Kaffee überrascht Forscher: Vieltrinker haben weniger Bauchfett und mehr Muskeln
Viel Kaffee ging in einer finnischen Studie mit weniger Bauchfett und mehr Muskelmasse einher, obwohl der BMI nahezu gleich war.
Eine Tasse Kaffee enthält zahlreiche bioaktive Stoffe – hoher Konsum ging in einer finnischen Untersuchung mit weniger Bauchfett und mehr Muskelmasse einher. © Pexels
Der BMI ist fast gleich – doch im Körper sieht es deutlich anders aus. Menschen mit hohem Kaffeekonsum hatten in einer finnischen Untersuchung im Durchschnitt weniger Bauchfett, weniger Körperfett und mehr Muskelmasse als jene, die deutlich weniger Kaffee tranken. Besonders auffällig war der Zusammenhang zwischen Kaffee und Bauchfett: Das viszerale Fett rund um die inneren Organe fiel bei Vieltrinkern geringer aus.
Für die Untersuchung wertete ein Team der Universität Oulu Daten aus der Northern Finland Birth Cohort 1966 aus. In die Analyse flossen 2.264 Frauen und Männer ein, alle 46 Jahre alt. 1.076 von ihnen tranken mindestens fünf Tassen Kaffee täglich, 822 kamen auf drei bis vier Tassen und 296 auf ein bis zwei. Nur 70 Teilnehmer verzichteten ganz auf Kaffee.
Kaffee und Bauchfett unterscheiden sich trotz fast gleichem BMI
Besonders auffällig ist der Vergleich zwischen Vieltrinkern und Menschen mit ein bis zwei Tassen täglich. Ihr durchschnittlicher BMI war mit 26,79 beziehungsweise 26,87 nahezu identisch. Auch beim Taillenumfang gab es kaum einen Unterschied: 92,09 gegenüber 92,24 Zentimetern. Unter diesen ähnlichen Werten verbarg sich jedoch eine andere Körperzusammensetzung.
Bei mindestens fünf Tassen täglich lag der durchschnittliche Körperfettanteil bei 27,14 Prozent. In der Gruppe mit ein bis zwei Tassen waren es 30,40 Prozent. Die Fettmasse betrug im Mittel 22,17 statt 24,51 Kilogramm. Auch die geschätzte Fläche des viszeralen Fetts fiel mit 102,52 Quadratzentimetern kleiner aus. Bei niedrigerem Kaffeekonsum waren es 108,57 Quadratzentimeter.
Vieltrinker haben im Schnitt gut zwei Kilogramm mehr Muskeln
Vieltrinker hatten im Mittel 32,46 Kilogramm Skelettmuskelmasse. Bei ein bis zwei Tassen täglich waren es 30,17 Kilogramm. Damit trennt der BMI die Gruppen kaum, obwohl sich Fett- und Muskelanteile unterscheiden. Der Grund liegt in seiner Berechnung. Der BMI setzt Körpergewicht und Körpergröße ins Verhältnis. Er unterscheidet jedoch nicht, ob das Gewicht überwiegend aus Fett, Muskeln oder anderen Geweben besteht.
Für die Körperzusammensetzung nutzten die Forscher eine Bioimpedanzanalyse. Dabei fließt ein sehr schwacher elektrischer Strom durch den Körper. Aus unterschiedlichen Leitfähigkeiten schätzt das Gerät Körperfett, Muskelmasse und viszerales Fett. Die Methode ist praktisch, liefert aber keine direkten Messungen wie eine CT- oder MRT-Untersuchung. Auch die Forscher weisen auf Abhängigkeiten von Körperwasser und Gewebeleitfähigkeit hin.
Warum Kaffee das Bauchfett beeinflussen könnte
Eine mögliche Erklärung liefert Koffein. Es blockiert Adenosinrezeptoren und aktiviert dadurch das sympathische Nervensystem. Kurzfristig können Stoffwechselrate, Energieverbrauch und Fettabbau steigen. Außerdem enthalten Kaffeebohnen zahlreiche weitere bioaktive Stoffe, darunter Chlorogensäuren. Ob solche Mechanismen langfristig für die Unterschiede im Körperfett verantwortlich sind, bleibt offen.
