Schlaganfall-Risiko schon mit 60 erkennen? „Stille“ Hirnschäden könnten frühe Hinweise liefern

Ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko könnte sich bei Menschen in ihren 60ern durch schwächere Gedächtnis- und Denkleistungen ankündigen.

Besonders bei 60- bis 69-Jährigen hing eine schwächere geistige Leistung mit einem später höheren Schlaganfallrisiko zusammen. © Unsplash

Besonders bei 60- bis 69-Jährigen hing eine schwächere geistige Leistung mit einem später höheren Schlaganfallrisiko zusammen. © Unsplash

Ein Schlaganfall kommt oft plötzlich, doch Veränderungen im Gehirn können sich lange vorher entwickeln. Laut der American Heart Association (AHA) legt eine neue Studie nahe, dass sich ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko bei Menschen in ihren 60ern möglicherweise auch in einfachen Tests zu Gedächtnis, Denkvermögen und Verarbeitungsgeschwindigkeit ablesen lässt. Wer dort deutlich schlechter abschnitt als Gleichaltrige, erlitt in den folgenden Jahren häufiger einen ersten Schlaganfall.

Für die Studie werteten schwedische Wissenschaftler Daten von 4.912 Erwachsenen ab 60 Jahren aus. Keiner der Teilnehmer hatte zu Beginn eine Demenz, einen früheren Schlaganfall oder eine Durchblutungsstörung im Gehirn. Über durchschnittlich 12,3 Jahre verfolgten die Forscher, wie sich die Gesundheit der Teilnehmer entwickelte. In diesem Zeitraum erlitten 572 Menschen erstmals einen Schlaganfall.

Mit 60 hängt das Schlaganfall-Risiko deutlich mit der Denkleistung zusammen

Am stärksten fiel der Unterschied bei Menschen zwischen 60 und 69 Jahren aus. Die Forscher teilten die Testergebnisse innerhalb der jeweiligen Altersgruppen in niedrige, mittlere und hohe Leistungen ein. Verglichen wurden anschließend Menschen mit besonders schwachen und besonders guten Ergebnissen.

Dabei ergaben sich deutliche Unterschiede:

  • Eine niedrige allgemeine Denkleistung ging mit einem um 86 Prozent höheren Schlaganfallrisiko einher.
  • Schwächere Gedächtnisleistungen waren mit einem um 68 Prozent höheren Risiko verbunden.
  • Bei langsamerer Informationsverarbeitung lag das Risiko 66 Prozent höher.

Diese Werte bedeuten allerdings nicht, dass schwache Testergebnisse einen Schlaganfall verursachen. Die Untersuchung erfasst einen statistischen Zusammenhang. Ob geringere geistige Leistungen selbst zur Erkrankung beitragen oder ob hinter beiden Entwicklungen dieselben Veränderungen im Gehirn stecken, bleibt offen.

Warum der Zusammenhang im höheren Alter schwächer wird

Auffällig war, dass sich das Muster bei den älteren Teilnehmern nicht fortsetzte. Bei den 70- bis 79-Jährigen sowie bei Menschen ab 80 verschwand der Zusammenhang, nachdem die Forscher weitere Gesundheits- und Lebensstilfaktoren berücksichtigt hatten.

„Die ältere Bevölkerung ist sehr unterschiedlich“, sagt Studienautorin Alice Askemyr von der Universität Lund und dem Universitätsklinikum Skåne. Menschen in ihren 60ern hätten häufig noch vergleichsweise wenige Erkrankungen. In den 80ern kämen dagegen oft mehrere Krankheiten und verschiedene Medikamente zusammen. Dadurch lasse sich schwerer erkennen, welcher einzelne Faktor mit dem Schlaganfallrisiko zusammenhängt.

Stille Hirnschäden könnten früh Spuren hinterlassen

Eine mögliche Erklärung liegt in sogenannten stillen Hirnschäden. Solche Veränderungen verursachen nicht unbedingt auffällige Beschwerden und bleiben deshalb oft unbemerkt. „Solche ‚stillen‘ Hirnschäden können sowohl die kognitive Leistungsfähigkeit als auch das künftige Schlaganfallrisiko beeinflussen“, sagt Askemyr.

Nach Angaben der Forscherin treten solche Veränderungen bei älteren Menschen häufig auf und betreffen etwa 70 Prozent der Erwachsenen über 70 Jahre. Bei Menschen in ihren 60ern könnten sie leichter auffallen, weil andere Erkrankungen oder Medikamente das Ergebnis noch weniger stark beeinflussen.

Ein einfacher Test könnte zusätzliche Hinweise liefern

Die Forscher sehen deshalb die Möglichkeit, kognitive Tests künftig stärker in die Einschätzung des Schlaganfallrisikos einzubeziehen. Solche Untersuchungen prüfen beispielsweise Gedächtnis, Wortfindung, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Problemlösung. Sie könnten zusätzliche Informationen liefern, wenn Ärzte bekannte Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Gefäßerkrankungen beurteilen.

Auch die Neurologin Elisabeth Breese Marsh von der Johns Hopkins University äußerte sich zur Studie. „Auch Menschen in ihren 40ern und 50ern sollten bereits auf veränderbare Risikofaktoren und Gewohnheiten achten, die eine gute Gehirngesundheit unterstützen“, sagt sie. Noch sei nicht geklärt, ob eine eingeschränkte Denkleistung selbst das Schlaganfallrisiko erhöht. Die Tests könnten aber helfen, Menschen zu erkennen, bei denen eine genauere medizinische Einschätzung sinnvoll erscheint.

Schwache Testergebnisse sind kein Vorzeichen für einen nahen Schlaganfall

Aus einem schlechten Ergebnis bei einem Gedächtnis- oder Denktest lässt sich nicht ableiten, dass ein Schlaganfall unmittelbar bevorsteht. Auch Schlaf, Erkrankungen, Medikamente oder andere Belastungen können die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Hinzu kommt eine weitere Einschränkung: Alle Teilnehmer lebten in Schweden. Unterschiede bei Gesundheitsversorgung, Lebensstil und sozialen Bedingungen können beeinflussen, wie gut sich die Ergebnisse auf andere Länder übertragen lassen. Ob kognitive Tests tatsächlich dabei helfen können, Schlaganfälle früher zu verhindern, müssen weitere Untersuchungen klären.

Kurz zusammengefasst:

  • Bei 60- bis 69-Jährigen gingen schwächere Ergebnisse bei Gedächtnis, Denkleistung und Verarbeitungsgeschwindigkeit mit einem höheren späteren Schlaganfallrisiko einher.
  • Die Untersuchung belegt keinen ursächlichen Zusammenhang. Stille Hirnschäden könnten sowohl die geistige Leistung als auch das Schlaganfallrisiko beeinflussen.
  • Kognitive Tests könnten künftig zusätzliche Hinweise liefern, ersetzen aber keine medizinische Einschätzung bekannter Gefäß- und Gesundheitsrisiken.

Übrigens: Menschen mit Parodontitis und Karies hatten in einer US-Langzeitstudie ein um 86 Prozent höheres Schlaganfall-Risiko als Menschen mit gesunden Zähnen und gesundem Zahnfleisch. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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