Was, wenn unser Gehirn Bewusstsein nur empfängt – und nicht erzeugt?

Neurowissenschaftler Christof Koch hält es für möglich, dass Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht, sondern eine grundlegende Eigenschaft der Wirklichkeit ist.

Christof Koch hält es für möglich, dass Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht, sondern eine grundlegende Eigenschaft der Wirklichkeit ist.

Christof Koch stellt eine Grundannahme der Hirnforschung infrage. Er hält es für möglich, dass das Gehirn Bewusstsein nicht erzeugt, sondern lediglich formt. © Unsplash

Ein roter Apfel ist zunächst nichts Besonderes. Licht trifft auf die Netzhaut, Nervenzellen senden elektrische Signale, das Gehirn verarbeitet Formen und Farben. Doch irgendwo auf diesem Weg passiert etwas, das bis heute niemand vollständig erklären kann: Aus elektrischen Impulsen entsteht das persönliche Erleben von Rot. Dazu kommen Gedanken, Erinnerungen, Schmerz, Angst oder das Gefühl, überhaupt ein Ich zu sein. Seit Jahrzehnten versuchen Neurowissenschaftler zu verstehen, wie das Gehirn Bewusstsein hervorbringt.

Christof Koch vom Allen Institute in Seattle beschäftigt sich seit Langem mit dieser Frage. Bereits 2016 beschrieb er gemeinsam mit Kollegen in Nature Reviews Neuroscience die sogenannte Integrated Information Theory, nach der Bewusstsein nicht allein aus der Aktivität einzelner Nervenzellen erklärt werden kann. Im April 2026 stellte Koch beim Symposium „Behind and Beyond the Brain“ der BIAL Foundation in Porto weitergehende Überlegungen vor. Inzwischen hält er es für denkbar, dass das Gehirn Bewusstsein gar nicht erzeugt. Es gehöre vielmehr zu den grundlegenden Eigenschaften der Wirklichkeit, während das Gehirn bestimmt, wie es erlebt wird.

Warum aus Nervensignalen plötzlich ein inneres Erleben wird

Das Problem beginnt dort, wo die Hirnforschung erstaunlich wenig erklären kann. Wissenschaftler können messen, welche Regionen beim Sehen, Erinnern oder Entscheiden aktiv werden. Sie können Bewusstsein durch Narkose unterbrechen und durch Verletzungen verändern. Trotzdem bleibt offen, warum bestimmte Vorgänge im Gehirn überhaupt mit einem subjektiven Erleben verbunden sind.

Koch formuliert dieses Rätsel drastisch. Nichts in der Wissenschaft erkläre bislang, wie rund 1,4 Kilogramm Gehirngewebe „lieben, hassen, träumen, sich etwas vorstellen, Angst haben oder auf ihre Zukunft hoffen“ können. Genau diese Lücke beschäftigt ihn seit Jahrzehnten.

Milliarden Nervenzellen allein erklären Bewusstsein nicht

Schon 2016 versuchte Koch gemeinsam mit Giulio Tononi, Melanie Boly und Marcello Massimini, Bewusstsein anders zu beschreiben. In ihrer Arbeit stellten sie die Integrated Information Theory, kurz IIT, ausführlich dar. Sie beginnt nicht bei einzelnen Nervenzellen, sondern bei den Eigenschaften bewussten Erlebens.

Nach IIT reicht es nicht, dass im Gehirn möglichst viele Nervenzellen aktiv sind. Entscheidend ist die Art ihrer Verschaltung. Informationen müssen sich unterscheiden lassen und gleichzeitig zu einem Ganzen verbunden bleiben. Diese sogenannte integrierte Information lässt sich nach der Theorie nicht vollständig auf einzelne Bestandteile reduzieren.

