Hepatitis B gilt als kaum heilbar – Forscher entdecken versteckte Abwehr

Bei chronischer Hepatitis B arbeitet das Immunsystem weiter. Bestimmte Helferzellen könnten für neue Therapien wichtig werden.

Bei chronischer Hepatitis B arbeitet das Immunsystem weiter. Bestimmte Helferzellen könnten für neue Therapien wichtig werden.

Selbst bei lebenslanger Hepatitis B kämpft das Immunsystem weiter gegen das Virus, kann die Infektion jedoch meist nicht vollständig beseitigen. © Wikimedia

Hepatitis B gehört zu den Infektionen, die oft lange unbemerkt bleiben und dennoch schwere Folgen haben können. Weltweit leben rund 250 Millionen Menschen dauerhaft mit dem Virus. Viele tragen es seit der Geburt in sich. Wer das Virus nicht loswird, hat ein höheres Risiko für Leberzirrhose und Leberkrebs. Lange glaubte die Medizin, dass das Immunsystem Hepatitis B weitgehend hinnimmt und kaum noch dagegen arbeitet. Neue Ergebnisse der Universität Basel rütteln nun an dieser Vorstellung.

Das Immunsystem bleibt offenbar aktiv, auch wenn es das Virus nicht vollständig beseitigen kann. Bestimmte Abwehrzellen und Antikörper halten die Virusmenge klein. Der Körper gibt also nicht einfach auf – er kämpft, aber mit begrenzten Mitteln.

Wie Hepatitis B das Immunsystem dauerhaft beschäftigt

Besonders häufig beginnt eine chronische Hepatitis-B-Infektion rund um die Geburt. Das Virus wird von der Mutter auf das Kind übertragen und bleibt dann oft über Jahrzehnte im Körper. Moderne Medizin kann diese Übertragung heute oft verhindern, doch bestehende chronische Infektionen lassen sich bis heute nicht heilen.

Hier setzt die neue Studie an, die im Fachjournal Immunity veröffentlicht wurde. Das Forschungsteam des Departements Biomedizin der Universität Basel untersuchte, warum das Virus trotz vorhandener Abwehr bestehen bleibt. Die Forscher arbeiteten dafür mit einem Mausmodell und dem Virus LCMV. Dieses Modell bildet wichtige Abläufe nach, die auch bei früh erworbenen Virusinfektionen wie Hepatitis B eine Rolle spielen.

Die bisherige Annahme lautete: Der Körper entwickelt eine Art frühe Toleranz. Das Virus wird geduldet, statt aktiv bekämpft. Die Basler Wissenschaftler kommen nun zu einem anderen Ergebnis. „Unsere Studie verändert, wie wir über chronische Infektionen denken, die früh im Leben begonnen haben“, sagt Dr. Katrin Martin, Co-Erstautorin der Studie.

Antikörper senken die Viruslast deutlich

In den Versuchen zeigte sich, dass die Tiere sehr wohl Antikörper gegen das Virus bilden. Diese Antikörper halfen dabei, die Virusmenge zu senken – vor allem in Blut, Milz und Leber. Der Körper bildet diese Antikörper schrittweise. Unterstützt werden sie von spezialisierten T-Helferzellen, die anderen Abwehrzellen helfen, wirksamere Antikörper zu produzieren.

Besonders deutlich wurde das beim Vergleich verschiedener Mäusegruppen:

  • Bei normalen Mäusen sank die Viruslast ab der achten bis zehnten Woche deutlich
  • Bei Tieren ohne passende B-Zell-Antwort blieb sie später mehr als zehnfach höher
  • In der Leber lag die Virusmenge teils sogar bis zu 100-mal niedriger, wenn die Antikörperantwort funktionierte

Auffällig war dabei: Nicht die bekannten CD8-Abwehrzellen waren entscheidend, sondern B-Zellen, Antikörper und spezielle CD4-T-Helferzellen.

Diese Helferzellen bremsen das Virus

Diese CD4-Zellen gehören zur Gruppe der sogenannten Tfh-Zellen. Sie helfen B-Zellen dabei, wirksamere Antikörper zu bilden. Ohne diese Unterstützung bleibt die Abwehr schwach.

