Psychische Erkrankungen verkürzen die Lebenserwartung – bei Männern um zwölf Jahre

Eine Studie mit 255.448 Patienten zeigt: Psychische Erkrankungen gehen weiter mit deutlich geringerer Lebenserwartung einher.

Psychische Erkrankungen kosten Männer im Schnitt zwölf Lebensjahre – vor allem körperliche Begleiterkrankungen tragen zu der hohen zusätzlichen Sterblichkeit bei. © Unsplash

Psychische Erkrankungen kosten Männer im Schnitt zwölf Lebensjahre – vor allem körperliche Begleiterkrankungen tragen zu der hohen zusätzlichen Sterblichkeit bei. © Unsplash

Zwölf Jahre Lebenserwartung fehlen Männern mit stationär behandelten psychischen Erkrankungen in Queensland im Vergleich zur übrigen Bevölkerung. Bei Frauen sind es 9,4 Jahre. Das Problem ist keineswegs nur australisch: Auch in Deutschland leben Menschen mit psychischen Erkrankungen laut DGPPN im Durchschnitt rund zehn Jahre kürzer. Einen großen Anteil an der zusätzlichen Sterblichkeit haben körperliche Krankheiten.

Für die im Fachjournal The Lancet Regional Health – Western Pacific veröffentlichte Untersuchung wurden in Queensland Gesundheitsdaten von 255.448 Menschen mit stationär behandelten psychischen Erkrankungen ausgewertet. „Was wir gefunden haben, war zugleich ermutigend und besorgniserregend“, sagt Studienleiter Mike Trott von der University of Queensland.

Psychische Erkrankungen kosten viele Jahre Lebenserwartung

Die Wissenschaftler werteten Krankenhaus- und Sterberegisterdaten von 2009 bis 2023 aus. Insgesamt kamen mehr als 2,2 Millionen Personenjahre zusammen. Während dieses Zeitraums starben 28.764 Teilnehmer. Berücksichtigt wurden unter anderem Schizophrenie, andere Psychosen, Depressionen, neurotische Erkrankungen sowie Alkohol- und Substanzkonsumstörungen. Menschen mit Demenz wurden nicht einbezogen.

Bei Frauen mit stationär behandelten psychischen Erkrankungen stieg die errechnete Lebenserwartung im Untersuchungszeitraum von 71,5 auf 76,1 Jahre, bei Männern von 64,2 auf 69,3 Jahre. Damit holte diese Patientengruppe gegenüber der Allgemeinbevölkerung etwas auf: Zwar nahm auch dort die Lebenserwartung zu, allerdings weniger stark. Der Abstand zwischen beiden Gruppen wurde deshalb kleiner. Männer mit psychischen Erkrankungen lebten zu Beginn noch durchschnittlich 16,7 Jahre kürzer als Männer der Allgemeinbevölkerung, zuletzt waren es 12,1 Jahre. Bei Frauen verringerte sich diese Lücke von 13,4 auf 9,4 Jahre.

Bei Schizophrenie bleibt die Lücke nahezu unverändert

Bei Schizophrenie fällt die Entwicklung wesentlich schlechter aus. Männer mit dieser Diagnose lagen zu Beginn 14,6 Jahre hinter der Allgemeinbevölkerung, am Ende waren es 14,2 Jahre. Bei Frauen stieg der Abstand rechnerisch sogar von 13,5 auf 14,8 Jahre. Für beide Geschlechter war die Veränderung statistisch nicht signifikant. Von einer Verschlechterung lässt sich deshalb nicht sicher sprechen – von einer erkennbaren Verbesserung aber ebenfalls nicht.

Noch größer blieb der Rückstand bei Männern mit Alkohol- oder Substanzkonsumstörungen. In der jüngsten untersuchten Periode von 2021 bis 2023 betrug er 16 Jahre. Bei Depressionen waren es dagegen 7,7 Jahre, bei Stress- und Anpassungsstörungen 6,4 Jahre. Damit unterscheiden sich die Diagnosegruppen erheblich.

