Unser Trinkwasser an Küsten ist weltweit in Gefahr

Mehr als 20 Prozent der Küsten zeigen sinkende Wasserstände – Versalzung wird für Trinkwasser zunehmend zum Risiko.

Mehr als 20 Prozent der Küsten zeigen sinkende Wasserstände – Versalzung wird für Trinkwasser zunehmend zum Risiko.

Eine Grundwasserpumpe in Kalifornien fördert Wasser aus tiefen Reserven: Solche Systeme stehen laut Forschern zunehmend unter Druck durch Versalzung an den Küsten. © Robert Reinecke

An vielen Küsten sinkt der Wasserstand im Boden, während der Meeresspiegel steigt. Dadurch wächst das Risiko, dass Salzwasser in wichtige Trinkwasserreserven eindringt. Diese schleichende Versalzung gefährdet Trinkwasser in Regionen, die stark auf unterirdische Vorräte angewiesen sind. Der Prozess läuft im Verborgenen ab, kann aber ganze Versorgungssysteme unter Druck setzen.

Rund 2,86 Milliarden Menschen leben in Küstennähe. Viele sind auf Wasser aus unterirdischen Speichern angewiesen. Eine Auswertung von rund 480.000 Brunnen zeigt, dass sich diese Vorräte bereits verändern. Die Daten verdeutlichen, wie eng Wasserverbrauch und Klimafolgen zusammenwirken. Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal Nature Water.

Salzwasser dringt in Trinkwasser an Küsten ein

Das Meer muss nicht über das Land laufen, damit Trinkwasser verloren geht. Entscheidend ist das Gleichgewicht unter der Erde. Normalerweise drückt Süßwasser in Richtung Küste und hält Salzwasser zurück. „Sinkt das Grundwasser, kann das Meerwasser leichter eindringen,“ erklärt Studienautor Robert Reinecke vom Institut für Geographie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Durch Versalzung verschlechtert sich die Wasserqualität, was ganze Reserven langfristig unbrauchbar machen kann.

Sein Team untersuchte den bislang größten globalen Datensatz zu küstennahen Messungen. Die Forschenden verknüpften Zahlen aus rund 480.000 Brunnen in vielen Ländern. Dadurch lässt sich erstmals großflächig vergleichen, wo sich Risiken häufen.

Für den Zeitraum von 1990 bis 2024 zeigen mehr als 20 Prozent der untersuchten Küstengebiete klare Veränderungen beim Wasserstand. Teilweise sinken die Pegel um mehr als 50 Zentimeter pro Jahr. „Das weist auf eine Überentnahme und damit das potenzielle Eindringen von Meerwasser und eine damit einhergehende Versalzung hin“, erklärt Reinecke.

Diese Regionen sind besonders betroffen

Die Entwicklung verläuft nicht überall gleich. In manchen Gebieten steigen die Pegel, in anderen sinken sie. Seit 2016 nehmen Rückgänge jedoch zu. Besonders betroffen sind Küsten der USA und Zentralamerikas, der Mittelmeerraum, Südafrika, Indien und der Süden Australiens.

Auffällig ist auch, wie unterschiedlich sich die Veränderungen im Detail zeigen. Selbst innerhalb einzelner Regionen können sich benachbarte Gebiete stark unterscheiden. „In welchem Maße sich die Grundwasserspiegel verändern, variiert deutlich – innerhalb vieler Regionen auch kleinräumig“, so Reinecke.

Trockene Regionen geraten schneller unter Druck

Besonders anfällig sind Küstengebiete, in denen Wasser knapp ist. Dazu zählen trockene Regionen und flache Küstenlandschaften. Dort liegt das Wasser oft nahe am Meeresspiegel. Schon kleine Veränderungen reichen aus, um das Gleichgewicht zu verschieben.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem. In vielen dieser Regionen hängt die Versorgung stark vom Grundwasser ab. Dort wird es meist auch intensiv genutzt, etwa für Landwirtschaft oder Städte. Diese Kombination erhöht das Risiko deutlich. Laut Reinecke sind vor allem solche Küstengebiete gefährdet, in denen das Grundwasser in der Nähe des Meeresspiegels liegt, sowie generell trockene Gebiete, in denen die Bevölkerung sich besonders auf Grundwasser verlassen muss.

Folgen betreffen Wasser, Landwirtschaft und Natur

Steigt der Salzgehalt, leidet auch die Landwirtschaft. Salzhaltiges Wasser kann Böden schädigen und Erträge verringern. Auch Küstenökosysteme reagieren empfindlich auf veränderte Bedingungen im Boden. Damit betrifft die Entwicklung mehrere Bereiche gleichzeitig:

  • Trinkwasser wird knapper oder schlechter nutzbar
  • Landwirtschaft verliert an Ertrag
  • Ökosysteme geraten aus dem Gleichgewicht

Diese Zusammenhänge erhöhen den Druck auf Regionen, die ohnehin mit Wasserknappheit zu kämpfen haben.

Prognose für die kommenden Jahrzehnte ist deutlich

Wenn sich die aktuellen Entwicklungen fortsetzen, bleibt die Lage angespannt. Viele heute betroffene Regionen dürften weiterhin unter Druck stehen. Weitere könnten hinzukommen. Reinecke warnt deutlich:

In den kommenden 50 Jahren kann es in allen Küstengebieten der Welt zu Trinkwasserproblemen kommen.

Die Forschenden drängen deshalb auf engere Überwachung und besseres Management. Gemeint sind vor allem verlässlichere Daten, frühere Warnsignale und ein vorsichtigerer Umgang mit Wasserressourcen. Denn gerät ein solches System einmal unter Druck, erholt es sich oft nur sehr langsam.

Auch für Deutschland ist das Thema relevant. Hitzeperioden, Trockenheit und steigender Wasserbedarf setzen Ressourcen zunehmend unter Druck. Die Entwicklung an den Küsten zeigt, wie schnell ein stabiles System ins Wanken geraten kann – oft lange bevor die Folgen sichtbar werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Küstennahes Trinkwasser gerät unter Druck, weil sinkende Pegel das Eindringen von Salzwasser begünstigen.
  • Eine globale Auswertung von rund 480.000 Messstellen zeigt, dass in über 20 Prozent der Küstengebiete bereits deutliche Veränderungen auftreten.
  • Sinkt das Grundwasser, steigt das Risiko der Versalzung – und damit die Gefahr für Trinkwasser, Landwirtschaft und Ökosysteme.

Übrigens: Der Meeresspiegel liegt an vielen Küsten offenbar höher als berechnet, was Risiken für Trinkwasser und Versalzung verstärkt. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Robert Reinecke

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