Sie wurde jahrelang übersehen – Forscher entdecken winzige Meeresschnecke vor Taiwan

Vor Taiwan entdeckten Forscher eine winzige Meeresschnecke, die trotz gut untersuchter Küsten jahrelang verborgen blieb. Das Tier ist kleiner als ein Reiskorn und trägt Punkte wie Sesamkörner.

Vor Taiwan entdeckten Forscher eine neue Meeresschnecke, die kleiner als ein Reiskorn bleibt und jahrelang unbemerkt lebte.

Zwei Exemplare der neu entdeckten Meeresschnecke Thecacera sesama fressen auf einer Kolonie aus Moostierchen. Die winzigen Tiere bleiben meist direkt in der Nähe ihrer Nahrung. © Ho-Yeung Chan et al., 2026.

Vor Taiwans Küste haben Forscher eine neue Meeresschnecke entdeckt, die kleiner als ein Reiskorn bleibt. Das Überraschende daran: Das Gebiet gilt seit Jahren als gut erforscht. Die winzigen Tiere verstecken sich zwischen Algen und Kolonietieren so geschickt, dass selbst erfahrene Taucher sie leicht übersehen.

Der Fund zeigt, wie viele unbekannte Arten offenbar noch immer in den Ozeanen leben – selbst direkt vor bekannten Küsten. Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal ZooKeys beim Wissenschaftsverlag Pensoft Publishers.

Die Meeresschnecke überraschte selbst erfahrene Taucher

Die neue Art trägt den Namen Thecacera sesama. Der Name kommt vom lateinischen Wort für Sesam. Das Forschungsteam erklärte dazu: „Taiwanesische Taucher nennen sie auf Chinesisch ‚Sesam‘. Sie ist außerdem klein wie ein Sesamkorn, daher der Name.“

Über den transparent weißen Körper verteilen sich kleine schwarze Punkte und größere gelbe Flecken. Die Muster erinnern tatsächlich an verstreute Sesamkörner. Die Meeresschnecke misst nur 0,9 bis 2,95 Millimeter. Im Durchschnitt erreichten die untersuchten Tiere gerade einmal 2,34 Millimeter Körperlänge. Viele Exemplare waren damit kleiner als ein Reiskorn.

Hinzu kommt die Tarnung. Der fast durchsichtige Körper verschmilzt optisch mit den Bryozoen, auf denen die Tiere leben. Dabei handelt es sich um kleine Kolonietiere, die oft wie Pflanzen oder feine Korallenstrukturen wirken. Selbst geübte Taucher können solche Tiere unter Wasser leicht übersehen.

Forscher fanden die neue Meeresschnecke eher zufällig

Der Erstfund entstand nicht während einer großen Expedition. Hauptautor Ho-Yeung Chan entdeckte die Tiere zufällig bei einem Freizeittauchgang im Jahr 2019 während seines Studiums. Zunächst erkannte niemand die Bedeutung des Fundes. Erst später entstand der Verdacht, dass es sich um eine bislang unbekannte Art handeln könnte.

Chan erkannte die neue Art offenbar erst nach einem Austausch mit der Meeresschnecken-Expertin Hsini Lin über Facebook.

Anschließend sammelten die Wissenschaftler zwischen 2021 und 2025 insgesamt sechs Exemplare. Gefunden wurden sie vor der nordöstlichen Küste Taiwans in Tiefen zwischen 18 und 30 Metern.

Wetter und Taifune erschwerten die Forschung

Die Küste bei Keelung gilt als schwierig für wissenschaftliche Tauchgänge. Im Winter verhindern starke Wellen und niedrige Temperaturen viele Einsätze. Im Sommer sorgen Taifune regelmäßig für gefährliche Bedingungen. Laut Forschungsteam sinken die Wassertemperaturen dort teils unter 16 Grad Celsius.

Für Untersuchungen bleiben deshalb oft nur rund vier Monate pro Jahr. Deshalb hängen Sichtungen solcher Kleinstlebewesen häufig vom Zufall ab.

Die Forscher erklären die Bedeutung der Tiere für das Ökosystem: „Nacktschnecken gehören zu den wichtigen Akteuren im marinen Nahrungsnetz.“ Viele Arten seien extrem farbenfroh, aber wegen ihrer winzigen Größe unter Wasser nur schwer mit bloßem Auge zu erkennen.

DNA verriet den Forschern die wahre Identität

Äußerlich ähnelt die neue Meeresschnecke mehreren bekannten Arten aus dem Pazifik. Deshalb untersuchte das Team zusätzlich die DNA der Tiere. Analysiert wurden zwei Gene, die in der biologischen Forschung häufig zur Bestimmung neuer Arten genutzt werden. Der genetische Abstand zur verwandten Art Thecacera picta fiel überraschend groß aus. Beim sogenannten COI-Gen lag die Differenz bei 14,17 Prozent. In der Forschung gilt ein solcher Wert bei Nacktschnecken als deutlicher Hinweis auf eine eigenständige Art.

