2022 lagen die USA klar vorn – jetzt arbeiten mehr Spitzen-KI-Forscher in China – Deutschland spielt nur Nebenrolle

Eine neue Analyse zeigt einen Machtwechsel bei KI-Talenten: China liegt beim Arbeitsort vor den USA, Deutschland folgt mit Abstand.

China bildet immer mehr Spitzenkräfte für die KI-Forschung selbst aus – und hält einen wachsenden Teil davon im eigenen Land.

China bildet immer mehr Spitzenkräfte für die KI-Forschung selbst aus – und hält einen wachsenden Teil davon im eigenen Land. © Pexels

Jahrelang schien die Sache ziemlich eindeutig: Wer bei künstlicher Intelligenz ganz vorne forschen wollte, landete früher oder später in den USA. Dort sitzen die großen Techkonzerne, Spitzenuniversitäten und einige der wichtigsten KI-Labore der Welt. Doch innerhalb von nur drei Jahren hat sich etwas Bemerkenswertes verschoben.

2022 arbeiteten noch 46 Prozent der untersuchten Spitzen-KI-Forscher in den USA und 27 Prozent in China. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgedreht: 41 Prozent arbeiten in China, nur noch 34 Prozent in den USA. Das zeigt eine neue Auswertung von Carnegie China, dem auf China spezialisierten Forschungszentrum des US-Thinktanks CarnegieEndowment for International Peace.

Und Deutschland? Im globalen Wettlauf um die KI-Spitze spielen Deutschland und Europa gegenüber China und den USA offenbar nicht in der ersten Liga. Ein zweiter, deutlich breiterer Datensatz zeigt allerdings: Innerhalb Europas gehört Deutschland zu den stärksten KI-Standorten.

China bildet inzwischen mehr als die Hälfte der untersuchten KI-Spitze aus

Für ihre Analyse nahmen Damien Ma und Binyi Yang von Carnegie China die Autoren wissenschaftlicher Arbeiten unter die Lupe, die 2025 auf der renommierten KI-Konferenz NeurIPS angenommen wurden. Der Datensatz umfasst 5.823 Arbeiten mit 25.677 unterschiedlichen Autoren. Für 10.280 von ihnen konnten die Analysten Ausbildung und beruflichen Werdegang nachvollziehen.

Dabei zeigt sich, wie stark sich das Zentrum der KI-Ausbildung nach China verschoben hat:

  • 57 Prozent der untersuchten Spitzenforscher absolvierten ihr Erststudium an einer chinesischen Hochschule – 2022 waren es noch 46 Prozent.
  • Nur noch 13 Prozent wurden in den USA ausgebildet.
  • 69 Prozent der in China ausgebildeten KI-Forscher arbeiten inzwischen auch dort – 2022 waren es 57 Prozent.

China bildet damit mehr als die Hälfte der in dieser Stichprobe erfassten internationalen KI-Spitze selbst aus. Gleichzeitig gelingt es dem Land zunehmend, diese Fachleute nach ihrer Ausbildung auch zu halten.

USA locken besonders viele ausländische KI-Talente an

Chinas Spitzenposition hat allerdings eine Besonderheit: Sie beruht vor allem auf Forschern, die das Land selbst ausgebildet hat. Die USA profitieren dagegen wesentlich stärker vom Zuzug internationaler Talente.

Carnegie kommt für die untersuchte Gruppe auf einen Wanderungssaldo von plus 2.145 Forschern für die USA. Deutlich mehr im Ausland ausgebildete KI-Forscher wechseln also zum Arbeiten in die Vereinigten Staaten als dort ausgebildete Forscher ins Ausland.

Bei China ist das Verhältnis umgekehrt. Das Land bildet inzwischen so viele Spitzenforscher aus, dass ein Teil von ihnen im Ausland arbeitet. Gleichzeitig wechseln weniger im Ausland ausgebildete Forscher nach China. Daraus ergibt sich ein Wanderungssaldo von minus 1.729.

Trotzdem arbeiten inzwischen 41 Prozent der untersuchten Spitzenforscher in China. Der Grund dafür ist der enorme eigene Talentpool: 57 Prozent der untersuchten Forscher absolvierten ihr Erststudium dort. Und auch bei der Bindung eigener Talente holt China auf. 69 Prozent der dort ausgebildeten Forscher arbeiten später im Land. In den USA sind es 89 Prozent.

Deutschland kommt bei KI-Forschern und Ingenieuren auf Platz vier

Deutschland und Europa erreichen bei der von Carnegie untersuchten KI-Spitze nicht die Dimensionen Chinas und der USA. Wie groß Deutschlands KI-Pool dennoch ist, zeigt eine breiter angelegte Untersuchung des europäischen Thinktanks Interface.

