THC gegen Albträume: Cannabis-Wirkstoff stoppt bei vielen Trauma-Patienten die nächtliche Qual

Eine Charité-Studie untersucht THC gegen Albträume bei PTBS. Dronabinol linderte die nächtliche Belastung, mehr als ein Drittel blieb albtraumfrei.

Cannabispflanze

THC ist vor allem für seine berauschende Wirkung bekannt. In Form des Medikaments Dronabinol könnte der Cannabis-Wirkstoff jedoch gezielt traumabedingte Albträume bei PTBS lindern. © Pexels

Manche Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erleben die Ursache ihres Trauma jede Nacht neu. Sie schrecken wegen Alpträumen aus dem Schlaf, fürchten sich vor dem Zubettgehen und kommen kaum zur Ruhe. THC könnte für diese Patienten eine neue Behandlungsoption werden. Ein verschreibungspflichtiges Medikament mit dem Cannabis-Wirkstoff THC verringerte im Test traumabedingte Albträume deutlich. Mehr als ein Drittel der Behandelten berichtete nach zehn Wochen sogar von völlig albtraumfreien Nächten.

Die Ergebnisse stammen von Forschern der Charité – Universitätsmedizin Berlin und wurden im Fachjournal Nature Medicine veröffentlicht. Untersucht wurde Dronabinol, ein Medikament mit Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Mehr als 170 Menschen mit PTBS und häufigen schweren Albträumen nahmen teil. Sie erhielten zehn Wochen lang jeden Abend entweder Dronabinol oder ein Placebo. Beide Präparate sahen gleich aus und schmeckten nach Cannabis. Weder Ärzte noch Patienten wussten währenddessen, wer welches Mittel bekam.

Ruhige Nächte gerade für PTBS-Patienten wichtig

Am Ende der zehn Wochen unterschieden sich beide Gruppen klar. Die Belastung durch Albträume wurde auf einer Skala von null bis acht Punkten erfasst. Unter Dronabinol sank dieser Wert im Durchschnitt um 3,7 Punkte. In der Placebogruppe waren es 2,2 Punkte. Rund 21 Prozent der Menschen berichteten mit Dronabinol von mindestens halbierten Beschwerden.

Noch auffälliger fiel ein anderes Ergebnis aus. Mehr als jeder dritte behandelte Patient hatte am Ende überhaupt keine Albträume mehr. „Insgesamt nahmen rund fünf von sechs Patientinnen und Patienten in der Dronabinol-Gruppe ihren Gesundheitszustand subjektiv als deutlich verbessert wahr“, sagt Stefan Röpke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Gerade bei schwerer PTBS kann schon eine ruhigere Nacht erheblich entlasten.

Wie THC gegen Albträume im REM-Schlaf wirken könnte

THC greift in das körpereigene Endocannabinoid-System ein. Dieses System beeinflusst unter anderem Schlaf, Stressreaktionen und den Umgang mit emotionalen Erinnerungen. Besonders interessant ist dabei der REM-Schlaf. In dieser Schlafphase träumt der Mensch besonders intensiv. Das Gehirn verarbeitet emotionale Inhalte und verknüpft Erinnerungen neu.

Röpke erklärt den möglichen Zusammenhang so: „Es gibt Hinweise darauf, dass THC im REM-Schlaf, den intensiven Traumphasen, in denen das Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Emotionen reguliert, die Traumaktivität abschwächt und damit nächtliche Stressreaktionen mildert.“ Dronabinol könnte demnach weniger auf die traumatische Erinnerung selbst wirken. Vielmehr scheint es deren nächtliches Wiederauftauchen abzuschwächen.

Medikament lindert nicht die Symptome der PTBS

Dieser Unterschied ist wichtig. Dronabinol beseitigte die Posttraumatische Belastungsstörung nicht. Auch begleitende Depressionen besserten sich nicht eindeutig. Die stärkste Wirkung betraf Albträume und Schlaf. Damit könnte das Medikament künftig vor allem Menschen helfen, bei denen die Nächte besonders belastend sind.

Denn für solche Beschwerden gibt es bislang nur begrenzte medikamentöse Möglichkeiten. Ärzte setzen unter anderem Antidepressiva oder bestimmte blutdrucksenkende Mittel ein. Gegen traumabedingte Albträume wirken sie jedoch häufig nicht ausreichend. Ein Medikament mit einer speziellen Zulassung für dieses Symptom gibt es in Deutschland bisher nicht.

Nebenwirkungen wie Schwindel und Kopfschmerzen

Dronabinol ist kein gewöhnliches Cannabisprodukt. Das verschreibungspflichtige Arzneimittel enthält THC und wird unter anderem bereits in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt. Für die Berliner Untersuchung kam ein direkt aus der Hanfpflanze gewonnenes THC in Tropfenform zum Einsatz. Die Teilnehmer nahmen es abends vor dem Schlafengehen ein.

Schwere Nebenwirkungen traten dabei nicht auf. Leichtere und mittelschwere Beschwerden kamen unter Dronabinol allerdings häufiger vor. Dazu gehörten Schwindel, Kopfschmerzen und gesteigerter Appetit. Nach dem Ende der zehnwöchigen Behandlung beobachteten die Forscher keine Entzugssymptome.

Ob Dronabinol dauerhaft helfen kann, bleibt offen

Noch lässt sich aus den Daten nicht ableiten, wie gut Dronabinol bei längerer Einnahme funktioniert. Möglich wäre etwa, dass der Körper sich mit der Zeit an das THC gewöhnt und die Wirkung nachlässt. Auch die langfristige Sicherheit muss weiter untersucht werden.

Für Menschen mit PTBS könnte sich mit Dronabinol dennoch eine zusätzliche Behandlungsoption ergeben. Besonders auffällig bleibt der Anteil der Patienten, deren Albträume während der Behandlung vollständig verschwanden.

Kurz zusammengefasst:

  • Das THC-haltige Medikament Dronabinol verringerte in einer Charité-Studie mit mehr als 170 Menschen die Belastung durch traumabedingte Albträume bei PTBS stärker als ein Placebo.
  • Mehr als ein Drittel der Behandelten berichtete nach zehn Wochen von gar keinen Albträumen mehr, während andere PTBS-Symptome und Depressionen nicht eindeutig zurückgingen.
  • Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf, doch Schwindel, Kopfschmerzen und gesteigerter Appetit kamen häufiger vor. Wie wirksam und sicher Dronabinol langfristig ist, muss noch untersucht werden.

Übrigens: Während THC bei Posttraumatischer Belastungsstörung gegen quälende Albträume helfen kann, arbeiten Forscher an Cannabis-Wirkstoffen, die Schmerzen lindern sollen – ohne Rausch und ohne das Suchtpotenzial von Opioiden. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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