Forscher brechen mit Urzeit-Klischee: Neandertaler bevorzugten Maden statt Fleisch
Neandertaler aßen gezielt Maden – und nicht nur Fleisch. Neue Forschung stellt jahrzehntealte Theorie infrage.

Neandertaler jagten nicht nur Wild, sondern aßen auch Maden als Eiweißlieferant. © Wikimedia
Jahrzehntelang galt: Neandertaler jagten große Tiere und ernährten sich fast nur von Fleisch. Doch eine neue Theorie rüttelt an diesem Bild. Bei der Fachkonferenz der American Association of Biological Anthropologists in Kalifornien stellten Forscher jetzt die These vor, dass unsere ausgestorbenen Verwandten regelmäßig Maden gegessen haben könnten – und das ganz bewusst. Die kleine, glibberige Proteinquelle könnte sogar helfen, ein lange ungelöstes Rätsel der Wissenschaft zu klären.
Laut der Fachzeitschrift Science waren Neandertaler vielleicht gar keine Fleischfanatiker, sondern deutlich flexibler, als man dachte. Der Verzehr von Maden könnte erklären, warum ihre Knochen ungewöhnlich hohe Stickstoffwerte aufweisen – ein bisher kaum verstandener Befund.
Stickstoffwerte verraten, was Menschen früher gegessen haben
Wissenschaftler nutzen bestimmte chemische Signaturen, um alte Ernährungsgewohnheiten zu rekonstruieren. Entscheidend ist dabei das Verhältnis zweier Stickstoff-Isotope: Stickstoff-15 und Stickstoff-14. Isotope sind leicht unterschiedliche Formen eines chemischen Elements. Je nachdem, was ein Mensch gegessen hat, speichert sein Körper unterschiedliche Mengen davon. Diese bleiben in Knochen und Zähnen oft über Jahrtausende erhalten.
Knochenfunde aus Europa hatten bereits in den 1990er-Jahren gezeigt: Neandertaler-Knochen enthalten besonders viel Stickstoff-15 – mehr als bei heutigen Jägern oder sogar Raubtieren wie Löwen. Die logische Annahme: Sie aßen sehr viel Fleisch. Doch diese Erklärung hatte eine Lücke.
Der menschliche Körper kann nicht nur von Fleisch leben
Die biologische Anthropologin Melanie Beasley stieß auf einen alten Forschungsbericht des Archäologen John Speth. Darin ging es um sogenannte „Rabbit Starvation“. Dabei handelt es sich um eine Mangelkrankheit, die entsteht, wenn Menschen über längere Zeit nur sehr mageres Fleisch essen – etwa von Wildkaninchen – und kaum Fett oder Kohlenhydrate zu sich nehmen. Der menschliche Körper kommt mit so viel reinem Eiweiß nicht gut klar: Die Leber schafft es nicht, die dabei entstehende giftige Ammoniakmenge ausreichend abzubauen.
Beasley fragte sich: Wenn Neandertaler so viel Fleisch gegessen haben, warum hatten sie diese Probleme offenbar nicht? Sie vermutete, dass ein anderer eiweißreicher Faktor für die hohen Stickstoffwerte verantwortlich sein könnte – zum Beispiel Maden.
Maden können extrem hohe Stickstoffwerte enthalten
Um das zu testen, führte Beasley ein ungewöhnliches Experiment durch. Auf dem Gelände der sogenannten Body Farm der Universität Tennessee ließ sie 34 menschliche Leichen im Freien verwesen. Diese Forschungseinrichtung untersucht den Zerfall menschlicher Körper unter realistischen Bedingungen.
Beasley analysierte das verrottete Muskelgewebe sowie die Maden, die sich darin entwickelten. Das Ergebnis: Je länger die Maden das Gewebe fraßen, desto mehr Stickstoff-15 sammelte sich in ihrem Körper an. Besonders auffällig war das bei den Larven der Schwarzen Soldatenfliege – deren Werte lagen bis zu achtmal höher als im verrotteten Gewebe selbst. Laut Science übertreffen diese Werte deutlich die Stickstoffgehalte von Fleisch oder Fisch, die Menschen üblicherweise verzehren.
Maden waren leicht zu finden – und vermutlich kein Zufallsfund
Aber heißt das, dass Neandertaler Maden auch tatsächlich gegessen haben? Beasley hält das für sehr wahrscheinlich. Beim Verarbeiten eines erlegten Tieres, besonders im Freien, lassen sich Maden kaum vermeiden. Außerdem lassen sie sich leicht aus dem Boden unter einem Kadaver aufsammeln. Julie Lesnik, Mitautorin der Studie, ergänzt: Maden sind in vielen heutigen Wildbeuter-Gesellschaften ein normaler Bestandteil der Ernährung – sie sind salzig, nahrhaft und reich an Fett und Eiweiß.
Auf der Konferenz stieß Beasleys Theorie auf Interesse. Die Paläoanthropologin Jennifer Leichliter vom Max-Planck-Institut für Chemie erklärte laut Science: „Der Verzehr einer so stickstoffreichen Nahrung wäre eine plausible Erklärung für die extrem hohen Werte, die wir bei Neandertalern finden.“
Neue Sicht auf Ernährung und Rollenverteilung
Andere Forschungen zeigten bereits: Neandertaler aßen nicht nur Fleisch, sondern auch Muscheln, Pflanzen und sogar gekochte Gerste. Das passt gut zu der Vorstellung, dass sie Maden gezielt sammelten – vielleicht sogar regelmäßig.
Sang-Hee Lee von der University of California, Riverside, sieht darin auch gesellschaftliche Folgen: Wenn Maden eine wichtige Nahrung waren, hätten auch Frauen bei der Nahrungssuche eine zentrale Rolle gespielt. Denn Maden sammeln konnte jeder – unabhängig vom Geschlecht. Das stellt auch alte Vorstellungen über die Rollenverteilung bei den Neandertalern infrage.
Kurz zusammengefasst:
- Neandertaler könnten regelmäßig Maden gegessen haben, um ihren Eiweißbedarf zu decken – das erklärt möglicherweise ihre ungewöhnlich hohen Stickstoffwerte im Knochen.
- Ein Experiment mit verwesendem Gewebe zeigte, dass Maden besonders viel Stickstoff-15 enthalten – sogar deutlich mehr als herkömmliche Fleisch- oder Fischprodukte in der menschlichen Ernährung.
- Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Neandertaler vielseitiger aßen als bisher gedacht und auch Frauen aktiv an der Nahrungssuche beteiligt waren.
Übrigens: Mit raffinierter Methode gewannen Neandertaler vor 60.000 Jahren in einer Höhle in Gibraltar Teer. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Neanderthal-Museum, Mettmann via Wikimedia unter CC BY 4.0