Späterer Schulbeginn bringt bessere Noten – Studie überrascht mit klaren Zahlen
Eine Schweizer Studie belegt: Flexible Schulzeiten senken Schlafmangel bei Jugendlichen und steigern messbar Mathe- und Englischleistungen.
Bei Jugendlichen verschiebt sich der natürliche Schlafrhythmus nach hinten. Beginnt die Schule sehr früh, entsteht schnell chronischer Schlafmangel. © Freepik
Viele Jugendliche kämpfen im Alltag mit Schlafmangel, weil ihre innere Uhr sich in der Pubertät nach hinten verschiebt, der Unterricht jedoch weiterhin sehr früh beginnt. Am Wochenende schlafen sie deutlich länger, unter der Woche bleiben sie oft dauerhaft übermüdet. Dahinter steckt kein mangelnder Ehrgeiz, sondern Biologie. Wer jeden Morgen gegen den eigenen Rhythmus aufstehen muss, sammelt schnell ein Schlafdefizit an – mit spürbaren Folgen für Gesundheit und Lernfähigkeit.
Ein Forschungsteam der Universität Zürich hat nun untersucht, was passiert, wenn Schulen darauf reagieren. Zwei Sekundarschulen im Kanton St. Gallen führten flexible Startzeiten ein. Schüler konnten wählen, ob sie um 7.30 Uhr oder erst um 8.30 Uhr beginnen. Der Unterrichtsumfang blieb gleich. Niemand musste Stoff nachholen, der Schultag wurde nicht verlängert.
Jugendliche reduzieren Schlafmangel durch späteren Start
Im alten Modell begann der Unterricht um 7.20 Uhr. Nach der Umstellung verschob sich der durchschnittliche Start um 38 Minuten nach hinten. 95 Prozent der Jugendlichen nutzten die spätere Option regelmäßig.
Die Wirkung zeigte sich sofort am Morgen. Die Jugendlichen standen im Schnitt 40 Minuten später auf. Abends gingen sie jedoch nicht später ins Bett. Dadurch verlängerte sich die Schlafdauer an Schultagen von 8,25 auf 9 Stunden. Das bedeutet rund 45 Minuten mehr Schlaf pro Nacht.
Über eine Schulwoche summiert sich das auf mehrere zusätzliche Stunden Erholung. Für Heranwachsende im Alter von etwa 14 Jahren ist das ein relevanter Unterschied.
Weniger Einschlafprobleme und bessere Testergebnisse
Insgesamt nahmen 754 Schüler an der Studie teil. Die Teilnahmequote lag bei über 85 Prozent im ersten Jahr und fast 99 Prozent im zweiten. 212 Jugendliche konnten über beide Zeitpunkte hinweg verglichen werden. Neben dem Schlaf erfasste das Team auch Gesundheit und Leistung. Dabei zeigten sich klare Veränderungen:
- Weniger Probleme beim Einschlafen
- Weniger Jugendliche mit auffällig niedriger Lebensqualität
- Bessere Ergebnisse in standardisierten Tests
In Mathematik stiegen die Testwerte im Durchschnitt um 26,6 Punkte. In Englisch legten sie um 43,8 Punkte zu. Die regulären Schulnoten blieben weitgehend stabil. Standardisierte Tests gelten als objektiver, weil sie landesweit vergleichbar sind.
Studienleiterin Joëlle Albrecht fasst es so zusammen: „Die Schülerinnen und Schüler berichteten über weniger Einschlafprobleme, und die gesundheitsbezogene Lebensqualität stieg.“ Co-Autor Reto Huber ergänzt: „Ein späterer Unterrichtsbeginn kann einen wichtigen Beitrag leisten, um die aktuelle psychische Belastung von Jugendlichen zu verringern.“
Schlafmangel betrifft Gesundheit und Lernen bei
Kinderarzt Oskar Jenni von der Uni Zürich warnt seit Jahren vor den Folgen chronischer Übermüdung:
Chronischer Schlafmangel beeinträchtigt nicht nur das Wohlbefinden, sondern wirkt sich messbar auf die psychische Gesundheit, die körperliche Entwicklung und die Lernfähigkeit aus.
Die biologische Grundlage ist gut erforscht. In der Pubertät wird das Schlafhormon Melatonin später ausgeschüttet. Gleichzeitig baut sich der sogenannte Schlafdruck langsamer auf. Jugendliche können daher abends nicht einfach früher einschlafen, selbst wenn sie es wollen. Ein früher Schulstart zwingt sie, gegen diesen Rhythmus aufzustehen. Mit jedem Wochentag wächst das Schlafdefizit.
Flexible Modelle gelten als praktikabler Weg
Internationale Studien belegen seit Jahren die Vorteile späterer Schulzeiten. Neu ist hier der flexible Ansatz. Die Jugendlichen konnten selbst entscheiden, wann sie beginnen. Das senkt organisatorische Hürden und vermeidet Konflikte mit Stundenplänen oder Nachmittagsangeboten. Laut dem Schweizer Gesundheitsobservatorium berichteten 2022 rund 47 Prozent der 11- bis 15-Jährigen über wiederkehrende psychische Beschwerden wie Niedergeschlagenheit, Erschöpfung oder Schlafprobleme. Flexible Schulzeiten gelten daher als ein vergleichsweise einfacher Hebel. 38 Minuten späterer Beginn führten zu:
- 45 Minuten mehr Schlaf pro Schultag
- messbaren Leistungssteigerungen in Mathematik und Englisch
- weniger Einschlafproblemen
Kurz zusammengefasst:
- In der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr nach hinten, deshalb leiden viele Jugendliche bei frühem Unterricht unter chronischem Schlafmangel – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus biologischen Gründen.
- Eine Schweizer Untersuchung mit 754 Schülern zeigt: Beginnt die Schule im Schnitt 38 Minuten später, schlafen Jugendliche rund 45 Minuten länger, ohne später ins Bett zu gehen.
- Mehr Schlaf ging mit weniger Einschlafproblemen und deutlich besseren Ergebnissen in standardisierten Tests in Mathematik (+26,6 Punkte) und Englisch (+43,8 Punkte) einher – ohne negative Nebenwirkungen.
Übrigens: Wer weiß, dass stressige Tage bevorstehen, kann mit „Sleep Banking“ gezielt vorsorgen – zusätzlicher Schlaf vorab hält länger wach und konzentriert. Warum Vorschlafen oft wirksamer ist als späteres Nachholen, mehr dazu in unserem Artikel.
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