Die Forscher fanden jedoch deutlich weniger dieser spezialisierten Zellen als bei einer Infektion im Erwachsenenalter. Bei Trägermäusen machten virus-spezifische CD4-T-Zellen nur etwa 0,05 bis 0,08 Prozent aus. Bei erwachsen infizierten Mäusen lag der Anteil bei fast 1 Prozent.

Nach genauer Anreicherung fanden sich:

  • nur einige hundert passende Zellen pro Milz bei früh infizierten Tieren
  • rund 6000 dieser Zellen bei erwachsen infizierten Mäusen

Dr. Peter Reuther, Co-Erstautor der Arbeit, erklärt: „Diese T-Helferzellen sind im Erwachsenenalter durchaus aktiv und wirksam gegen das Virus. Allerdings sind sie seltener und weniger vielfältig als bei Infektionen, denen man später im Leben begegnet.“ Dadurch bleibe die Immunantwort eingeschränkt und könne das Virus nicht vollständig beseitigen.

Der Körper kämpft – aber mit angezogener Handbremse

Die Immunabwehr fehlt nicht, sie arbeitet nur deutlich schwächer als nötig. Die passenden Helferzellen sind zu selten und ihre Vielfalt ist eingeschränkt. Das erschwert es dem Körper, das Virus vollständig zu beseitigen.

Die Forscher vermuten den Grund in einer besonders sensiblen Phase: Die Virusinfektion trifft das Immunsystem sehr früh in seiner Entwicklung. Dadurch entstehen weniger spezifische T-Zellen. Der Körper entwickelt eine teilweise Toleranz gegenüber dem Virus. Das erleichtert es dem Erreger, dauerhaft im Organismus zu bleiben.

Studienleiter Prof. Dr. Daniel Pinschewer beschreibt es so: „Wir haben festgestellt, dass das Immunsystem das Virus im Erwachsenenalter mit Teilerfolg bekämpft, obschon gewissermassen mit angezogener Handbremse.“ Das Virus wird also gebremst, aber nicht gestoppt.

Warum daraus neue Therapien entstehen könnten

Wenn bereits eine teilweise funktionierende Abwehr vorhanden ist, muss keine völlig neue Immunreaktion aufgebaut werden. Es könnte reichen, die bestehende gezielt zu stärken. Im Versuch gelang das bereits: Zusätzliche CD4-T-Helferzellen verbesserten die Antikörperreaktion deutlich. Die B-Zell-Antwort stieg etwa um das Fünffache, die gereifte Antikörperantwort sogar um das Sechsfache.

„Dass sich die Immunreaktion durch Zugabe von zusätzlichen T-Helferzellen verstärken ließ, ist im Hinblick auf neue Therapieansätze vielversprechend“, so Pinschewer. „Wir bauen damit auf bestehende und teilweise effektive Mechanismen der Abwehr auf, statt dass wir versuchen müssten, eine völlig fehlende Abwehrreaktion herbeizuführen.“

Das bedeutet noch keine neue Behandlung für Patienten. Die Ergebnisse stammen aus einem Mausmodell, nicht direkt aus Studien mit Menschen. Dennoch liefern sie einen wichtigen Hinweis: Chronische Hepatitis B ist womöglich nicht nur ein Problem einer zu schwachen Abwehr – sondern eines Immunsystems, das an der richtigen Stelle gezielte Unterstützung braucht.

Kurz zusammengefasst:

  • Hepatitis B beginnt oft schon bei der Geburt und kann ein Leben lang im Körper bleiben, was das Risiko für Leberzirrhose und Leberkrebs erhöht.
  • Bei Hepatitis B arbeitet das Immunsystem weiter gegen das Virus: Antikörper sowie spezielle CD4-T-Helferzellen bremsen die Infektion, sind aber zu selten, um sie vollständig zu stoppen.
  • Darin liegt die Chance für neue Therapien: Statt eine neue Abwehr aufzubauen, könnte es helfen, die vorhandene Immunreaktion gezielt zu stärken und so Hepatitis B besser zu kontrollieren.

Übrigens: Während das Immunsystem bei Hepatitis B Viren ausbremst, kann es bei Krebs unter bestimmten Bedingungen sogar das Tumorwachstum fördern. Forschende entdeckten, wie bestimmte Abwehrzellen Tumoren länger am Leben halten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © NIAID via Wikimedia unter CC BY 2.0

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