Spritpreise steigen – Europas langsame Dekarbonisierung rächt sich jetzt

Die Dekarbonisierung in Europa stockt: Ein französischer Thinktank warnt vor steigenden Spritpreisen, mehr Unsicherheit und sozialen Spannungen.

Ein Öltanker auf offener See: Europas Energieversorgung hängt noch stark an globalen Ölströmen.

Ein Öltanker auf offener See: Europas Energieversorgung hängt noch stark an globalen Ölströmen. © Wikimedia

Während in Deutschland Zehntausende gegen die Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche protestieren – vor allem gegen geplante Einschnitte bei Ökostrom-Förderung, ein umstrittenes Netzpaket und ein aus ihrer Sicht zu langsames Tempo beim Ausbau von Wind- und Solarenergie – warnt nun auch ein französischer Thinktank: Wenn der Ausstieg aus Öl und Gas weiter nur im Krisenmodus statt geordnet organisiert wird, könnten steigende Preise und soziale Verwerfungen erst der Anfang sein.

The Shift Project hat einen „robusten Plan“ für die Wirtschaft vorgelegt, über den Le Monde berichtet. An der Spitze steht der französische Ingenieur und Energieexperte Jean-Marc Jancovici. Sein Plan beschreibt die notwendigen Bedingungen für eine erfolgreiche Dekarbonisierung in Europa in einem Umfeld großer Unsicherheit. Für Jancovici geht es dabei nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um Versorgungssicherheit, politische Stabilität und die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Energien im Alltag.

Jancovici beschreibt das Grundproblem ungewöhnlich klar

Entscheidend ist vor allem eines: Robustheit. Der Vorsitzende des Thinktanks versteht darunter nicht die Fähigkeit, sich nach einer Krise zu erholen, sondern die Fähigkeit, ihre Folgen möglichst gar nicht erst in voller Härte zu spüren. Auf Europa bezogen heißt das: Solange Öl knapp werden kann und geopolitische Krisen Lieferketten erschüttern, bleibt eine stark fossil geprägte Wirtschaft besonders anfällig.

„Das eigentliche Problem besteht heute darin, dass Ölprodukte knapper werden. Wenn wir uns in eine Lage bringen, in der wir sie weniger brauchen, dann werden wir robuster,“ sagt Jancovici im Interview mit Le Monde. Für die Dekarbonisierung in Europa heißt das: weniger fossile Abhängigkeit, bevor neue Krisen die Preise weiter nach oben treiben.

Für ihn geht es um Klima und Krisenschutz

The Shift Project sieht im Ausstieg aus fossilen Energien mehr als eine Klimafrage. Mit einem sinkenden Öl- und Gasverbrauch würden nicht nur die Emissionen zurückgehen, sondern auch die Risiken für Preisschocks und Versorgungsprobleme.

Die Warnung aus Frankreich fällt deutlich aus: Wenn der Umbau nicht organisiert, sondern nur erlitten werde, drohten „ein erhebliches Maß an gesellschaftlicher Unordnung“ und ebenso „sozialer Schaden“. „Die Erhöhung der Preise an der Zapfsäule ist nur ein Vorgeschmack auf das, was passieren könnte“, so der Experte.

20 Baustellen sollen parallel vorankommen

Der Dekarbonisierungsplan der Franzosen beschreibt 20 zentrale Baustellen, die parallel vorankommen sollen. Dazu zählen Gebäude, Verkehr, Industrie, Landwirtschaft, Energieversorgung, Rohstoffe und Beschäftigung. Ziel ist ein jährlicher Rückgang der inländischen Emissionen um fünf Prozent.

Der Umbau betrifft mehrere Bereiche gleichzeitig. Neben Technik und Infrastruktur rücken auch Rohstoffe wie Kupfer in den Blick. Ebenso stellt sich die Frage, welche Berufe in der Übergangsphase stärker gebraucht werden.

