662 Meter: In tiefstem Sinkloch der Welt wächst ein Wald, der nach eigenen Regeln lebt
In dem bis zu 662 Meter tiefen Sinkloch wächst ein abgeschotteter Wald – mit ungewöhnlichen Nährstoffwerten.
Mit einer Tiefe von bis zu 662 Metern ist das riesige Loch fast viermal so hoch wie der Kölner Dom. © Wikimedia
In einem bis zu 662 Meter tiefen, riesigen Loch in China wächst ein Wald, der wirkt wie aus einer anderen Welt. Im Xiaozhai Tiankeng, dem tiefsten Sinkloch der Welt, haben Pflanzen eigene Überlebensregeln entwickelt: Sie nehmen ungewöhnlich viele Nährstoffe auf, wachsen schnell – und unterscheiden sich deutlich von Pflanzen an der Oberfläche.
Das zeigt eine im Chinese Journal of Plant Ecology veröffentlichte Studie. Die Forscher untersuchten 64 Pflanzenarten aus 36 Familien und fanden auffällige Unterschiede bei Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor. Besonders spannend: Der Wald sieht üppig aus, doch im Inneren begrenzen bestimmte Nährstoffe das Wachstum.
Geologisch handelt es sich bei dem Loch um eine Doline oder einen Erdfall: eine trichterförmige Senke, die entsteht, wenn unterirdische Hohlräume einbrechen. An deren Grund befindet sich eine eigene, feuchte Welt mit steilen Felswänden, gedämpftem Licht und dichter Vegetation – fast wie ein Wald in einem natürlichen Kessel.
Tiefstes Sinkloch der Welt verändert Pflanzen
Die Messwerte aus dem Tiankeng weichen deutlich von bekannten Mustern ab. „Die Blätter der Pflanzen im Tiankeng enthalten weniger Kohlenstoff, dafür aber höhere Mengen an Stickstoff, Phosphor und weiteren Nährstoffen“, schreiben die Autoren der Studie.
Für die Pflanzen bedeutet das: Sie wachsen schneller, nutzen ihre Nährstoffe aber weniger sparsam. Statt langfristig Reserven aufzubauen, reagieren viele Arten auf die besonderen Bedingungen am Boden des Sinklochs mit rascher Entwicklung.
Nährstoffverhältnisse zeigen ein ungewöhnliches Bild
Auch die Nährstoffverhältnisse erklären, warum dieser Wald anders funktioniert als Wälder an der Oberfläche. In der Studie heißt es: „Obwohl Kalium reichlich vorhanden ist, sind Stickstoff und Phosphor begrenzende Faktoren.“
Dadurch entscheidet nicht allein die feuchte, abgeschottete Umgebung darüber, welche Arten am Grund bestehen. Wichtig ist auch, welche Pflanzen die knappen Nährstoffe am besten nutzen.
Verborgener Wald passt sich an besondere Bedingungen an
Am Grund des Sinklochs herrschen stabile Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und wenig direktes Sonnenlicht. Der Boden speichert Wasser und Mineralstoffe anders als an offenen Standorten. Für Pflanzen entsteht dadurch ein Lebensraum, der zugleich geschützt und anspruchsvoll ist.
Die Arten reagieren darauf mit verschiedenen Strategien:
- Einige nehmen besonders viele Nährstoffe auf.
- Andere wachsen schnell, sobald die Bedingungen günstig sind.
- Wieder andere verändern ihre Blattstruktur, um mit dem schwachen Licht besser zurechtzukommen.
Das Forschungsteam um Zheng Li-Li fasst diese Anpassung so zusammen: „Die Pflanzen zeichnen sich durch hohe Nährstoffaufnahme, schnelles Wachstum und geringe Nutzungseffizienz aus.“ Diese Kombination hilft ihnen, in der abgeschotteten Tiefe zu bestehen.
Der Boden entscheidet mit, welche Pflanzen wachsen
Neben Licht und Feuchtigkeit entscheidet auch der Boden darüber, welche Pflanzen am Grund des Sinklochs wachsen. Er steuert, welche Nährstoffe verfügbar sind – und schafft selbst innerhalb des Tiankeng unterschiedliche Bedingungen.
Die Forscher beschreiben den Boden als „entscheidenden Umweltfaktor für die Nährstoffzusammensetzung der Pflanzen“. Je nach Standort verändern sich die Werte deutlich, bei einzelnen Arten ebenso wie bei ganzen Pflanzengruppen.
So entstehen Zonen, in denen manche Pflanzen dichter wachsen, während andere weniger Raum finden. Der Wald folgt damit einem feinen Muster im Untergrund.
Abgeschottetes System entwickelt eigene Dynamik
So wirkt das Sinkloch wie ein natürlicher Schutzraum. Die steilen Wände halten Feuchtigkeit und kühle Luft am Grund, zugleich trennen sie den Wald von der Umgebung an der Oberfläche.
Dadurch entsteht ein eigenes ökologisches System. Nährstoffe zirkulieren anders, Pflanzenreste werden unter den feuchten Bedingungen anders zersetzt, Mineralstoffe bleiben je nach Standort unterschiedlich lange verfügbar. Der Xiaozhai Tiankeng zeigt damit, wie stark ein abgeschotteter Lebensraum Pflanzen verändern kann.
Kurz zusammengefasst:
- Im tiefsten Sinkloch der Welt wächst bis zu 662 Meter unter dem Bodenniveau ein abgeschotteter Wald mit eigenen Umweltbedingungen.
- Pflanzen dort enthalten weniger Kohlenstoff, dafür mehr Stickstoff und Phosphor, was ihr Wachstum und ihren Stoffwechsel verändert.
- Der Boden und das besondere Mikroklima steuern diese Anpassungen und führen zu anderen Nährstoffkreisläufen als an der Oberfläche.
Übrigens: Während im tiefsten Sinkloch der Welt ein abgeschotteter Wald entsteht, haben Forscherinnen auch unter dem Meeresboden verborgene Lebensräume mit neuen Arten entdeckt. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Brookqi via Wikimedia Commons unter Public domain
