Warum manche Menschen früh altern – und andere dank uralter Gene 100 werden

Ein genetisches Erbe aus der Steinzeit könnte erklären, warum manche Italiener besonders alt werden – vor allem Frauen.

Ältere und jüngere Frau unterhalten sich

Uralte Gene sind wohl dafür verantwortlich, dass manche Italiener – besonders viele Frauen – ein außergewöhnlich hohes Alter erreichen. © Pexels

In Deutschland steigt die Lebenserwartung seit Jahrzehnten, doch der Zugewinn verteilt sich ungleich. Einige Menschen bleiben bis ins hohe Alter körperlich und geistig stabil, andere entwickeln schon deutlich früher chronische Erkrankungen. Medizinische Versorgung, Vorsorge und Lebensstil erklären diese Unterschiede nur zum Teil. Selbst bei ähnlichen Bedingungen verläuft das Altern sehr unterschiedlich.

Warum der eine mit 85 noch selbstständig lebt, während der andere mit 70 mehrere Krankheiten entwickelt, lässt sich also nicht allein mit dem Verhalten erklären. Zunehmend richtet sich der Blick deshalb auf genetische Voraussetzungen. Dabei geht es weniger um einzelne Gene als um sehr alte Prägungen im Erbgut, die aus der Frühgeschichte Europas stammen und über viele Generationen weitergegeben wurden. Solche Gene beeinflussen offenbar, wie widerstandsfähig der Körper altert – und damit auch, wie groß die Chance auf Langlebigkeit ist.

Neue Daten aus Italien geben dieser Annahme ein konkretes Profil. Verglichen wurden Menschen, die 100 Jahre oder älter sind, mit gesunden Erwachsenen mittleren Alters. Bei den Hundertjährigen tritt besonders häufig ein genetischer Anteil auf, der auf die sogenannten westlichen europäischen Jäger und Sammler (Western Hunter-Gatherer, WHG) zurückgeht. Diese DNA stammt aus einer Zeit vor mehr als 14.000 Jahren, also lange vor Ackerbau und Sesshaftigkeit – und könnte bis heute mitentscheiden, wie robust der Körper im hohen Alter bleibt.

Gene aus der Frühgeschichte begünstigen die Langlebigkeit

Die Auswertung zeigt, dass dieser genetische Anteil kein zufälliger Befund ist. Er unterscheidet Hundertjährige klar von jüngeren Vergleichsgruppen. Andere alte Abstammungslinien, etwa von frühen Bauern aus Anatolien oder von Hirten der Bronzezeit, zeigen diesen Zusammenhang nicht oder sogar in entgegengesetzter Richtung. Entscheidend ist ausgerechnet ein sehr früher Abschnitt der europäischen Geschichte.

Die beteiligten genetischen Varianten entstanden lange vor der Sesshaftwerdung. Damals war das Leben von Infektionen, Kälte und Nahrungsmangel geprägt. Gene, die unter solchen Bedingungen halfen, mussten das Immunsystem effizient machen, aber zugleich in der Lage sein, Entzündungsreaktionen rasch wieder herunterzufahren. Diese Balance gilt heute als entscheidend, denn viele altersbedingte Erkrankungen hängen mit chronischen, dauerhaft aktiven Entzündungsprozessen zusammen. Ein Immunsystem, das im Alter ruhiger reagiert, schont Organe, Gefäße und Stoffwechsel.

So entsteht eine plausible Verbindung zwischen sehr alten genetischen Prägungen und einem langen Leben.

Ein Land mit klaren genetischen Linien

Italien eignet sich besonders gut für solche Analysen. Die Bevölkerung weist eine klare genetische Nord-Süd-Struktur auf, die gut dokumentiert ist. Während Norditalien stärker von bronzezeitlichen Zuwanderungen aus dem Norden geprägt ist, finden sich im Süden höhere Anteile sehr alter, vor-neolithischer Abstammungslinien. Gleichzeitig spiegelt das Land viele der großen Wanderungen wider, die Europa geprägt haben. In der Untersuchung wurden 333 Hundertjährige aus verschiedenen Regionen Italiens einbezogen. Ihnen gegenüber standen 690 gesunde Erwachsene, die geografisch exakt zugeordnet waren.

