Forscher zeigen: Was im Tiefschlaf passiert, ist entscheidend für den Muskelaufbau

Berkeley-Forscher zeigen bei Mäusen, wie Tiefschlaf das Wachstumshormon freisetzt und Muskeln, Knochen und Stoffwechsel beeinflusst.

Training setzt den Reiz, doch im Tiefschlaf startet die Hormonarbeit: Wachstumshormon unterstützt Muskelaufbau, Knochen und Stoffwechsel.

Training setzt den Reiz, doch im Tiefschlaf startet die Hormonarbeit: Das Wachstumshormon unterstützt Muskelaufbau, Knochen und Stoffwechsel. © Pexels

Der Muskel wächst nicht im Fitnessstudio. Dort bekommt er nur den Reiz. Die eigentliche Arbeit beginnt später: nachts, wenn der Körper stillliegt, der Puls sinkt und das Gehirn in den Tiefschlaf schaltet.

In dieser frühen, besonders ruhigen Schlafphase schüttet der Körper in der Hirnanhangdrüse das Wachstumshormon aus. Gemeint ist Somatotropin, auch bekannt als Growth Hormone oder GH. Es hilft, nach Belastung neues Gewebe aufzubauen, Muskeln und Knochen zu stärken, Fett abzubauen und den Blutzucker zu steuern. Wer zu wenig Tiefschlaf bekommt, bremst damit ein Hormonprogramm, das für Kraft, Regeneration und Stoffwechsel entscheidend ist.

Laut einer Studie der University of California, Berkeley steuern bei Mäusen Nervenzellen im Hypothalamus, wie viel Wachstumshormon im Schlaf freigesetzt wird. Für den Menschen ist der Zusammenhang seit Langem relevant: Gerade Tiefschlaf und Muskelaufbau hängen eng mit diesem Hormon zusammen.

Warum Tiefschlaf den Muskelaufbau antreibt

Wachstumshormon kennt man vor allem aus Kindheit und Pubertät. Ohne ausreichende Mengen bleibt körperliches Wachstum zurück. Doch auch Erwachsene brauchen das Hormon. Es unterstützt den Aufbau von Muskel- und Knochenmasse, regt den Abbau von Fettgewebe an und beeinflusst den Zuckerstoffwechsel.

Schlafmangel trifft deshalb nicht nur Konzentration, Stimmung oder Energie am nächsten Morgen. Sinkt nachts die Ausschüttung des Wachstumshormons, läuft ein Teil der körperlichen Erneuerung schlechter. Das kann mögliche Folgen für Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.

Wachstumshormon greift tief in den Stoffwechsel ein

Blutproben hatten schon früher gezeigt, dass das Wachstumshormon im Schlaf ansteigt. Unklar blieb lange, wie das Gehirn diesen Prozess schaltet. Die Antwort führt tief in den Hypothalamus, eine alte Steuerzentrale des Körpers.

Dort sitzen Nervenzellen mit gegensätzlichen Aufgaben. GHRH-Neuronen treiben die Ausschüttung des Wachstumshormons an. Somatostatin-Neuronen bremsen sie. Je nach Schlafphase verschiebt sich dieses Verhältnis.

Bei den Mäusen änderte sich die Hormonsteuerung je nach Schlafphase. In der Traumphase, dem sogenannten REM-Schlaf, waren antreibende und bremsende Signale gleichzeitig stark aktiv. Im Non-REM-Schlaf, zu dem beim Menschen auch der frühe Tiefschlaf gehört, ließ die Bremse nach. Dadurch konnte der Körper mehr Wachstumshormon freisetzen.

Für die Versuche regte das Team einzelne Nervenzellen im Hypothalamus mit Licht an. Gleichzeitig zeichneten Elektroden die Hirnaktivität auf. Mäuse eignen sich dafür besonders gut, weil sie über Tag und Nacht verteilt in kurzen Abschnitten schlafen. So ließen sich viele Übergänge zwischen Schlaf und Wachsein beobachten.

Mäuse liefern eine Spur, keinen Menschenbeweis

Die Experimente liefen an jungen erwachsenen Mäusen. Menschen schlafen anders: Ihr Schlaf ist stärker gebündelt, während Mäuse in kurzen Etappen schlafen. Der genaue Schaltkreis lässt sich deshalb nicht einfach auf Menschen übertragen.

