KI überzeugt stärker als Finanzberater – und führt Anleger überraschend oft zum besseren Fonds
In einem Experiment wählten mit KI 87 Prozent den besseren Fonds. Bei falscher Vorgabe sank der Anteil auf 34 Prozent.
KI kann Anleger im richtigen Moment zur besseren Fonds-Wahl führen – im Experiment war der Chatbot dabei sogar überzeugender als menschliche Finanzberater. © Magnific
Zwei Fonds, derselbe Index, nur die Gebühren sind anders. Trotzdem wählte in einem Experiment ohne Beratung mehr als jeder dritte Teilnehmer den für seine Sparrate schlechteren Anbieter. Mit KI änderte sich das deutlich. Empfahl der Chatbot den günstigeren Anbieter, entschieden sich rund 87 Prozent für ihn. Wurde dieselbe KI dagegen darauf ausgerichtet, das schlechtere Angebot zu empfehlen, folgte ihr ein großer Teil der Teilnehmer trotzdem: Nur noch rund 34 Prozent wählten den besseren Fonds. Selbst ein offengelegtes Eigeninteresse der Bank änderte daran wenig.
Ökonomen der Universität Bayreuth untersuchten den Effekt mit 3.700 Teilnehmern in einem bezahlten Online-Experiment. Das Arbeitspapier von Joshua Greubel, Henrik Guhling und Fabian Herweg erschien bei CESifo. Die Teilnehmer richteten zunächst einen fiktiven Fondssparplan ein und legten ihre Sparrate fest. Anschließend wählten sie zwischen zwei Anbietern, deren Fonds denselben künstlichen Aktienindex abbildeten.
Der Unterschied steckte allein in den Gebühren. Ein Anbieter verlangte eine niedrigere Ordergebühr, der andere eine niedrigere Managementgebühr. Je nach Sparrate war einer der beiden eindeutig günstiger und führte unabhängig von der Entwicklung des Index zu einem höheren Endvermögen.
Dieselbe KI hilft – oder lenkt zur schlechteren Wahl
Die Teilnehmer entschieden entweder allein oder mit Unterstützung eines KI-Chatbots beziehungsweise eines menschlichen Beraters. Der Chatbot basierte auf GPT-5 mini und erhielt je nach Versuchsgruppe die Anweisung, den besseren oder den schlechteren Anbieter zu empfehlen.
„KI kann bei der Entscheidung stark unterstützen, aber nur, wenn sie richtig berät“, sagt Joshua Greubel von der Universität Bayreuth. „Genauso kann sie Entscheidungen auch massiv in die falsche Richtung lenken.“
Offener Interessenkonflikt bremst die KI nicht messbar
In einem weiteren Versuch trat der Chatbot als sogenannte Bank-KI auf. Die Teilnehmer wussten, dass die Bank finanziell von ihrer Entscheidung profitieren konnte. Ein anderer Versuchsteilnehmer übernahm die Rolle der Bank und erhielt einen Bonus, wenn der Anleger den vom Chatbot beworbenen Anbieter auswählte.
Der offengelegte Interessenkonflikt machte die KI jedoch nicht messbar weniger einflussreich. Die Ergebnisse unterschieden sich weder bei guten noch bei schlechten Empfehlungen statistisch von denen des neutral präsentierten Chatbots.
Auch menschliche Laienberater konnten die Wahl beeinflussen, allerdings schwächer. Empfahl die Bank-KI den besseren Anbieter, folgten ihr 9,9 Prozentpunkte mehr Teilnehmer als den menschlichen Beratern. Beim schlechteren Angebot war die KI ebenfalls überzeugender: Der Anteil richtiger Entscheidungen lag 13,6 Prozentpunkte niedriger als unter menschlicher Beratung.