Für die Studie „Talent in, Talent out“ wurden rund 1,6 Millionen technische KI-Fachkräfte betrachtet. Deutschland kommt darin auf etwa 117.000 KI-Fachkräfte und belegt bei der absoluten Zahl Platz fünf unter den untersuchten Ländern.

Besonders weit vorne liegt Deutschland bei den von Interface als „AI Researchers & Engineers“ bezeichneten Spezialisten. Sie forschen etwa an Deep Learning und anderen fortgeschrittenen Verfahren des maschinellen Lernens oder entwickeln entsprechende Systeme. Die wichtigsten Deutschland-Zahlen:

  • 117.000 KI-Fachkräfte arbeiten insgesamt in Deutschland – Platz fünf unter den untersuchten Ländern.
  • Mehr als 17.000 KI-Forscher und -Ingenieure zählt Interface hierzulande – damit erreicht Deutschland Platz vier.
  • München kommt allein auf mehr als 3.000 dieser spezialisierten Fachkräfte, Berlin auf rund 2.850.

Die Zahlen lassen sich allerdings nicht direkt mit den Carnegie-Daten vergleichen. Carnegie betrachtet Autoren einer internationalen KI-Spitzenkonferenz, Interface eine wesentlich größere Gruppe beruflicher KI-Profile. Zudem fehlt China im zentralen Interface-Ländervergleich aufgrund unzureichender Datenabdeckung.

München hat mehr KI-Fachkräfte als Berlin

Wie sich Deutschlands KI-Kompetenz verteilt, zeigt die Interface-Untersuchung „Germany’s AI Divide“. Dafür wurden rund 117.000 KI-Talentprofile sowie Daten zu 2.469 deutschen KI-Unternehmen ausgewertet.

Den größten Talentpool besitzt Bayern mit etwa 29.500 KI-Fachkräften, gefolgt von Baden-Württemberg mit rund 24.500 und Nordrhein-Westfalen mit etwa 20.000. Zusammen stellen diese drei Bundesländer fast zwei Drittel der erfassten deutschen KI-Arbeitskräfte.

Bei den Städten liegt München mit ungefähr 20.000 KI-Fachkräften vor Berlin mit rund 17.500. Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Konzentration in Berlin allerdings höher. Zudem sitzen dort 808 der 2.469 von Interface erfassten deutschen KI-Unternehmen.

Auch beim eigenen Nachwuchs legt Deutschland zu. 49,8 Prozent der hier arbeitenden KI-Fachkräfte haben ihren Hochschulabschluss in Deutschland erworben. Ein Jahr zuvor waren es 46 Prozent.

Europa lässt sich in der Carnegie-Analyse nur eingeschränkt beurteilen

Gerade die Zahlen für Europa sind mit Vorsicht zu betrachten. Für lediglich 40 Prozent der NeurIPS-Autoren lagen vollständige Angaben zu Ausbildung und Karriereweg vor. Diese Teilgruppe wurde nicht zufällig ausgewählt. Carnegie weist deshalb darauf hin, dass Aussagen über die Entwicklung Europas von der Zusammensetzung der Stichprobe beeinflusst sein können.

Die Verschiebung zwischen China und den USA überprüften die Analysten dagegen mit zusätzlichen Stichproben. Der grundlegende Befund blieb bestehen.

Computerchips und Rechenzentren kann man bauen. Doch ohne Menschen, die neue Modelle, Algorithmen und Verfahren entwickeln, bleibt selbst die leistungsfähigste Hardware nur Hardware. Der internationale Wettlauf um künstliche Intelligenz ist deshalb längst auch ein Wettlauf um Köpfe.

Kurz zusammengefasst:

  • China hat die USA als Arbeitsort der untersuchten Spitzen-KI-Forscher überholt: 41 Prozent arbeiten dort, in den USA sind es 34 Prozent.
  • China bildet besonders viele KI-Talente selbst aus: 57 Prozent der untersuchten Forscher absolvierten ihr Erststudium dort; die USA ziehen dagegen besonders viele Talente aus dem Ausland an.
  • Deutschland liegt hinter China und den USA, gehört innerhalb Europas aber zu den großen KI-Standorten: Interface zählt hier rund 117.000 KI-Fachkräfte.

Übrigens: Nicht nur Spitzenforscher bleiben häufiger in China – auch immer mehr gut ausgebildete Chinesen kehren nach Jahren im Ausland zurück. Welche Branchen besonders davon profitieren, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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