Fußball im Dschungel: Forscher finden einen anderen Effekt von Oxytocin

Die Wirkung von Oxytocin reicht weit über Nähe hinaus – besonders bei Konkurrenz reagiert der Körper deutlich stärker.

Die Wirkung von Oxytocin zeigt sich nicht nur bei Nähe, sondern auch bei Rivalität und Wettkämpfen zwischen klaren Gruppen.

Oxytocin steigt nicht nur bei Nähe, sondern auch bei Rivalität. Besonders deutlich war der Effekt bei bekannten Gegnern. © UZH

Das „Kuschelhormon“ Oxytocin wird bei Umarmungen, Bindung und sozialer Nähe ausgeschüttet. Doch auch Situationen, die nichts mit Vertrauen und Liebe zu tun haben, lassen den Körper Oxytocin produzieren.

Eine neue Untersuchung der Universität Zürich zeigt, dass der Oxytocinspiegel nicht nur bei Zuneigung ansteigt, sondern auch in Wettkampfsituationen, wenn Konkurrenz und das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit entstehen. Besonders stark reagiert der Körper dann, wenn bekannte Rivalen oder klar abgegrenzte Fremdgruppen beteiligt sind. Mit dem eigenen Team fühlt man sich enger verbunden, bei Rivalität steigt die Anspannung.

Die Wirkung von Oxytocin verändert sich im Wettbewerb

Die Studie entstand unter der Leitung von Charlotte Debras und Adrian Jäggi vom Institut für Evolutionäre Medizin. Für die Untersuchung reiste das Team zu den Tsimane, einer indigenen Bevölkerungsgruppe im bolivianischen Amazonasgebiet. Dort begleiteten die Wissenschaftler echte Fußballturniere. Die Studie war bewusst nicht als Laborversuch angelegt. Um valide Ergebnisse zu bekommen, brauchte es einen natürlichen Wettbewerb mit sozialer Bedeutung.

Jäggi forscht im Amazonasgebiet bereits seit 2011. Er erklärt: „Die Lebensbedingungen der Tsimane beeinflussen hormonelle Prozesse.“ So sind Fortpflanzungshormone wie Testosteron oder Progesteron bei Kalorienmangel niedriger. Gleichzeitig dürften soziale Faktoren – und daran gekoppelt die Oxytocinausschüttung – in diesen eng verflochtenen Gemeinschaften besonders signifikant sein.

Drei Turniersituationen wurden direkt verglichen

Die Forscher betrachteten drei verschiedene Arten von Begegnungen:

  • Spiele gegen bekannte Rivalen aus derselben Gemeinschaft
  • Spiele gegen andere Tsimane-Gemeinschaften
  • Spiele gegen Nicht-Tsimane, also gegen eine klar erkennbare Fremdgruppe

Vor und nach den Partien wurden Urinproben der Fußballspieler genommen. So ließ sich messen, wie sich der Oxytocin-Spiegel veränderte. „Frühere Arbeiten haben gezeigt, dass die Verabreichung von Oxytocin in Form eines Nasensprays gruppenorientiertes Verhalten fördern kann. Es war jedoch unklar, ob Oxytocin in Wettbewerbssituationen auch auf natürliche Weise ansteigt“, erklärt Debras.

Sport allein erklärt den Effekt nicht

Naheliegend wäre zunächst die Vermutung, dass der Hormonanstieg einfach durch körperliche Belastung entsteht. Wer sich mehr bewegt, reagiert schließlich oft auch hormonell stärker. Das prüfte das Team ebenfalls. Die körperliche Aktivität hatte zwar einen kleinen Einfluss, erklärte das Ergebnis aber nicht ausreichend. Entscheidend blieb der soziale Kontext. Kurz gesagt:

  • Nicht nur Bewegung ließ den Wert steigen
  • Die Bedeutung des Gegners war wichtiger
  • Rivalität hatte mehr Einfluss als reine Anstrengung

Der Körper reagiert also nicht nur auf körperlichen Stress, sondern auch auf soziale Grenzen zwischen Gruppen.

