Mangelernährung im Krankenhaus: Betroffene sterben mehr als doppelt so häufig

In deutschen Kliniken wird Mangelernährung selten erkannt. Betroffene haben eine höhere Sterblichkeit und müssen häufiger zurück.

Für schwer kranke Patienten reicht gewöhnliches Krankenhausessen nicht immer aus. Manche benötigen zusätzliche Proteine, Trinknahrung oder Hilfe beim Essen. © Wikimedia

Für schwer kranke Patienten reicht gewöhnliches Krankenhausessen nicht immer aus. Manche benötigen zusätzliche Proteine, Trinknahrung oder Hilfe beim Essen. © Benreis via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

Im Krankenhaus soll der Körper wieder zu Kräften kommen. Doch vielen Patienten fehlt dafür eine wichtige Voraussetzung: ausreichend Nahrung und lebenswichtige Nährstoffe. Die Folgen können gravierend sein. Patienten mit diagnostizierter Mangelernährung starben innerhalb von 90 Tagen mehr als doppelt so häufig wie vergleichbare Patienten ohne diese Diagnose. Ihre Sterblichkeit lag bei 18,2 Prozent, gegenüber 7,3 Prozent in der Kontrollgruppe. Auch das Risiko einer erneuten Krankenhauseinweisung war erhöht.

Besonders beunruhigend ist, wie selten Ärzte eine Mangelernährung im Krankenhaus überhaupt dokumentieren. Eine bundesweite Untersuchung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des Universitätsklinikums Würzburg ergab eine Diagnosequote von lediglich rund 1,2 Prozent. Dafür werteten die Forscher Krankenkassendaten aus, in denen nur ärztlich dokumentierte Diagnosen erfasst waren. Frühere Untersuchungen, bei denen der Ernährungszustand der Patienten medizinisch überprüft wurde, hatten dagegen bei mindestens 30 Prozent eine Mangelernährung festgestellt. Die Zahlen sind deshalb nicht direkt vergleichbar, deuten aber auf eine erhebliche Versorgungslücke hin.

Schwere Mangelernährung bleibt in Kliniken häufig unerkannt

Wie verbreitet das Problem ist, verdeutlicht der 15. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) vom November 2024. Zwischen 2019 und 2022 waren demnach 33,9 Prozent der untersuchten Krankenhauspatienten mangelernährt. Bei 21 Prozent lag sogar eine schwere Mangelernährung vor.

„Mangelernährung ist in deutschen Krankenhäusern ein unterschätztes Problem“, erklärt die Ernährungsmedizinerin Katharina Hupa-Breier von der MHH. Lediglich 2,77 bis 4,45 Prozent der Patienten mit entsprechender Diagnose erhielten laut Abrechnungsdaten eine künstliche Ernährung über den Verdauungstrakt oder die Blutbahn. Andere Maßnahmen wie Trinknahrung oder angepasste Kost sind darin nicht vollständig erfasst. Wie viele Betroffene insgesamt eine Ernährungstherapie erhalten, bleibt deshalb unklar.

Auch normalgewichtige Patienten können mangelernährt sein

Mangelernährung ist nicht zwangsläufig an Untergewicht erkennbar. Auch Menschen mit normalem Körpergewicht können zu wenig Eiweiß, Vitamine oder Mineralstoffe aufnehmen. Über längere Zeit kann der Körper dadurch Muskelmasse verlieren. Körperliche und geistige Funktionen können nachlassen, die Genesung kann sich verzögern.

Besonders gefährdet sind Menschen mit schweren Erkrankungen. Dabei können unterschiedliche Ursachen zu einem Nährstoffdefizit führen:

  • Krebs: Tumorerkrankungen können den Appetit vermindern und den Stoffwechsel verändern.
  • Magen-Darm-Erkrankungen: Der Körper kann Nährstoffe aus der Nahrung schlechter aufnehmen.
  • Infektionen und Medikamente: Erkrankungen und bestimmte Arzneimittel können die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen.

Bereits 2024 kritisierte die DGE die niedrigen Ausgaben für Krankenhausessen. Demnach gaben Kliniken damals häufig nur fünf bis sechs Euro pro Patient und Tag für Lebensmittel aus. Kosten für Personal und Zubereitung waren darin nicht enthalten.