Das Kleinhirn stellt eine einfache Erklärung infrage

Ein besonders anschauliches Beispiel liefert das Kleinhirn. Es enthält einen enormen Anteil der Nervenzellen des menschlichen Gehirns. Trotzdem verlieren Menschen bei schweren Schäden dort nicht automatisch ihr Bewusstsein. Die Nature-Arbeit verweist sogar auf einen dokumentierten Fall, in dem das Kleinhirn vollständig fehlte.

Für IIT bedeutet das: Die Anzahl der Nervenzellen allein kann kaum erklären, wo Bewusstsein entsteht. Wichtiger könnte sein, wie stark Nervenzellen sich gegenseitig beeinflussen und wie ihre Informationen miteinander verknüpft sind.

Koch geht inzwischen noch einen Schritt weiter

Seine heutige Überlegung reicht allerdings über IIT hinaus. Koch beschäftigt sich inzwischen mit dem sogenannten analytischen Idealismus. Dieses philosophische Modell betrachtet Bewusstsein nicht als Produkt von Materie. Stattdessen könnte Bewusstsein selbst zu den grundlegenden Eigenschaften der Realität gehören.

Das Gehirn wäre in diesem Bild weniger Produzent als Filter oder Formgeber. Es würde also nicht erst Bewusstsein erschaffen, sondern bestimmen, wie ein vorhandenes Bewusstsein erlebt wird. Koch bestreitet dabei keineswegs die enge Verbindung zwischen Gehirn und Erleben. Verletzungen, Krankheiten, Narkosen oder elektrische Stimulation können Bewusstsein verändern oder ausschalten.

Eine persönliche Erfahrung verändert Kochs Blick

Zu diesem Perspektivwechsel trug nach Kochs eigener Schilderung auch ein Erlebnis an einem Strand bei. Für kurze Zeit habe sich die Grenze zwischen seiner eigenen Person und der Umgebung aufgelöst. Koch bezeichnete dies als „die bedeutungsvollste Erfahrung meines Lebens“.

Als wissenschaftlichen Beweis versteht er dieses Erlebnis ausdrücklich nicht. Es brachte ihn jedoch dazu, seine bisherigen Annahmen über Bewusstsein stärker infrage zu stellen und philosophische Erklärungsmodelle ernster zu nehmen.

Jetzt muss aus der Idee ein Experiment werden

Der analytische Idealismus ist bislang keine etablierte naturwissenschaftliche Theorie. Koch selbst bezeichnet ihn als metaphysischen Ansatz. Es gibt derzeit keinen experimentellen Nachweis dafür, dass Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert.

Deshalb formuliert Koch eine klare nächste Aufgabe: „Die wichtigste Aufgabe für die Zukunft besteht darin, diese Einsichten in empirisch überprüfbare Hypothesen zu übersetzen.“ Erst wenn aus der Idee konkrete Vorhersagen entstehen, lässt sich wissenschaftlich testen, ob das Gehirn Bewusstsein tatsächlich erzeugt – oder ob seine Rolle möglicherweise ganz anders aussieht.

Kurz zusammengefasst:

  • Ob Bewusstsein vollständig im Gehirn entsteht, ist wissenschaftlich weiterhin ungeklärt: Christof Koch hält es inzwischen für denkbar, dass Bewusstsein eine grundlegende Eigenschaft der Wirklichkeit sein könnte.
  • Die Integrated Information Theory (IIT) beschreibt Bewusstsein als Ergebnis stark vernetzter, nicht auf einzelne Nervenzellen reduzierbarer Informationsverarbeitung – bloße Hirnaktivität reicht demnach als Erklärung nicht aus.
  • Kochs weitergehende Idee ist bislang eine metaphysische Hypothese, keine bewiesene Theorie: Entscheidend wird sein, ob sich daraus überprüfbare Vorhersagen und Experimente ableiten lassen.

Übrigens: Während Christof Koch bezweifelt, dass Bewusstsein überhaupt im Gehirn entsteht, hält KI-Pionier Geoffrey Hinton sogar bewusste Chatbots für möglich. Warum er Maschinen damit näher an den Menschen rückt, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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