In diesen Regionen Europas leben Menschen deutlich länger – die Kluft wächst
Daten aus 13 Ländern zeigen: Die Lebenserwartung entwickelt sich in Europa regional immer ungleicher.
In Europa wächst der Abstand bei der Lebenserwartung deutlich – seit Mitte der 2000er Jahre driften die Regionen auseinander. © Unsplash
Die Lebenserwartung gilt als wichtiger Maßstab für Wohlstand, medizinische Versorgung und soziale Stabilität. In vielen Teilen von Europa stieg sie jahrzehntelang kontinuierlich. Regionen mit niedrigeren Werten holten auf, Unterschiede schrumpften. Doch dieser Trend hat sich umgekehrt. Neue Daten zeigen, dass sich die Entwicklung seit Mitte der 2000er Jahre auseinanderbewegt.
Der Wohnort spielt damit wieder eine größere Rolle für die Lebenszeit. Während manche Regionen weiter deutlich zulegen, verlieren andere an Tempo. Die Kluft wächst – und das seit gut anderthalb Jahrzehnten.
Nach Jahren des Aufholens wird der Abstand wieder größer
Die Auswertung basiert auf regionalen Sterblichkeitsdaten aus 450 Regionen in 13 westeuropäischen Ländern. Der Zeitraum reicht von 1992 bis 2019. Damit lassen sich langfristige Trends vor der Corona-Pandemie erkennen. Beteiligt waren das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und das französische Institut für demografische Studien (INED). Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Nature Communications.
Zwischen 1992 und 2005 verlief die Entwicklung dynamisch. Männer gewannen im Durchschnitt rund dreieinhalb Monate Lebenszeit pro Jahr hinzu, Frauen etwa zweieinhalb Monate. Regionen mit niedriger Lebenserwartung machten besonders große Fortschritte. Die Abstände zu Spitzenregionen verringerten sich deutlich. Forschende sprechen von einem „goldenen Zeitalter“.
Seit 2005 verliert Europa spürbar an Tempo
Ab Mitte der 2000er Jahre änderte sich das Bild. Der jährliche Zugewinn sank deutlich. 2018 und 2019 lag er bei Männern nur noch bei rund zwei Monaten, bei Frauen bei etwa einem Monat pro Jahr. Damit halbierte sich der Fortschritt im Vergleich zu den 1990er Jahren. Gleichzeitig wuchsen die regionalen Unterschiede wieder.
Besonders Regionen mit ohnehin niedriger Lebenserwartung verloren an Dynamik. Dort gingen die jährlichen Verbesserungen stark zurück. Spitzenregionen dagegen hielten ihr Tempo weitgehend stabil.
Menschen zwischen 55 und 74 Jahren bremsen die Entwicklung
„Ausschlaggebend ist hierbei die Entwicklung der Sterblichkeit bei den 55- bis 74-Jährigen“, erklärt Dr. Pavel Grigoriev vom BiB. In mehreren Regionen stagnierte die Sterblichkeit in dieser Altersgruppe oder stieg sogar wieder an.
In den 1990er Jahren sank die Sterblichkeit bei Frauen zwischen 55 und 74 Jahren noch um rund 2,1 Prozent pro Jahr. In den 2010er Jahren lag der Rückgang nur noch bei etwa 0,7 Prozent. Bei Männern verringerte sich der jährliche Rückgang von rund 2 Prozent auf etwa 1,2 Prozent. „Dies ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung, da viele dieser Menschen noch mitten im Leben stehen und erwerbstätig sind“, so Grigoriev.
Ein früher Tod in diesem Alter bedeutet den Verlust vieler potenzieller Lebensjahre – und wirkt sich stark auf die durchschnittliche Lebenserwartung aus.
Deutschland: Neue Nachzügler im Norden und Westen
Auch in Deutschland zeigt sich ein deutlicher Wandel. In den 1990er Jahren holten viele ostdeutsche Regionen nach der Wiedervereinigung rasch auf. Der Abstand zu westdeutschen Regionen schrumpfte erheblich.