Innerhalb der gefundenen Tiere unterschieden sich die Gene dagegen kaum. Die Forscher beschrieben die Meeresschnecke deshalb als „klar abgegrenzte Abstammungslinie“. Es handelt sich um die erste offiziell beschriebene Art dieser Gattung seit fast 30 Jahren.

Thecacera species.
© Ho-Yeung Chan et al., 2026 Lebende Moostierchen-Kolonien dienen mehreren Thecacera-Arten als Nahrung und Lebensraum. Auch die neu entdeckte Meeresschnecke Thecacera sesama wurde dort beobachtet. © Ho-Yeung Chan et al., 2026

Die winzige Meeresschnecke lebt erstaunlich spezialisiert

Die Tiere führen ein stark angepasstes Leben. Laut Beobachtungen zeigen sie hauptsächlich vier Verhaltensweisen:

  • Nahrung suchen
  • fressen
  • sich paaren
  • Eier auf Bryozoen ablegen

Die Meeresschnecken bleiben meist direkt in der Nähe ihrer Nahrung. Die Forscher beobachteten mehrere verwandte Arten im selben Gebiet. Einige nutzten sogar dieselbe Nahrungsquelle. Trotz des begrenzten Lebensraums existiert dort eine erstaunlich hohe Vielfalt kleiner Meeresschnecken-Arten. Zu den auffälligen Merkmalen der neuen Art gehören:

  • fünf Kiemen
  • neun bis zwölf Lamellen an den Sinnesorganen
  • ein transparenter Körper
  • schwarze und gelbe Flecken
  • eine maximale Länge von weniger als drei Millimetern

Die Wissenschaftler entdeckten in derselben Region außerdem weitere bisher unbeschriebene Arten der Gattung Thecacera. Die neue Meeresschnecke könnte deshalb nur ein kleiner Teil einer deutlich größeren Artenvielfalt sein.

Thecacera sesama
© Ho-Yeung Chan et al., 2026 Die neu entdeckte Meeresschnecke Thecacera sesama lebt vor der Küste Taiwans und erreicht nicht einmal drei Millimeter Körperlänge. Ihre schwarzen und gelben Flecken erinnern an verstreute Sesamkörner. © Ho-Yeung Chan et al., 2026

Viele kleine Meerestiere könnten noch unentdeckt sein

Die Studie beschreibt Taiwan als wichtigen Hotspot der marinen Biodiversität im westlichen Pazifik. Trotzdem gelten viele Regionen dort biologisch noch immer als unzureichend dokumentiert. Besonders kleine Tiere stellen Forscher vor Probleme. Viele Meeresschnecken bleiben deutlich unter drei Zentimetern Körperlänge. Manche Arten erreichen nicht einmal drei Millimeter. Unter Wasser lassen sie sich deshalb oft kaum erkennen.

Die Autoren gehen davon aus, dass noch zahlreiche winzige Arten wissenschaftlich unbekannt sind. Bekannte Küstenregionen könnten deshalb weiterhin Überraschungen bereithalten.

Kurz zusammengefasst:

  • Vor Taiwans Küste entdeckten Forscher die neue Meeresschnecke Thecacera sesama, obwohl das Gebiet bereits seit Jahren erforscht wird. Das Tier bleibt mit maximal 2,95 Millimetern kleiner als ein Reiskorn und tarnt sich durch seinen transparenten Körper besonders gut.
  • DNA-Analysen bestätigten, dass es sich um eine eigenständige Art handelt. Der genetische Abstand zur verwandten Meeresschnecke Thecacera picta lag bei 14,17 Prozent, was bei Nacktschnecken als deutlicher Unterschied gilt.
  • Die Entdeckung zeigt, dass selbst bekannte Küstenregionen noch viele unerkannte Arten beherbergen könnten. Besonders winzige Meerestiere bleiben wegen ihrer Größe und versteckten Lebensweise oft jahrzehntelang unbemerkt.

Übrigens: Während Forscher vor Taiwan noch unbekannte Meeresschnecken entdecken, gerät ein anderes sensibles Ökosystem zunehmend unter Druck. Neue Daten aus Indonesien zeigen, dass Korallenbleiche nicht nur durch Hitze entsteht – auch ungewöhnlich kaltes Tiefenwasser kann ganze Riffe schwer schädigen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Ho-Yeung Chan et al., 2026. unter Lizenz CC BY

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