„Millionen von Menschen trinken jeden Tag Kaffee, aber wir wissen immer noch erstaunlich wenig darüber, wie Kaffee mit dem Stoffwechsel und Hormonen zusammenhängt“, sagt Luca Verroest. Er ist Hauptautor der Studie und Doktorand an der Universität Oulu. Neben der Körperzusammensetzung fanden die Wissenschaftler weitere Unterschiede im Stoffwechsel und bei Sexualhormonen.
Auch Insulin und Testosteron unterscheiden sich
Bei Männern hing höherer Kaffeekonsum mit niedrigeren Nüchterninsulinwerten und einer günstigeren geschätzten Insulinsensitivität zusammen. Zudem lagen Gesamt-Testosteron, bioverfügbares Testosteron und das Sexualhormon-bindende Globulin SHBG höher. In den statistisch bereinigten Modellen stieg das Gesamt-Testosteron pro zusätzlicher Tasse um durchschnittlich 0,29 Nanomol pro Liter. Gleichzeitig lagen freies Testosteron und der freie Androgenindex niedriger.
Bei Frauen fielen die hormonellen Zusammenhänge schwächer aus. Höherer Kaffeekonsum ging dort mit mehr SHBG und niedrigeren freien Androgenwerten einher. Bei beiden Geschlechtern fanden die Forscher außerdem niedrigere Blutwerte bestimmter verzweigtkettiger Aminosäuren. Dauerhaft erhöhte Konzentrationen dieser sogenannten BCAAs werden mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.
Die Vieltrinker unterscheiden sich auch in anderen Punkten
Die Unterschiede bei Fett und Muskeln lassen sich allerdings nicht einfach dem Kaffee zuschreiben. Unter den Menschen mit mindestens fünf Tassen täglich waren 55 Prozent Männer. In der Gruppe mit ein bis zwei Tassen waren es nur 35 Prozent. Auch Rauchen und Bildung unterschieden sich deutlich. 30 Prozent der Vieltrinker rauchten aktuell, bei den niedrigeren Konsumenten waren es 13 Prozent.
Hinzu kommt die Art der Untersuchung. Kaffeekonsum und Körperwerte wurden zum selben Zeitpunkt miteinander verglichen. Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht ableiten. Die Angaben zum Kaffee stammten zudem aus Fragebögen. Eine Tassengröße war nicht festgelegt. Auch Bohnenart, Röstung sowie Milch und Zucker wurden nicht erfasst. Fast 98 Prozent der Teilnehmer mit Angaben zur Zubereitung tranken Filterkaffee.
Warum fünf Tassen nicht automatisch weniger Bauchfett bedeuten
Die auffälligen Unterschiede der Körperzusammensetzung stammen außerdem aus Gruppenvergleichen. Die detaillierten statistischen Modelle mit Korrekturen für BMI, Bildung, Rauchen, Bewegung und Alkohol galten vor allem den Hormonwerten. Deshalb lässt sich nicht beziffern, wie viel vom Unterschied bei Fett und Muskeln nach einer umfassenden Anpassung an solche Faktoren übrig bliebe.
Für eine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung wären Untersuchungen nötig, die Menschen über längere Zeit begleiten oder den Kaffeekonsum kontrolliert verändern. Die Forscher nennen ausdrücklich Längsschnitt- und Interventionsstudien als nächsten Schritt. Bis dahin bleibt eine ungewöhnliche Beobachtung: Bei nahezu gleichem BMI hatten die Vieltrinker weniger geschätztes Körperfett und mehr Muskelmasse.
Kurz zusammengefasst:
- Viel Kaffee ging in einer finnischen Untersuchung mit weniger Bauchfett, weniger Körperfett und mehr Muskelmasse einher, obwohl der BMI der Gruppen fast gleich war.
- Die Unterschiede beweisen keinen Kaffee-Effekt, denn es handelte sich um eine Beobachtungsstudie und die Gruppen unterschieden sich etwa beim Geschlecht und Rauchen.
- Die Forscher fanden außerdem Zusammenhänge mit Stoffwechsel- und Hormonwerten, doch für Ursache und Wirkung sind weitere Langzeit- und Interventionsstudien nötig.
Übrigens: Kaffee könnte den Körper auch auf andere Weise beeinflussen, denn bestimmte Pflanzenstoffe darin aktivieren einen Rezeptor, der bei Zellstress und Schäden eine Rolle spielt. Koffein scheint dabei überraschend wenig entscheidend zu sein – mehr dazu in unserem Artikel.
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