Drohnen und KI sollen gefährliche Zecken-Hotspots in Deutschland früher erkennen
Drohnen und KI sollen künftig genauer vorhersagen, wo das Risiko für FSME und Borreliose besonders hoch ist.
In der Oberpfalz entwickeln Forscher ein Frühwarnsystem, das das Risiko durch Zecken genauer berechnen soll. © Unsplash
Im Sommer steigt das Risiko durch Zecken deutlich. Die Tiere werden aktiver, Menschen verbringen mehr Zeit draußen, und schon ein kurzer Aufenthalt im Freien kann für einen Stich reichen. Die Gefahr endet dabei längst nicht mehr am Waldrand. Auch Gärten, Badeseen oder Spazierwege gelten inzwischen als mögliche Problemzonen. FSME und Borreliose sorgen jedes Jahr für viele Erkrankungen. Doch wo das Risiko durch Zecken besonders hoch ist, erkennen Behörden häufig erst im Nachhinein. Ein neues Forschungsprojekt aus Bayern soll das nun ändern – mit Drohnen, Wetterdaten und Künstlicher Intelligenz.
Denn Zecken verteilen sich nicht gleichmäßig über eine Region. Schon kleine Unterschiede bei Vegetation, Feuchtigkeit oder Temperatur können darüber entscheiden, wie stark sich Erreger verbreiten. Diese Muster untersucht das Projekt MONID HABITRACK. Das LMU Klinikum München koordiniert das Vorhaben gemeinsam mit mehreren Forschungseinrichtungen aus Bayern. Die Leitung übernimmt Prof. Noemi Castelletti von der Data Science Unit am Institut für Infektions- und Tropenmedizin.
KI soll das Risiko durch Zecken präziser erfassen
Die Landkreise Amberg-Sulzbach und Schwandorf in der Oberpfalz gehören laut Robert Koch-Institut zu den Regionen mit der höchsten FSME-Inzidenz in Deutschland. Gefährliche Gebiete lassen sich bisher vor allem aus gemeldeten Erkrankungen ableiten. Erst wenn genug Fälle vorliegen, wird sichtbar, wo sich das Infektionsgeschehen verändert.
Das neue Projekt soll deshalb deutlich früher Hinweise liefern. Dafür bauen die Teams eine zentrale Datenplattform auf. Dort fließen unterschiedliche Informationen zusammen. Dazu gehören unter anderem:
- Wetterdaten
- Zeckenfunde
- Drohnenbilder
- bekannte Krankheitsfälle
- Klima- und Umweltdaten
Die Daten werden anschließend mit Machine Learning und KI-gestützten Analysen ausgewertet. Ziel sind digitale Karten, die mögliche Gefahrenzonen genauer abbilden.
Drohnen sollen gefährliche Gebiete sichtbar machen
Besonders ungewöhnlich ist der Einsatz von Drohnen. Die Fluggeräte liefern hochauflösende Bilder von Wiesen, Waldrändern und feuchten Gebieten. Dort finden Zecken oft ideale Bedingungen. Die Wissenschaftler schreiben: „Drohnenaufnahmen ermöglichen dabei die Charakterisierung von FSME- und Borrelien-Herden.“
Gemeint sind Gebiete, in denen sich Erreger besonders gut halten oder verbreiten können. Die Aufnahmen zeigen Unterschiede bei Pflanzen, Schattenflächen oder Bodenfeuchtigkeit. Zusammen mit Wetterdaten entstehen daraus Modelle, die mögliche Hotspots früher erkennen sollen.
Das Projekt trägt den Namen MONID HABITRACK. Anfang 2026 startete das Vorhaben offiziell. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt fördert die Arbeit mit 1,8 Millionen Euro.

Viele Infektionen bleiben offenbar lange unbemerkt
Neben der technischen Überwachung planen die Forscher noch einen weiteren Schritt. In den Landkreisen Amberg-Sulzbach und Schwandorf soll später untersucht werden, wie viele Menschen bereits Antikörper gegen FSME oder Borreliose gebildet haben. Damit wollen die Teams besser einschätzen, wie häufig Infektionen unbemerkt verlaufen. Gerade Borreliose verursacht oft zunächst unspezifische Beschwerden. Manche Betroffene erinnern sich später nicht einmal an einen Zeckenstich.