Körperliche Krankheiten verursachen besonders viele zusätzliche Todesfälle

Auffällig ist vor allem, woran die Betroffenen sterben. Suizid bleibt ein großes Problem und war bei Männern die wichtigste einzelne Ursache für zusätzliche Todesfälle. Zusammengenommen forderten körperliche Erkrankungen jedoch wesentlich mehr Leben. Bei Männern entfielen darauf 440 zusätzliche Todesfälle je 100.000 Personenjahre, auf Suizid 163,7. Bei Frauen lagen die Werte bei 441,9 beziehungsweise 83,5.

Damit war die zusätzliche Sterblichkeit durch körperliche Erkrankungen bei Männern rund 2,7-mal so hoch wie durch Suizid, bei Frauen sogar mehr als fünfmal so hoch. Krebs und Herzkrankheiten gehörten zu den wichtigsten Ursachen. Bei Männern kamen auf 100.000 Personenjahre 112,9 zusätzliche Krebstodesfälle und 109,1 zusätzliche Todesfälle durch koronare Herzkrankheit. Bei Frauen lag die koronare Herzkrankheit mit 101,7 zusätzlichen Todesfällen vorn, gefolgt von Krebs mit 89,4.

Herz und Stoffwechsel belasten Menschen mit Schizophrenie stark

Gerade bei Schizophrenie häuften sich zusätzliche Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Autoren nennen mehrere mögliche Erklärungen. Dazu gehören Stoffwechselprobleme, Substanzkonsum, soziale Benachteiligung und Schwierigkeiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung. Auch einige antipsychotische Medikamente können Gewichtszunahme, ungünstige Blutfettwerte und Probleme mit dem Zuckerstoffwechsel begünstigen. Diese Faktoren wurden in der Untersuchung allerdings nicht als direkte Ursachen getestet.

Menschen mit psychischen Erkrankungen erhalten laut den von den Autoren herangezogenen Vorarbeiten zudem seltener bestimmte herzschützende Medikamente, nehmen seltener an Krebsfrüherkennungsprogrammen teil und bekommen teilweise seltener eine leitliniengerechte Behandlung körperlicher Erkrankungen. „Körperliche Erkrankungen sind der Haupttreiber der zusätzlichen Sterblichkeit“, erklärt Trott. Neben der psychiatrischen Behandlung müsse deshalb auch die körperliche Gesundheit stärker berücksichtigt werden.

Ergebnisse gelten für stationär behandelte Patienten

Die Zahlen lassen sich nicht auf alle Menschen mit psychischen Erkrankungen übertragen. Erfasst wurden Erwachsene, die mit einer psychiatrischen Hauptdiagnose im Krankenhaus behandelt worden waren. Menschen, die ausschließlich ambulante Hilfe erhielten, fehlen. Die untersuchte Gruppe dürfte deshalb im Durchschnitt schwerer erkrankt sein als die gesamte Bevölkerung mit psychischen Erkrankungen.

Trotzdem fällt die Entwicklung über 14 Jahre deutlich aus. Die allgemeine Sterblichkeit der psychiatrischen Kohorte näherte sich der übrigen Bevölkerung an. Bei Männern sank das standardisierte Sterblichkeitsverhältnis von 3,12 auf 2,10, bei Frauen von 2,35 auf 1,73. Menschen mit Schizophrenie und verwandten Psychosen haben von diesem Fortschritt bislang jedoch wesentlich weniger profitiert.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen mit stationär behandelten psychischen Erkrankungen haben eine deutlich geringere Lebenserwartung; in Queensland lag die Lücke zuletzt bei 12,1 Jahren für Männer und 9,4 Jahren für Frauen.
  • Die Lebenserwartung hat sich seit 2009 verbessert, doch bei Schizophrenie blieb der Abstand zur Allgemeinbevölkerung nahezu unverändert.
  • Den größten Anteil an der zusätzlichen Sterblichkeit haben körperliche Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs, nicht Suizid allein.

Übrigens: Psychische Erkrankungen können nicht nur die Lebenserwartung verkürzen – selbst nach einer überstandenen Depression bleibt der Körper oft messbar verändert. Ein schwächerer Händedruck kann darauf hinweisen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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