Pflanzenvielfalt in Europa nimmt zu – doch Forscher warnen vor Generalisten

Eine Studie zeigt: Die Pflanzenvielfalt in Europa wächst lokal, doch oft durch Generalisten und gebietsfremde Arten.

Im Bjelasica-Gebirge in Montenegro erfassen Forschende Pflanzenarten im Gelände. Solche Untersuchungen zeigen, wie sich Europas Flora über Jahrzehnte verändert.

Im Bjelasica-Gebirge in Montenegro erfassen Wissenschaftler Pflanzenarten im Gelände. Solche Untersuchungen zeigen, wie sich Europas Flora über Jahrzehnte verändert. © Milan Chytrý

Auf vielen Wiesen, in Wäldern und Feuchtgebieten Europas wachsen heute mehr Pflanzenarten als früher. Was nach guter Nachricht klingt, kann in der Natur aber auf Stress hindeuten. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berichtet von einer großen Auswertung europäischer Pflanzengemeinschaften. Demnach stieg die lokale Artenzahl in den vergangenen 100 Jahren im Schnitt um 0,2 Prozent pro Jahr, wie es in der Studie heißt. Die Vegetationsbedeckung nahm sogar um 0,7 Prozent pro Jahr zu.

Für die Pflanzenvielfalt in Europa ist diese Entwicklung trotzdem kein Grund zur Entwarnung. Denn neue Arten auf einer kleinen Fläche bedeuten nicht automatisch, dass ein Lebensraum gesünder wird. Häufig breiten sich robuste Pflanzen aus, die mit vielen Bedingungen zurechtkommen, sogenannte Generalisten. Hinzu kommen gebietsfremde Arten. Sie können mit heimischen Spezialisten um Licht, Wasser, Nährstoffe und Platz konkurrieren.

Pflanzenvielfalt in Europa wächst trügerisch

Das internationale Team wertete mehr als 57.000 Vegetations-Zeitreihen aus. Dahinter stehen wiederholte Pflanzenaufnahmen an denselben oder vergleichbaren Orten. Insgesamt flossen 199.282 einzelne Beobachtungen ein. Manche Reihen reichen über mehr als 100 Jahre zurück. Das Team ordnete die Flächen außerdem verschiedenen Lebensräumen zu, darunter Wälder, Grünländer, Moore, Feuchtgebiete und vom Menschen geprägte Standorte.

„Dass sich die Artenvielfalt global gesehen verändert und dass Arten verdrängt werden oder aussterben, ist bekannt“, sagt der Ökologe Stephan Kambach von der MLU. Lokal sehe der Wandel aber oft anders aus. Dort nehme die Zahl der Arten teils sogar zu. Diese Beobachtung macht den Befund kompliziert. Eine Fläche kann artenreicher werden, während ihr ursprünglicher Charakter verloren geht.

Generalisten breiten sich stark aus

Besonders wichtig ist der Unterschied zwischen Spezialisten und Generalisten. Spezialisten brauchen bestimmte Bedingungen. Sie kommen etwa mit nährstoffarmen Mooren, offenen Feuchtflächen oder besonderen Böden zurecht. Generalisten sind flexibler. Sie wachsen an vielen Orten und profitieren oft von Störungen, Verbuschung, Nährstoffeinträgen oder veränderten Standortbedingungen.

Kambach beschreibt das Problem so: „Wir sehen, dass auf kleinen Flächen tatsächlich mehr Pflanzenarten gezählt werden als früher. Aber wenn man genauer hinschaut, sind das vor allem Generalisten und gebietsfremde Arten.“ Dieser Zuwachs sei daher kein Zeichen für einen intakten Lebensraum, sondern oft das Gegenteil. Langfristig können seltene und spezialisierte Pflanzen dadurch unter Druck geraten.

Moore verändern sich besonders stark

Die stärksten Veränderungen fanden die Forscher in Mooren und Feuchtgebieten. Dort nahm die lokale Vielfalt besonders stark zu, vor allem auf gestörten Flächen oder dort, wo sich Gehölze ausbreiteten. Für solche Lebensräume kann mehr Bewuchs ein Alarmsignal sein. Viele Moor- und Feuchtgebietsarten sind an offene, nasse und nährstoffarme Bedingungen angepasst. Wenn Sträucher, Bäume oder kräftige Grasarten zunehmen, verändert sich das ganze Gefüge.

Auch Grünländer entwickelten sich weniger stark als Moore und Feuchtgebiete. Die Unterschiede zwischen den Lebensräumen waren groß. Die Wissenschaftler unterschieden zudem zwischen stabilen Flächen, natürlich fortschreitender Sukzession und gestörten Lebensräumen. Dadurch wird klarer, warum eine einzige Durchschnittszahl für Europas Pflanzenwelt schnell in die Irre führt.

Europas Gesamtzahl steigt nicht einfach

Entscheidend ist auch der Blick über die einzelne Fläche hinaus. Die Gesamtzahl der Arten innerhalb der untersuchten europäischen Lebensraumtypen nahm nicht allgemein zu. Lokal tauchen also neue Arten auf, europaweit entsteht daraus aber kein klarer Zugewinn. Vieles spricht für Austausch statt für echten Gewinn. Manche Arten kommen hinzu, andere verlieren an Boden oder verschwinden aus einzelnen Pflanzengemeinschaften.

„Artenverdrängung und Aussterben sind langsame Prozesse, die sich nur über sehr lange Zeiträume beobachten und nachweisen lassen“, sagt Kambach. Deshalb sind die alten Pflanzenaufnahmen auch so wertvoll. Sie machen sichtbar, wie sich Lebensräume über Jahrzehnte verändern. Kurze Beobachtungszeiträume würden viele dieser Verschiebungen kaum erfassen.

Langjährige Messungen helfen enorm

Die Studie erschien im Fachjournal Nature Communications. Beteiligt waren Forscher aus 21 Ländern. Neben der reinen Artenzahl untersuchte das Team auch funktionelle Vielfalt, evolutionäre Verwandtschaft, bedrohte Arten, gebietsfremde Pflanzen sowie die Verteilung von Spezialisten und Generalisten. Dadurch entsteht ein genaueres Bild als bei einer einfachen Artenliste.

„Unsere Studie wäre ohne die jahrzehntelangen Erhebungen von Botanikern aus ganz Europa nicht möglich gewesen“, sagt Ute Jandt von der MLU. Für den Naturschutz zählt daher nicht allein, wie viele Arten auf einer Fläche wachsen. Entscheidend ist, welche Arten zunehmen, welche verschwinden und ob ein Lebensraum seine typischen Pflanzen behält.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Pflanzenvielfalt in Europa nimmt auf vielen einzelnen Flächen zu, doch dieser Zuwachs entsteht oft durch robuste Generalisten und gebietsfremde Arten.
  • Heimische Spezialisten können dadurch unter Druck geraten, weil sie auf bestimmte Lebensräume angewiesen sind und Konkurrenz durch anpassungsfähige Pflanzen bekommen.
  • Mehr Pflanzenarten vor Ort bedeuten deshalb nicht automatisch gesunde Natur, sondern können auch auf gestörte oder veränderte Lebensräume hinweisen.

Übrigens: Während sich in Europas Pflanzenwelt robuste Arten ausbreiten, geraten auch Wälder unter Trockenstress – denn Bäume holen Wasser zwar aus tieferen Bodenschichten, doch wichtige Nährstoffe kommen deutlich langsamer in der Krone an. Warum Douglasien dabei besser abschneiden als Buchen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Milan Chytrý

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert