Tageslicht bringt bei Diabetes den Blutzucker ins Gleichgewicht

Natürliches Tageslicht stabilisiert bei Typ-2-Diabetes den Blutzucker messbar. Eine kontrollierte Studie zeigt Effekte unabhängig von Ernährung, Schlaf und Bewegung.

Frau misst ihren Blutzucker

Ein Blick auf den Blutzucker gehört für viele Menschen mit Diabetes zum Alltag – natürliches Tageslicht kann helfen, die Werte stabiler zu halten. © Unsplash

Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes richten ihren Alltag streng aus. Sie achten auf feste Essenszeiten, Bewegung und Schlaf. Medikamente gehören oft dazu. Dennoch schwankt der Blutzucker. Manchmal ohne erkennbaren Grund. Neben Ernährung und Bewegung wirkt ein weiterer, kaum beachteter Faktor auf den Blutzucker: das Tageslicht. Allein in Deutschland leben rund acht Millionen Menschen mit Diabetes, der überwiegende Teil mit Typ 2.

Im Alltag verbringen Erwachsene den Großteil ihrer Zeit in Innenräumen: Büros, Wohnungen, Verkehrsmittel. Das Licht stammt meist aus Lampen. Es ist gleichmäßig, schwach und verändert sich kaum. Natürliches Tageslicht dagegen folgt dem Rhythmus des Tages. Morgens kühl und hell. Mittags intensiv. Abends wärmer. Dieser Wechsel wirkt auf biologische Prozesse, die weit über das Sehen hinausgehen.

Warum Tageslicht Diabetes beeinflusst

Ein internationales Forschungsteam hat den Zusammenhang systematisch untersucht. Die Ergebnisse der Studie erschienen in der Fachzeitschrift Cell Metabolism. Beteiligt waren Wissenschaftler der Universität Genf, der Universität Maastricht sowie des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Düsseldorf.

An der Untersuchung nahmen ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes teil. Sie lebten mehrere Tage in speziell ausgestatteten Räumen. Einmal arbeiteten sie tagsüber bei natürlichem Licht am Fenster. Ein anderes Mal unter konstantem Kunstlicht. Alles andere blieb identisch: Mahlzeiten, Schlafzeiten, Bewegung, Medikamente. Selbst kleine Abweichungen schlossen die Forscher aus.

Der Unterschied zeigte sich schnell. Unter natürlichem Tageslicht blieb der Blutzucker stabiler. Die Werte bewegten sich deutlich länger im empfohlenen Messbereich. Gleichzeitig fielen die täglichen Schwankungen geringer aus. Künstliches Licht erzielte diesen Effekt nicht.

Was im Körper anders läuft

Licht erreicht nicht nur die Augen. Es steuert eine zentrale innere Uhr im Gehirn. Diese Uhr gibt den Takt an andere Organe weiter, etwa an Muskeln und Leber. Dort beeinflusst sie, wann Zucker aufgenommen, gespeichert oder verbrannt wird. Natürliches Tageslicht wirkt dabei stärker als künstliche Beleuchtung. Es besitzt ein breiteres Farbspektrum und eine höhere Intensität.

In der Studie veränderte sich unter Tageslicht auch der Energiehaushalt. Der Körper nutzte häufiger Fett als Brennstoff. Der Anteil der Kohlenhydratverbrennung sank. Diese Verschiebung gilt bei Typ-2-Diabetes als günstig, weil sie den Blutzucker nach Mahlzeiten entlastet.

Am Abend zeigte sich ein weiterer Effekt. Der Melatoninspiegel stieg etwas früher an. Dieses Hormon bereitet den Körper auf die Nacht vor. Ein stabiler Rhythmus unterstützt Erholung und Stoffwechsel. In Muskelzellen ließ sich zudem eine feinere Abstimmung der inneren Uhr messen. Die Abläufe liefen geordneter.

Künstliches Licht mit geringer Wirkung auf den Stoffwechsel

„Seit Jahren ist bekannt, dass gestörte innere Rhythmen eine große Rolle bei Stoffwechselkrankheiten spielen“, sagt Charna Dibner von der Universität Genf. Natürliches Licht wirke dabei effektiver als künstliche Beleuchtung. Joris Hoeks von der Uni Maastricht ergänzt: „Wir verbringen unsere Tage meist unter Licht mit geringer Intensität. Tageslicht synchronisiert die innere Uhr deutlich besser mit der Umwelt.“

Diese Aussagen erklären, warum der Effekt auch dann auftritt, wenn Ernährung und Bewegung konstant bleiben. Licht wirkt direkt auf biologische Taktgeber. Es greift tiefer als viele Alltagsfaktoren.

Tageslicht im Alltag bei Diabetes

Natürliches Tageslicht ersetzt keine Therapie, doch es kann sie sinnvoll begleiten. Der Vorteil liegt in der Einfachheit: Es braucht keinen zusätzlichen Aufwand, keine neuen Routinen. Entscheidend ist der Tagesabschnitt. Zwischen dem frühen Morgen und dem späten Nachmittag reagiert die innere Uhr besonders sensibel auf Helligkeit. In diesem Zeitfenster kann Licht den Stoffwechsel am stärksten beeinflussen – und den Blutzucker ruhiger halten.

Was sich leicht umsetzen lässt:

  • Arbeitsplätze näher am Fenster statt tief im Raum
  • Spaziergänge am Vormittag, auch bei bedecktem Himmel
  • Helle Räume in Wohnungen, Pflegeheimen und Büros

Schon diese Veränderungen erhöhen die tägliche Lichtmenge deutlich. Der Nutzen entsteht schrittweise und ohne Verzicht.

Was die Ergebnisse noch offenlassen

Die Untersuchung lief nur wenige Tage. Die Gruppe war klein und im Schnitt etwa 70 Jahre alt. Aussagen für jüngere Menschen oder längere Zeiträume brauchen weitere Daten. Auch Jahreszeiten spielen eine Rolle. Tageslicht unterscheidet sich stark zwischen Sommer und Winter.

Dennoch ist der Befund klar: Licht wirkt messbar auf den Stoffwechsel. Es beeinflusst Blutzucker, Fettverbrennung und innere Rhythmen. Faktoren, die bisher kaum beachtet wurden.

Kurz zusammengefasst:

  • Natürliches Tageslicht stabilisiert bei Menschen mit Typ-2-Diabetes den Blutzucker messbar, selbst wenn Ernährung, Bewegung, Schlaf und Medikamente unverändert bleiben.
  • Unter Tageslicht verbringt der Körper mehr Zeit im gesunden Glukosebereich, nutzt häufiger Fett als Energiequelle und zeigt geringere tägliche Blutzuckerschwankungen als unter künstlichem Licht.
  • Der Effekt entsteht durch eine bessere Abstimmung der inneren biologischen Uhr, die den Zuckerstoffwechsel steuert und durch natürliches Licht wirksamer getaktet wird.

Übrigens: Während Tageslicht den Blutzucker bei Diabetes messbar stabilisieren kann, macht nun eine weitere Entdeckung Hoffnung auf Hilfe bei einer der schmerzhaftesten Folgen der Krankheit: Nervenschäden. Forscher haben einen Mechanismus gefunden, der die Heilung blockiert – und einen Ansatz, ihn zu lösen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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