Ein Schwerpunkt liegt auf Gebäuden. Häuser sollen schneller saniert werden, damit ihr Energieverbrauch sinkt. Das soll Haushalte und Unternehmen besser gegen hohe Heizkosten absichern.

Im Verkehr fordert Jancovici mehr Elektromobilität. Er plädiert zudem für sparsame Elektroautos statt immer größerer und schwererer Fahrzeuge. Der Energiebedarf im Verkehr soll dadurch spürbar sinken.

Weniger Verbrauch gehört für Jancovici dazu

Beim Flugverkehr formuliert der Ingenieur Jancovici seine Position besonders klar. Eine „nachhaltige Luftfahrt“ hält er ohne weniger Flüge für unrealistisch. Nach seiner Einschätzung wird es auf Dauer nicht genug nachhaltigen Treibstoff geben, um das heutige Verkehrsaufkommen zu sichern.

Beim Güterverkehr reicht es aus Jancovicis Sicht nicht, einfach Diesel-Lkw durch elektrische Lastwagen zu ersetzen. Auch E-Lkw brauchen viel Energie. Deshalb müsse nicht nur der Antrieb sauberer werden – es müssten auch insgesamt weniger Waren über die Straßen transportiert werden. Für ihn gehören neue Technik und ein geringerer Energieverbrauch zusammen.

Beim Strom setzt er auf Kernkraft und Erneuerbare

In der Energiepolitik lehnt Jancovici ein Gegeneinander von Atomkraft und erneuerbaren Energien ab. Nach seiner Auffassung braucht Europa beides, wenn der Ausstieg aus fossilen Energien schnell genug gelingen soll. Einen Rückzug aus der Kernenergie bei gleichzeitig stark wachsendem Strombedarf hält er für einen Fehler.

Zugleich warnt er vor einer zu einfachen Vorstellung des künftigen Energiesystems. Wind- und Solarstrom seien wichtig, ihre schwankende Einspeisung bleibe aber ein Problem. Elektroautos und Batteriespeicher könnten einen Teil der Solarproduktion aufnehmen. Schwieriger bleibt aus seiner Sicht die Speicherung von Strom über mehrere Monate. Dort liegt für ihn eine der größten offenen Fragen.

Geld, Regeln und politischer Druck

Als mögliche Finanzierungsquelle für eine Dekarbonisierung in Europa verweist er auf Einnahmen aus dem europäischen Emissionshandel. Sie könnten einen Teil der industriellen Umstellung tragen.

Politisch reicht ihm freiwillige Teilnahme nicht aus. Neben Förderungen hält er auch verbindliche Vorgaben für nötig. Beim Kauf neuer Autos müsse der Staat aus seiner Sicht nicht alle entlasten. Wohlhabendere Käufer neuer Wagen sollten eher zum Umstieg auf Elektroautos verpflichtet werden. Der Umbau der Wirtschaft soll damit nicht nur über Zuschüsse laufen, sondern auch über klare Regeln.

Kurz zusammengefasst:

  • Jean-Marc Jancovici und der Thinktank The Shift Project warnen: Wenn die Dekarbonisierung in Europa zu langsam vorankommt, drohen stärkere Preisschübe bei Sprit und Energie sowie neue Versorgungsprobleme.
  • Der Plan fordert einen schnellen, koordinierten Umbau in Bereichen wie Gebäude, Verkehr, Industrie und Energie, damit die Emissionen jedes Jahr um fünf Prozent sinken und Europa krisenfester wird.
  • Neben Technik und Förderungen braucht es laut Jancovici auch weniger Energieverbrauch, sparsamere Fahrzeuge und klare politische Vorgaben, um den Wandel wirksam umzusetzen.

Übrigens: Während Europa noch um den Ausstieg aus Öl und Gas ringt, geht es beim CO₂ schon den nächsten Schritt – ein neuer Markt soll die Entnahme aus der Luft zum Geschäft machen. Eine Studie zeigt, welche Mengen bis 2050 möglich wären und warum das Preise, Industrie und Klimapolitik verändern könnte – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © ImagePerson via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

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