Nach 2005 verlangsamte sich die Entwicklung jedoch bundesweit. Neben Teilen Ostdeutschlands gerieten auch Regionen im Norden und Westen ins Hintertreffen. Bei Frauen hängt das unter anderem mit den Folgen des Tabakkonsums zusammen. In mehreren westdeutschen Landesteilen rauchten Frauen traditionell häufiger als im Süden. Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich zeitverzögert.
Im gesamteuropäischen Vergleich fällt Deutschland nicht positiv auf. „Im Untersuchungszeitraum konnte sich keine einzige Region in Deutschland innerhalb der oberen 10 Prozent aller westeuropäischen Regionen mit der höchsten Lebenserwartung etablieren“, sagt Mitautor Prof. Dr. Sebastian Klüsener vom BiB.
Spanien, Norditalien und die Schweiz bleiben vorn
Trotz der allgemeinen Verlangsamung gibt es Regionen, die weiterhin stark zulegen. Besonders Norditalien, Teile Spaniens und die Schweiz zählen zu den Spitzenreitern. Dort beträgt der jährliche Zugewinn teils weiterhin rund drei Monate. „Regionen in Norditalien, der Schweiz und Teilen Spaniens zeigen, dass weitere Fortschritte möglich sind“, sagt Grigoriev. „Das Potenzial für zusätzliche Zugewinne besteht weiterhin.“
Die Daten machen deutlich: Nationale Durchschnittswerte reichen nicht aus, um die Entwicklung zu verstehen. Innerhalb einzelner Länder bestehen erhebliche Unterschiede.
Wohnort entscheidet wieder stärker über die Lebenszeit
Die Studie beschreibt vor allem Trends und Zusammenhänge, sie beweist keine direkten Ursachen. Es handelt sich um Beobachtungsdaten. Dennoch machen die Zahlen klar: Nach Jahren der Annäherung driften viele Regionen in Westeuropa erneut auseinander. Fortschritte bleiben möglich, doch sie kommen nicht überall an.
Besonders deutlich zeigt sich das bei den 55- bis 74-Jährigen. In mehreren Regionen sinkt die Sterblichkeit hier langsamer oder steigt sogar leicht. Rauchen, ungesunde Lebensgewohnheiten und soziale Belastungen wirken regional unterschiedlich stark. Auch medizinische Versorgung und wirtschaftliche Stabilität beeinflussen die Entwicklung.
„Die wieder zunehmende regionale Ungleichheit bei der Lebenserwartung in Europa sollte bei gesundheitlichen und sozialpolitischen Maßnahmen stärker berücksichtigt werden“, so Grigoriev. Denn die Daten legen nahe: Wie lange Menschen leben, hängt wieder stärker davon ab, wo sie leben.
Kurz zusammengefasst:
- Die Lebenserwartung stieg in Europa zwischen 1992 und 2005 stark und relativ gleichmäßig an, doch seit Mitte der 2000er Jahre verlangsamt sich der Fortschritt deutlich und die regionalen Unterschiede wachsen wieder.
- Besonders die Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen bremst die Entwicklung, weil die Sterblichkeit hier langsamer sinkt oder regional sogar steigt – unter anderem durch Rauchen, Alkohol, ungesunde Lebensweise und soziale Belastungen.
- Während Regionen in Norditalien, Spanien und der Schweiz weiter zulegen, verlieren andere Gebiete an Tempo – damit hängt die Chance auf ein langes Leben zunehmend vom Wohnort ab.
Übrigens: Während in Europa der Wohnort wieder stärker über die Lebenserwartung entscheidet, zeigt eine große US-Analyse, dass auch Schlaf eine überraschend starke Rolle spielt – dauerhaft weniger als sieben Stunden pro Nacht verkürzen die Lebenszeit messbar. Warum Schlafmangel fast so riskant sein kann wie Rauchen oder starkes Übergewicht, mehr dazu in unserem Artikel.
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