Verkehrslärm macht selbst Vogelgezwitscher weniger erholsam – schon bei überraschend niedriger Lautstärke
Schon leiser Verkehrslärm schwächt die Erholung durch Vogelgezwitscher – selbst bei Pegeln um 43 Dezibel.
Der Gesang von Vögeln kann entspannend wirken. Verkehrslärm schwächt diesen Effekt jedoch bereits bei vergleichsweise niedrigen Geräuschpegeln. © Pexels
Ein Park kann grün sein, voller Bäume und Vogelstimmen – und trotzdem kaum Ruhe bringen. Schon eine nahe Straße kann genügen, damit aus Naturklang wieder Stadtstress wird.
Genau das haben Forscher der University of Surrey untersucht. Sie spielten Menschen Vogelstimmen vor und mischten unterschiedlich starken Straßenverkehr dazu. Insgesamt nahmen 1529 Personen an einer Online-Untersuchung teil, weitere 62 Personen an einem Laborexperiment. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal People and Nature.
Dabei ging es nicht nur darum, wie laut die Umgebung war. Entscheidend war auch, wie vielfältig die Vogelstimmen klangen und wie stark die Teilnehmer diese Vielfalt wahrnahmen.
Schon in Zimmerlautstärke stört Verkehr die wohltuende Wirkung von Vogelgezwitscher
Melissa Marselle, Umweltpsychologin an der University of Surrey, beschreibt den Ausgangspunkt so: „In der Natur zu sein und ihren Geräuschen zuzuhören, ist eine natürliche Möglichkeit, das Wohlbefinden zu verbessern.“ Doch Naturgeräusche schnitten bei den Befragten grundsätzlich besser ab, wenn gar kein Verkehr zu hören war.
Schon eine niedrige Lärmstufe von 43 Dezibel verschlechterte die Bewertungen der Teilnehmer zu Erholung und Wohlbefinden. Das entspricht etwa dem Richtwert der Zimmerlautstärke am Tag von 40 Dezibel. Zum Vergleich verwendete das Team 53 Dezibel als Referenzrichtwert der WHO für verträglichen Straßenverkehrslärm am Tag. Für die lautere Variante nutzten die Forscher 63 Dezibel.
Besonders stark litt die Erholungswirkung bei lauteren oder akustisch komplexeren Naturgeräuschen. Die Autoren vermuten eine mögliche Überreizung: Vogelrufe und Verkehr erzeugen zusammen mehr akustische Energie. So wird auch eine eigentlich angenehme Geräuschkulisse irgendwann zu viel.
Die gefühlte Artenvielfalt beeinflusst das Wohlbefinden
Ein weiterer Befund überrascht: Für das Wohlbefinden spielte keine große Rolle, wie viele Vogelarten tatsächlich zu hören waren. Viel wichtiger war offenbar, wie artenreich die Menschen die Geräuschkulisse einschätzten. In allen künstlich erzeugten Klanglandschaften erklangen jeweils fünf einzelne Vögel aus drei Arten. Trotzdem glaubten die Teilnehmer je nach Zusammensetzung, unterschiedlich viele Arten zu hören.
Je größer die wahrgenommene Artenvielfalt ausfiel, desto besser bewerteten die Teilnehmer Erholung und Wohlbefinden. Besonders Klanglandschaften mit mittlerer akustischer Komplexität vermittelten offenbar den Eindruck größerer Vielfalt. Einen einfachen Zusammenhang nach dem Muster „je komplexer, desto entspannender“ fanden die Wissenschaftler dagegen nicht.
Verkehrslärm löst im Test Stressreaktion aus
Im Labor ergänzten die Forscher die Befragungen durch Messungen der Herzratenvariabilität. Sie beschreibt, wie stark die Abstände zwischen einzelnen Herzschlägen schwanken. Eine höhere Variabilität gilt unter bestimmten Bedingungen als Hinweis auf einen entspannten körperlichen Zustand. Bei zwei der untersuchten Klangtypen sank dieser Wert, sobald Verkehrslärm hinzukam. Das spricht für eine stärkere physiologische Stressreaktion.
Diesen Befund sollte man allerdings vorsichtig bewerten. Die Laborgruppe war mit 62 Personen sehr klein. Zudem hörten die Teilnehmer jede Tonaufnahme nur eine Minute lang. Auch die Ruhephasen dauerten jeweils eine Minute. Die Autoren selbst nennen diese kurzen Messfenster ausdrücklich als Einschränkung. Künftige Untersuchungen sollten mit mindestens fünf Minuten langen Hörphasen prüfen, ob der Effekt bestehen bleibt.
Weniger Verkehrslärm könnte Parks spürbar erholsamer machen
Für Städte ergibt aus der Studie eine praktische Frage: Wie gut schützt eine Grünfläche wirklich vor dem Stress der Stadt? Offenbar hängt das massiv mit dem Geräuschpegel ihrer Umgebung zusammen. Das Team nennt mehrere Möglichkeiten, die Erkenntnisse für das Wohlbefinden von Stadtbewohnern zu nutzen. Niedrigere Tempolimits an Straßen neben Parks und ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr könnten Verkehrslärm reduzieren. Auch dichterer Bewuchs am Rand einer Grünanlage könnte helfen, Geräusche abzuschirmen.
Eleanor Ratcliffe von der University of Surrey sieht in den Ergebnissen ihrer Untersuchung eine Aufgabe für die Stadtplanung. „Verkehrslärm beeinträchtigt zweifellos den psychologischen Nutzen natürlicher Klanglandschaften“, sagt die Umweltpsychologin. Grünflächen könnten ihren Erholungseffekt demnach besser entfalten, wenn neben Bäumen, Wegen und Vegetation auch ihre akustische Umgebung bei der Planung und Gestaltung berücksichtigt wird.
Kurz zusammengefasst:
- Vogelgezwitscher kann Wohlbefinden und Erholung fördern, doch Verkehrslärm schwächt diesen positiven Effekt bereits bei vergleichsweise niedrigen Pegeln.
- Im Labor ging Verkehrslärm bei zwei Klangtypen im Modell mit einer geringeren Herzratenvariabilität einher, was auf eine stärkere körperliche Stressreaktion hindeutet.
- Für das gefühlte Wohlbefinden war zudem wichtig, wie viele verschiedene Vogelarten die Teilnehmer wahrnahmen – obwohl in allen verglichenen Klanglandschaften tatsächlich gleich viele Arten vorkamen.
Übrigens: Die Natur und ihre Geräusche fördern auch das Wohlbefinden und die Resilienz, wenn Menschen zuvor gar nicht gestresst waren. Eine Übersichtsarbeit vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wertete dafür 61 Experimente aus und liefert erste Hinweise, auch wenn die Datenlage noch begrenzt ist. Mehr dazu in unserem Artikel.
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