Trotz Klimawandel: Warum Baumgrenzen oft wieder nach unten wandern 

Baumgrenzen steigen nicht nur: Ein Viertel verschiebt sich hangabwärts. Gründe sind Brände, Nutzung und Trockenheit.

Baumgrenzen wie im Schweizerischen Nationalpark, Graubünden verschieben sich nicht nur durch den Klimawandel, auch Landnutzung beeinflusst, wie hoch Wälder in den Bergen wachsen. © Sabine Rumpf, Universität Basel

Baumgrenzen wie im Schweizerischen Nationalpark, Graubünden verschieben sich nicht nur durch den Klimawandel, auch Landnutzung beeinflusst, wie hoch Wälder in den Bergen wachsen. © Sabine Rumpf, Universität Basel

Baumgrenzen gelten als gut sichtbares Zeichen des Klimawandels. Steigen die Temperaturen, müssten sie eigentlich nach oben wandern. Doch eine globale Studie zeigt nun: Zwischen 2000 und 2020 verschoben sich zwar 42 Prozent der Baumgrenzen hangaufwärts, zugleich wanderten aber 24 Prozent hangabwärts. 34 Prozent blieben unverändert.

Die Daten machen deutlich, wie komplex die Entwicklung ist. Nicht nur das Klima, auch Landnutzung, Brände, Trockenheit und andere Störungen bestimmen, wo Bäume am Berg noch wachsen können. Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation.

Warum Baumgrenzen oft anders reagieren

Die Temperatur bleibt der wichtigste Einflussfaktor. Bäume wachsen nur dort, wo die Vegetationsperiode lang genug ist. Als Richtwert gilt: mindestens 6,4 Grad Durchschnittstemperatur und rund 94 Tage Wachstumszeit. Steigen die Temperaturen, müssten Wälder eigentlich höher wachsen. Doch die reale Entwicklung weicht häufig von dem ab, was klimatisch möglich wäre.

An der Analyse war auch die Universität Basel beteiligt. Die Auswertung vergleicht beobachtete Baumgrenzen mit der Höhe, die theoretisch durch das Klima erreichbar wäre. Viele Wälder bleiben deutlich darunter. „Während beim Schwinden der Gletscher klar der Klimawandel die Ursache ist, sind die Gründe bei den Baumgrenzen vielschichtiger“, erklärt Vegetationsökologin Sabine Rumpf.

Nutzung und Eingriffe prägen die Landschaft

Ein wichtiger Faktor ist die Nutzung der Berge. In den Alpen etwa werden viele hoch gelegene Almen aufgegeben. Dadurch können Bäume wieder nachrücken. Die Baumgrenze verschiebt sich dann nach oben, unabhängig vom Klima. Umgekehrt bremsen intensive Eingriffe den Wald:

  • Beweidung hält Flächen offen
  • Holzeinschlag verhindert das Nachwachsen
  • Infrastruktur verändert Böden und Mikroklima

Diese Einflüsse wirken oft über Jahrzehnte nach. Selbst wenn sich die Nutzung ändert, bleibt die Landschaft geprägt.

Brände treiben Baumgrenzen nach unten

Ein besonders starker Einfluss sind Brände. Rund 38 Prozent der hangabwärts gerichteten Verschiebungen stehen damit in Verbindung. Nach einem Feuer verliert der Boden Stabilität. Nährstoffe fehlen. Junge Bäume wachsen schlechter. Dadurch kann sich die Baumgrenze nach unten verschieben.

Mathieu Gravey vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreibt den Effekt so: „Wenn Bäume in wasserarmen Systemen nicht genügend Wasser erhalten, kann sich die Baumgrenze hangabwärts verlagern“. Auch Trockenheit verstärkt diesen Effekt. Extreme Ereignisse wie Stürme, Lawinen oder Erdrutsche wirken zusätzlich. Ihre Folgen bleiben meist lokal begrenzt, können die Vegetation aber deutlich verändern.

In den Alpen zeigt sich die Verzögerung besonders klar

In vielen Gebirgen folgt die Baumgrenze der Erwärmung nur sehr langsam. Die Alpen liefern ein gutes Beispiel. Dort steigen die Temperaturen seit Jahren messbar. Dennoch rückt die Baumgrenze nur minimal nach oben. Der Grund liegt in der Nutzungsgeschichte. Böden und Vegetation haben sich durch jahrzehntelange Bewirtschaftung verändert.

Diese Altlasten bremsen den Wald bis heute. Selbst bessere klimatische Bedingungen reichen nicht aus, um diesen Effekt schnell auszugleichen.

Baumgrenzen reagieren langsam und uneinheitlich

Die weltweiten Daten zeigen, wie träge diese Grenze ist. Im Schnitt verschiebt sie sich nur um wenige Zentimeter pro Jahr. Außerdem verläuft die Entwicklung regional sehr unterschiedlich.

Für das Gesamtbild sind vier Punkte entscheidend:

  • Baumgrenzen reagieren verzögert auf Klimaveränderungen
  • Frühere Nutzung beeinflusst die Entwicklung langfristig
  • Brände und Trockenheit können den Trend umkehren
  • Regionale Unterschiede bestimmen die Richtung

Die Verschiebung der Baumgrenzen ist laut Gravey „ein Teil eines großen Puzzles, um den Einfluss des Klimawandels zu verstehen“. Sein Kollegin Rumpf ergänzt:

Baumgrenzen sind kein reines Thermometer der Erwärmung – sondern Ausdruck vielschichtiger globaler Veränderungen.

Kurz zusammengefasst:

  • Baumgrenzen steigen nicht automatisch: Zwischen 2000 und 2020 wanderten zwar viele nach oben, doch etwa ein Viertel verschob sich hangabwärts oder blieb stabil.
  • Mehr als nur Temperatur entscheidet: Brände, Landnutzung, Trockenheit und frühere Eingriffe bestimmen stark, wo Bäume wachsen können und wo nicht.
  • Reaktion erfolgt langsam und verzögert: Selbst bei steigenden Temperaturen rücken Baumgrenzen oft nur minimal vor und bleiben häufig unter der klimatisch möglichen Höhe.

Übrigens: Während sich Baumgrenzen verschieben, verschwindet in den Alpen ein anderes Klimaarchiv rasant: Gletschereis, das Jahrtausende gespeichert hat, schmilzt schneller als gedacht. Messungen zeigen: Innerhalb weniger Jahre hat sich die Eisdicke fast halbiert. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Sabine Rumpf, Universität Basel

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