Für schwer kranke Patienten reicht eine gewöhnliche Mahlzeit zudem nicht immer aus. Manche benötigen besonders eiweißreiche Kost, zusätzliche Trinknahrung oder Unterstützung beim Essen. Entscheidend ist, ob sie tatsächlich genügend Energie und Nährstoffe aufnehmen. Die aktuelle Untersuchung aus Hannover und Würzburg erfasste allerdings nicht, welche Mahlzeiten die Patienten erhielten oder wie viel sie davon aßen.

Fast jeder zweite Betroffene muss erneut ins Krankenhaus

Innerhalb von 90 Tagen nach der Entlassung wurden 44,9 Prozent der Patienten mit diagnostizierter Mangelernährung erneut stationär aufgenommen. Bei vergleichbaren Patienten ohne diese Diagnose waren es 37,8 Prozent. Für den Vergleich berücksichtigten die Wissenschaftler Alter, Geschlecht und bestehende Erkrankungen.

Auch langfristig waren die Überlebenschancen schlechter. Innerhalb eines Jahres starben 31,7 Prozent der mangelernährten Patienten, gegenüber 16,3 Prozent in der Kontrollgruppe. Für die Sterblichkeitsanalyse werteten die Wissenschaftler Daten von insgesamt 130.705 Patienten aus. Allerdings lässt sich die höhere Sterblichkeit nicht allein auf den Nährstoffmangel zurückführen. Auch Unterschiede in der Schwere der Erkrankungen können die Ergebnisse beeinflussen.

Hinzu kommen erhebliche Kosten: Innerhalb eines Jahres lagen die durchschnittlichen Gesundheitsausgaben bei Patienten mit diagnostizierter Mangelernährung bei 18.052 Euro. Das waren 4.396 Euro mehr als in der Vergleichsgruppe. Zudem erhielten Frauen mit dokumentierter Mangelernährung seltener eine künstliche Ernährung als Männer. Die behandelten Patienten waren im Durchschnitt jünger als die unbehandelten. Welche Gründe hinter diesen Unterschieden stehen, bleibt offen.

Krankenkasse finanziert zusätzliche Ernährungskontrollen

Die Medizinische Hochschule Hannover hat deshalb mit der Techniker Krankenkasse einen Qualitätsvertrag geschlossen. Versicherte der TK sollen bei ihrer Aufnahme in die beteiligte Klinik auf mögliche Ernährungsdefizite untersucht werden. Bei längeren Aufenthalten und vor der Entlassung sind weitere Kontrollen vorgesehen.

Bei festgestellter Mangelernährung erhalten die Betroffenen eine individuell angepasste Behandlung. Die TK finanziert dafür zusätzliche Leistungen. Bisher fehlen vielen Krankenhäusern entsprechende Vergütungsstrukturen. Die Ergebnisse des Versorgungsmodells sollen auch dem Gemeinsamen Bundesausschuss zur Verfügung stehen. Dieser soll verbindliche Qualitätsanforderungen für die Erkennung und Behandlung von Mangelernährung entwickeln.

„Wir müssen gefährdete Patientinnen und Patienten frühzeitig erkennen und durch strukturierte Screenings und individuelle Ernährungstherapie besser versorgen“, fordert Hupa-Breier.

Kurz zusammengefasst:

  • Mangelernährung bleibt häufig unerkannt: Nur bei rund 1,2 Prozent der Krankenhauspatienten wird sie dokumentiert, obwohl deutlich mehr betroffen sind – auch Menschen mit Normalgewicht.
  • Betroffene sterben mehr als doppelt so häufig: Innerhalb von 90 Tagen starben 18,2 Prozent gegenüber 7,3 Prozent in der Vergleichsgruppe, ohne dass damit ein ursächlicher Zusammenhang bewiesen ist.
  • Früherkennung soll die Versorgung verbessern: Regelmäßige Ernährungskontrollen können Nährstoffmangel aufdecken und eine gezielte Behandlung ermöglichen.

Übrigens: Bestimmte Eiweiße aus Milch und Fleisch konnten in Tierversuchen die Immunabwehr im Dünndarm aktivieren und dort das Tumorwachstum bremsen. Ob das auch beim Menschen funktioniert, ist noch ungeklärt – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Benreis via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

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