  • Werde lokal aktiv: Kaufe saisonale und regionale Produkte, nutze häufiger das Fahrrad und unterstütze Umweltschutzprojekte in deiner Nachbarschaft.
  • Schließe dich mit anderen zusammen: Gemeinsam könnt ihr größere Veränderungen bewirken!

Bild: © European Union, 2024 via Wikimedia unter CC4-Lizenz

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