Der biologische Zusammenhang bleibt trotzdem wichtig. Auch beim Menschen steigt das Wachstumshormon im Schlaf an, vor allem in tiefen Non-REM-Phasen. Die Berkeley-Studie zeichnet bei Mäusen nach, welche Nervenzellen diesen Vorgang anstoßen und bremsen.

Wachstumshormon schiebt das Gehirn Richtung Wachheit

Der Regelkreis endet nicht bei Muskeln, Knochen und Fettgewebe. Das Wachstumshormon wirkt auch zurück aufs Gehirn. Bei den Mäusen aktivierte es Nervenzellen im Locus coeruleus, einer kleinen Region im Hirnstamm.

Dieser Bereich beeinflusst Wachheit, Aufmerksamkeit, Denken und Reaktionen auf neue Reize. Wenn das Wachstumshormon während des Schlafs ansteigt, werden diese Nervenzellen erregbarer. Das kann den Körper nach einer Phase der Hormonfreisetzung wieder in Richtung Wachsein bringen.

Schlaf und Hormon halten sich gegenseitig in Balance

Daniel Silverman, Postdoktorand in Berkeley und Mitautor der Arbeit, beschreibt diesen Mechanismus so: „Das legt nahe, dass Schlaf und Wachstumshormon ein eng austariertes System bilden: Zu wenig Schlaf verringert die Ausschüttung von Wachstumshormon, und zu viel Wachstumshormon kann das Gehirn wiederum in Richtung Wachheit drücken.“

Das Hormon muss also fein ausbalanciert sein. „Schlaf treibt die Ausschüttung von Wachstumshormon an, und Wachstumshormon wirkt zurück auf die Wachheit. Dieses Gleichgewicht ist wichtig für Wachstum, Reparatur und Stoffwechselgesundheit“, erklärt Silverman weiter.

Berkeley-Forscher zeichneten bei schlafenden und wachen Mäusen Hirnaktivität auf, während sie Nervenzellen im Hypothalamus gezielt stimulierten. © Yang Dan lab/UC Berkeley
© Yang Dan lab/UC Berkeley Berkeley-Forscher zeichneten bei schlafenden und wachen Mäusen Hirnaktivität auf, während sie Nervenzellen im Hypothalamus gezielt stimulierten. © Yang Dan lab/UC Berkeley

Auch die Aufmerksamkeit könnte profitieren

Xinlu Ding, Erstautorin der Arbeit, verweist auf einen weiteren Effekt.: „Das Wachstumshormon hilft nicht nur dabei, Muskeln und Knochen aufzubauen und Fettgewebe zu reduzieren, sondern könnte auch geistige Vorteile haben, weil es das allgemeine Erregungsniveau nach dem Aufwachen fördert.“

Für spätere Behandlungen könnte der Schaltkreis interessant werden. Die Studie nennt Schlafstörungen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sowie neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer. Fertige Therapien gibt es daraus nicht. Die Arbeit liefert zunächst eine mögliche Zielstruktur für weitere Forschung.

Silverman spricht auch über hormonelle Behandlungen und experimentelle Gentherapien. „Dieses Netzwerk könnte ein neuer Ansatz sein, um die Erregbarkeit des Locus coeruleus zurückzudrehen“, sagt er. Gemeint ist ein Eingriff in jenen Hirnstamm-Bereich, der Wachheit und Aufmerksamkeit beeinflusst.

Kurz zusammengefasst:

  • Tiefschlaf ist eine wichtige Phase für Muskelaufbau und Regeneration: Der Körper schüttet dabei das Wachstumshormon aus, das Muskeln und Knochen stärkt, Fettabbau unterstützt und den Blutzucker beeinflusst.
  • Berkeley-Forscher haben bei Mäusen den Schaltkreis im Gehirn gefunden: Nervenzellen im Hypothalamus treiben die Ausschüttung des Wachstumshormons an oder bremsen sie – je nach Schlafphase verändert sich dieses Zusammenspiel.
  • Die Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf Menschen übertragen: Der Zusammenhang zwischen Schlaf und Wachstumshormon ist beim Menschen aber gut bekannt, besonders in tiefen Non-REM-Phasen.

Übrigens: Auch beim Demenzrisiko könnte der Schlaf mehr verraten, als man morgens spürt – feine Hirnsignale zeigen offenbar Jahre vorher, ob das Gehirn schneller altert. Wie KI aus nächtlichen EEG-Daten ein mögliches Warnsignal berechnet, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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