FSME kann deutlich schwerere Folgen haben. Die Krankheit greift das zentrale Nervensystem an und kann Entzündungen von Gehirn oder Hirnhäuten auslösen. Gegen FSME existiert eine Impfung. Für Borreliose gibt es bislang keine Standardimpfung für die breite Bevölkerung.
Interessierte sollen sich später freiwillig an der geplanten Antikörper-Studie beteiligen können. Das Projektteam will dadurch genauer erfassen, wie stark sich beide Krankheiten in der Region tatsächlich verbreiten.
Schutz bleibt trotz Frühwarnsystem wichtig
Auch präzisere Risikokarten ersetzen keinen persönlichen Schutz. Wer in Wiesen, Wäldern, Parks oder Gärten unterwegs ist, sollte geschlossene Schuhe tragen. Lange Hosen und langärmlige Oberteile erschweren Zecken den Weg zur Haut. Helle Kleidung hilft zusätzlich, die kleinen Tiere schneller zu erkennen.
Nach dem Aufenthalt im Freien lohnt sich ein gründlicher Blick auf den Körper. Besonders häufig sitzen Zecken an warmen, weichen Hautstellen. Dazu gehören Kniekehlen, Achseln, Leisten, Bauch, Haaransatz und der Bereich hinter den Ohren. Auch Kinder sollten nach dem Spielen draußen sorgfältig abgesucht werden.
Hat sich eine Zecke festgesaugt, sollte sie möglichst schnell entfernt werden. Dafür eignen sich eine feine Pinzette, eine Zeckenkarte oder eine Zeckenzange. Wichtig ist, die Zecke nah an der Haut zu greifen und gerade herauszuziehen. Die Einstichstelle sollte anschließend beobachtet werden. Bei einer auffälligen Rötung, grippeähnlichen Beschwerden oder neurologischen Symptomen ist ärztlicher Rat wichtig.
Frühwarnungen könnten Behörden schneller reagieren lassen
Die Forscher hoffen, dass sich künftige Ausbrüche früher erkennen lassen. Gesundheitsbehörden könnten dann schneller reagieren und gezielter warnen. Denkbar wären genauere Hinweise für einzelne Regionen oder bestimmte Zeiträume. Auch die Pandemievorsorge spielt dabei eine Rolle. Viele Krankheiten breiten sich über Tiere oder Insekten aus. Veränderungen beim Klima oder in der Landschaft können solche Entwicklungen zusätzlich beeinflussen.
An MONID HABITRACK arbeiten mehrere Einrichtungen mit. Dazu gehören neben dem LMU Klinikum München unter anderem das Deutsche Konsiliarlabor für FSME München, das Fraunhofer-Institut für Translationale Medizin und Pharmakologie, die Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.
Kurz zusammengefasst:
- Zecken verbreiten FSME und Borreliose nicht überall gleich stark, sondern oft nur in bestimmten kleinen Gebieten mit passenden Umweltbedingungen.
- Drohnenbilder, Wetterdaten und Künstliche Intelligenz sollen das Risiko durch Zecken künftig genauer vorhersagen und gefährliche Hotspots früher sichtbar machen.
- Die Forscher untersuchen außerdem, wie viele Menschen bereits unbemerkt Kontakt mit FSME oder Borreliose hatten; klassische Schutzmaßnahmen wie lange Kleidung und FSME-Impfungen bleiben weiterhin wichtig.
Übrigens: Während Forscher das Risiko durch Zecken künftig mit Drohnen und KI genauer vorhersagen wollen, zeigt eine Wiener Studie, wie raffiniert die Parasiten den Körper austricksen. Schon ihr Speichel kann die Immunabwehr bremsen und Borreliose-Erregern den Weg erleichtern – mehr dazu in unserem Artikel.
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