Bekannte Rivalen lösten die stärkste Reaktion aus

Vor allem Spiele gegen bekannte Rivalen, also innerhalb der eigenen sozialen Gruppe, sorgten für den stärksten Anstieg. Auch Begegnungen mit Nicht-Tsimane führten zu hohen Werten. Weniger deutlich fiel die Reaktion bei Spielen zwischen verschiedenen Tsimane-Gemeinschaften aus. Entscheidend war demnach nicht der sportliche Einsatz. Viel wichtiger war, welche soziale Bedeutung der Gegner hatte.

„Das deutet darauf hin, dass Oxytocin sensibel auf die soziale Bedeutung des Gegners reagiert – sowohl bei vertrauten Rivalen als auch gegenüber klar abgegrenzten Fremdgruppen“. so Jäggi. Oxytocin unterstützt offenbar nicht nur Vertrauen und Nähe zwischen Einzelpersonen. Es wird auch dann aktiv, wenn Loyalität innerhalb einer Gruppe wichtig wird.

Klarer Unterschied zwischen Männern und Frauen

Der Anstieg des Oxytocinspiegels zeigte sich allerdings nur bei Männern deutlich. Bei Frauen ließ sich dieser Effekt nicht in gleicher Form messen. Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe. Viele Frauen stillten während des Untersuchungs-zeitraumes, was den Grundwert von Oxytocin im Körper bereits erhöhte. Kleine Veränderungen ließen sich so schwerer erkennen. Außerdem hatte Fußball für Männer in der Gemeinschaft der Tsimane eine größere soziale Bedeutung.

Debras erklärt: „Für Tsimane-Frauen findet Konkurrenz eher in sozialen Kontexten statt – etwa über Reputation oder Unterstützung – und weniger in körperlichen Wettkämpfen.“ Auch die sogenannte Male-Warrior-Hypothese passt dazu. Sie beschreibt, dass Männer evolutionär häufiger in direkte Gruppenwettbewerbe eingebunden waren.

Oxytocin fördert Kooperation

Noch offen bleibt, ob Oxytocin vor allem den Zusammenhalt im eigenen Team stärkt oder eher die Abgrenzung zum Gegner fördert. In Mannschaftssportarten hängt beides eng zusammen.

Wer gemeinsam gewinnen will, muss vertrauen, kooperieren und sich aufeinander verlassen können. In der Gruppendynamik könnte Oxytocin eine wichtige Rolle spielen. Jäggi resümiert: „Oxytocin wurde bereits bei zahlreichen Tierarten mit Gruppenkonflikten in Verbindung gebracht – von Fischen bis zu Schimpansen. Die Ergebnisse legen nahe, dass ähnliche Mechanismen auch beim Menschen wirken.“

Kurz zusammengefasst:

  • Die Wirkung von Oxytocin zeigt sich nicht nur in Situationen, in welchen Nähe und Vertrauen entstehen, sondern auch bei Wettkämpfen, Rivalität und klar abgegrenzten Gruppen.
  • Besonders stark reagiert der Körper auf bekannte Rivalen oder Fremdgruppen. Dieser Effekt wurde in der Studie vor allem bei Männern sichtbar und konnte nicht allein durch körperliche Anstrengung erklärt werden.
  • Oxytocin unterstützt offenbar nicht nur Bindung, sondern auch Teamgeist, Loyalität und den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe.

Übrigens: Nicht nur der Oxytocinspiegel verrät viel über unseren inneren Zustand – auch kleinste Veränderungen im Gesicht geben erstaunlich präzise Hinweise. Ein neues KI-System erkennt daran Schmerz, Stress und sogar die Tiefenwirkung einer Narkose fast so genau wie ein EEG. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © UZH

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