Herkunft und Familiengeschichte wurden gezielt berücksichtigt. Die Forscher analysierten nicht einzelne Gene, sondern den gesamten genetischen Hintergrund der Teilnehmer und verglichen ihn mit dem Erbgut von über 100 prähistorischen Menschen. So ließ sich ausschließen, dass regionale Effekte die Ergebnisse verzerren. Selbst nach dieser Korrektur blieb der Befund stabil: Der Anteil der Jäger-Sammler-DNA ist bei den sehr Alten höher als erwartet.

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Erbgut

Besonders deutlich zeigt sich der Zusammenhang bei Frauen. Mit steigendem Anteil dieser uralten genetischen Prägung wächst ihre Chance, sehr alt zu werden, spürbar. Statistisch entspricht das einem rund 38 Prozent höheren Wahrscheinlichkeitseffekt pro Standardabweichung – bei Frauen ist der Effekt sogar mehr als doppelt so stark. Bei Männern lässt sich der Zusammenhang weniger klar nachweisen. Das hängt auch damit zusammen, dass es deutlich weniger männliche Hundertjährige gibt.

Ein genetischer Anteil aus der Bronzezeit, der mit wandernden Hirten aus der pontisch-kaspischen Steppe verbunden ist, wirkt bei Frauen eher ungünstig. Das unterstreicht, dass Langlebigkeit kein einzelnes „Langzeit-Gen“ kennt, sondern das Ergebnis einer komplexen genetischen Vorgeschichte ist. Die Wissenschaftler formulieren das folgendermaßen:

Langlebigkeit ist kein einheitliches Merkmal, sondern das Ergebnis einer langen genetischen und demografischen Geschichte.

Mehr uralte Erbgut-Spuren bei Hundertjährigen

Ein weiterer Blick ging tiefer ins Erbgut. Analysiert wurde, welche Abschnitte der Chromosomen besonders häufig von Jäger-Sammler-Vorfahren stammen. Bei den Hundertjährigen finden sich mehr solcher Abschnitte als bei der Kontrollgruppe. Das gilt auch für genau jene Genregionen, die bereits in früheren Studien mit einem langen Leben in Verbindung gebracht wurden.

Bemerkenswert ist, dass diese Unterschiede auch dann bestehen bleiben, wenn regionale Herkunft herausgerechnet wird. Der Effekt lässt sich also nicht allein durch Nord- oder Süditalien erklären. Er scheint direkt mit biologischen Voraussetzungen für gesundes Altern verknüpft zu sein.

Unterschiedliche biologische Ausgangslagen

Die Ergebnisse verändern den Blick auf das Altern, ohne einfache Rezepte zu liefern. Niemand wird alt, nur weil bestimmte Gene vorhanden sind. Lebensstil, medizinische Versorgung und soziale Faktoren bleiben entscheidend. Doch die Daten zeigen, dass Menschen mit unterschiedlichen biologischen Voraussetzungen starten. Sie erklären, warum identische Empfehlungen nicht bei allen Menschen gleich wirken. Für den Alltag lassen sich dennoch einige Punkte festhalten:

  • Ein ruhigeres Immunsystem im Alter gilt als günstig. Dauerstress und chronische Entzündungen erhöhen Risiken.
  • Genetische Effekte wirken langfristig und zeigen sich oft erst nach Jahrzehnten.
  • Herkunft spielt eine Rolle, bestimmt aber nichts zwangsläufig.

Die Studie zeigt damit weniger, wie man alt wird – sondern warum Menschen unter vergleichbaren Bedingungen so unterschiedlich altern.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein Teil der Langlebigkeit hängt mit sehr alten genetischen Prägungen zusammen: Bei vielen Hundertjährigen finden sich Gene europäischer Jäger und Sammler, die offenbar Entzündungen im Alter dämpfen.
  • Diese genetischen Vorteile sind nicht gleich verteilt: In Italien treten sie bei sehr alten Menschen häufiger auf als bei Jüngeren, besonders ausgeprägt bei Frauen.
  • Gene legen jedoch nur die Ausgangslage fest: Lebensstil, medizinische Versorgung und Umwelt bleiben entscheidend dafür, wie gesund Menschen alt werden.

Übrigens: Einer der bekanntesten Altersforscher der Welt hält Unsterblichkeit für einen Irrweg – und setzt stattdessen auf Gene, Medikamente und Strategien, die das gesunde Leben verlängern sollen. Warum Hundertjährige später krank werden und welche Rolle bekannte Wirkstoffe dabei spielen könnten, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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