Selbst gute Entscheidungen kippen durch schlechte KI-Beratung
Besonders auffällig war eine Gruppe, die ohne Hilfe bereits sehr häufig den besseren Anbieter erkannte. 87,7 Prozent entschieden sich ohne Beratung richtig. Im Durchschnitt verfügten diese Teilnehmer über eine höhere Finanzbildung und mehr Finanzerfahrung und waren weniger risikoscheu.
Doch auch sie ließen sich von einer verzerrten Empfehlung beeinflussen. Bewarb die KI den schlechteren Anbieter, wählte anschließend weniger als die Hälfte noch die bessere Option.
Umgekehrt profitierten Teilnehmer mit größeren Schwierigkeiten besonders stark von guter Beratung. In dieser Gruppe erkannten ohne Hilfe nur 28,1 Prozent den günstigeren Anbieter. Mit einer korrekt beratenden Bank-KI stieg der Anteil auf 85,6 Prozent.
KI argumentiert überzeugender als menschliche Berater
Warum die KI so viel Einfluss entwickelte, untersuchten die Ökonomen anhand der Chatverläufe. An der Zahl der Nachrichten lag es offenbar nicht. Teilnehmer schrieben der KI ungefähr genauso häufig wie menschlichen Beratern.
Die KI antwortete allerdings länger und sprachlich einheitlicher. Ihre Aussagen erhielten in einer explorativen Analyse außerdem höhere Bewertungen für Überzeugungskraft. Je überzeugender eine Beratung bewertet wurde, desto häufiger folgten die Teilnehmer der Empfehlung.
Die Analyse erklärt allerdings nicht den gesamten Unterschied zwischen KI und menschlicher Beratung. Die Autoren behandeln diesen Teil der Untersuchung deshalb ausdrücklich als explorativ.
Auch professionelle Berater bleiben tendenziell hinter der KI
Der Hauptvergleich beruhte zunächst auf Laienberatern. Deshalb untersuchten die Forscher in einem kleineren Zusatzversuch auch Personen, die angaben, beruflich als Finanzberater zu arbeiten.
Bei guten Empfehlungen wählten 82,2 Prozent nach professioneller Beratung den besseren Anbieter. Unter KI-Beratung waren es 88,6 Prozent. Bewarben die Berater dagegen das schlechtere Angebot, trafen 38,4 Prozent nach professioneller Beratung noch die richtige Wahl, unter KI waren es 34,8 Prozent.
Nicht alle Unterschiede zwischen professionellen Beratern und KI waren statistisch eindeutig. Wegen der kleineren Stichprobe werten die Autoren diesen Vergleich deshalb vorsichtig.
Bei Finanzberatung zählt, welches Ziel die KI verfolgt
„Reine Transparenz, dass KI verwendet wird, reicht also nicht aus“, sagt Fabian Herweg. Entscheidend sei, welche Ziele einem System vorgegeben werden und welche wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen.
Die Untersuchung bildet keine echte Anlageberatung mit realen Fonds ab. Die Teilnehmer entschieden einmalig zwischen fiktiven Produkten in einem kontrollierten Experiment. Getestet wurde außerdem nur ein KI-Modell: GPT-5 mini.
Kurz zusammengefasst:
- KI half in dem Experiment deutlich: Mit guter KI-Beratung wählten rund 87 Prozent den besseren Fondsanbieter.
- Die KI war überzeugender als menschliche Finanzberater: Ihre Empfehlungen beeinflussten die Entscheidungen stärker – in die richtige wie in die falsche Richtung.
- Entscheidend ist das Ziel der KI: Wurde sie auf den schlechteren Anbieter angesetzt, sank der Anteil richtiger Entscheidungen auf rund 34 Prozent
Übrigens: KI kann bei der Geldanlage helfen, doch teure Fehlentscheidungen entstehen oft schon durch ganz andere Denkfehler. Investment Punk Gerald Hörhan nennt fünf besonders kostspielige Finanzirrtümer – mehr dazu in unserem Artikel.
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