Worte lösen eine chemische Reaktion im Gehirn aus – und steuern unsere Emotionen und Entscheidungen
Unser Gehirn verarbeitet Worte nicht nur rational, sondern emotional. Neue Erkenntnisse stellen bisherige Annahmen infrage.

Worte beeinflussen unsere Gefühle und steuern unsere Reaktionen. © Pexels
Worte haben mehr Macht, als viele denken. Sie lösen chemische Reaktionen im Gehirn aus, die unsere Gefühle, Entscheidungen und sogar unser Verhalten beeinflussen können. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Virginia Tech hat jetzt herausgefunden, dass das Gehirn bestimmte Botenstoffe freisetzt, wenn es emotionale Sprache verarbeitet. Diese Entdeckung liefert neue Erkenntnisse darüber, wie Sprache und Emotionen miteinander verbunden sind.
Die Studie zeigt, dass drei wichtige Neurotransmitter – also chemische Stoffe, die Nervenzellen zur Kommunikation nutzen – beim Lesen von emotionalen Wörtern eine Rolle spielen. Die Forscher konnten erstmals messen, wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin auf Sprache reagieren.
Wir dachten bisher, dass diese Stoffe vor allem positive oder negative Erlebnisse im Gehirn markieren. Unsere Studie zeigt, dass sie auch dann freigesetzt werden, wenn wir die emotionale Bedeutung von Worten erfassen.
Read Montague, Professor am Fralin Biomedical Research Institute der Virginia Tech
Drei Botenstoffe beeinflussen, wie wir Sprache verstehen
Dopamin, Serotonin und Noradrenalin steuern viele grundlegende Funktionen im Gehirn. Sie beeinflussen unter anderem unsere Stimmung, Motivation und Aufmerksamkeit. In der aktuellen Studie wurde erstmals untersucht, wie diese Stoffe reagieren, wenn Menschen Worte mit unterschiedlicher emotionaler Färbung lesen – also beispielsweise positive, negative oder neutrale Begriffe.
Dafür analysierten die Forscher Gehirnaktivitäten von Patienten, die sich einer Tiefenhirnstimulation unterzogen. Diese Methode wird etwa bei der Behandlung schwerer neurologischer Erkrankungen wie Parkinson oder Epilepsie eingesetzt. Dabei werden Elektroden ins Gehirn implantiert, die Signale aufzeichnen oder gezielt Nervenzellen stimulieren können. Während der Studie lasen die Teilnehmer Wörter auf einem Bildschirm, während ihre Hirnaktivität in zwei wichtigen Bereichen gemessen wurde: im Thalamus und im anterioren cingulären Cortex, der für Entscheidungsfindung und Emotionen wichtig ist.
Der Thalamus zeigt unerwartete Reaktionen
Besonders überraschend war die Entdeckung, dass der Thalamus auf emotionale Sprache reagierte. Diese Hirnregion gilt als eine Art „Schaltzentrale“ für Sinneseindrücke und verarbeitet normalerweise Informationen aus Augen, Ohren oder Haut, bevor sie an andere Hirnbereiche weitergeleitet werden. Bislang wurde er aber nicht mit Sprachverarbeitung in Verbindung gebracht.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Thalamus auf emotionale Wörter reagiert, obwohl wir das nicht erwartet hätten“, sagte William „Matt“ Howe, Neurowissenschaftler an der Virginia Tech. Das bedeutet, dass selbst Hirnregionen, die eigentlich für andere Aufgaben zuständig sind, Zugang zu emotionalen Informationen haben könnten. Das könnte erklären, warum Sprache oft so starke körperliche Reaktionen auslöst – etwa Gänsehaut bei ergreifenden Worten oder eine erhöhte Herzfrequenz bei aufregenden Nachrichten.

Tierversuche bestätigen die Ergebnisse
Um sicherzugehen, dass ihre Beobachtungen nicht zufällig waren, überprüften die Forscher ihre Ergebnisse in Tierversuchen. Sie nutzten eine Methode namens Optogenetik, bei der Nervenzellen mit Licht gezielt ein- oder ausgeschaltet werden können. Alec Hartle, Neurowissenschaftler an der Virginia Tech, erklärte: „Was wir im menschlichen Gehirn beobachtet haben, war außergewöhnlich. Die Versuche an Tieren zeigen, dass die Neurotransmitter tatsächlich eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung emotionaler Sprache spielen.“
Die neuen Erkenntnisse erweitern das Wissen über die Verbindung zwischen Sprache, Emotionen und Gehirnchemie. Frühere Forschungen hatten bereits gezeigt, dass Dopamin und Serotonin wichtig für soziale Interaktionen und Entscheidungsprozesse sind. Jetzt wird klar, dass sie auch eine Rolle dabei spielen, wie wir Worte und ihre emotionale Bedeutung wahrnehmen.
Kurz zusammengefasst:
- Sprache beeinflusst das Gehirn: Beim Verarbeiten emotionaler Worte setzt es die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin frei, die Stimmung, Motivation und Aufmerksamkeit steuern.
- Die Studie der Virginia Tech zeigt erstmals, dass der Thalamus – bisher nicht mit Sprachverarbeitung in Verbindung gebracht – auf emotionale Begriffe reagiert.
- Experimente mit Tiefenhirnstimulation und Tierversuche bestätigen, dass Neurotransmitter eine Schlüsselrolle bei der Wahrnehmung emotionaler Sprache spielen.
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