Neu entdeckte Ballista-Spinne baut eine Falle, die Ameisen in die Luft katapultiert

Die australische Ballista-Spinne baut eine Seidenfalle: Eine Weberameise beißt hinein und wird ins Netz katapultiert.

Die Ballista-Spinne wartet über ihrer Falle: Beißt die Weberameise in den Seidenkegel, schnellt das Netz zurück und schleudert die Beute nach oben.

Die Ballista-Spinne wartet über ihrer Falle: Beißt die Weberameise in den Seidenkegel, schnellt das Netz zurück und schleudert die Beute nach oben. © Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J Anderson, Jonas Wolff, CC BY

Eine Ameise läuft nachts durch den Regenwald von Nord-Queensland. Über ihr: Blätter, Dunkelheit, feuchte Luft. Vor ihr hängt ein winziger Kegel aus Seide, unscheinbar wie ein Fadenknäuel. Doch die Konstruktion ist eine Falle. Die Ameise tastet sie mit den Fühlern ab, reagiert aggressiv und beißt hinein. Damit tut sie genau das, worauf die Spinne gewartet hat: Sie löst den Mechanismus selbst aus. Gespannte Seidenfäden schnellen zurück, reißen die Ameise vom Untergrund und katapultieren sie nach oben ins zentrale Netz.

Die Ballista-Spinne und ihre ausgeklügelte Falle beschäftigen nun ein internationales Forschungsteam um Ajay Narendra von der Macquarie University. Im Fachjournal Current Biology beschreiben die Forscher eine bislang unbekannte Jagdtechnik. Die kleine nachtaktive Spinne gehört zur Gattung Propostira. Einen offiziellen Artnamen hat sie noch nicht. Ihren Spitznamen bekam sie nach der Ballista, einer antiken Wurfwaffe.

Wie die Ballista-Spinne ihre Falle nachts baut

Tagsüber sitzt die Spinne gut verborgen an der Unterseite eines Blattes. Dort wartet sie über den Ameisenstraßen der Asiatischen Weberameise, Oecophylla smaragdina. Etwa 30 Minuten nach Sonnenuntergang verlässt sie ihr Versteck. Dann beginnt eine präzise Bauarbeit. Die Spinne lässt sich an einem Seidenfaden bis zu 50 Zentimeter nach unten fallen, befestigt einen Ankerpunkt und kehrt wieder in ihr Kernnetz zurück.

Diesen Weg wiederholt sie viele Male. So entstehen 15 bis 60 gespannte Seidenlinien. Nahe am Untergrund bündelt die Spinne die Fäden zu einem kleinen Kegel. Zum Schluss umwickelt sie diesen Kegel mit dünnerer Seide. Danach zieht sie sich einige Zentimeter zurück. In den Beobachtungen dauerte es nur 5 bis 55 Sekunden, bis Weberameisen auf die Konstruktion reagierten.

Warum die Ameise ihre eigene Falle auslöst

Die Forscher vermuten, dass die Spinne beim letzten Arbeitsschritt einen chemischen Lockstoff auf den Seidenkegel bringt. Bewiesen ist dieser Trick noch nicht. Er würde aber erklären, warum ausgerechnet Weberameisen auf den Kegel losgehen. Andere Ameisenarten liefen in den Versuchen daran vorbei. Sie griffen die Konstruktion nicht an.

„Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Spinne Ameisen frisst, weil sie bekanntermaßen gefährlich sind, und noch bizarrer ist eine Spinne, die nur eine bestimmte Ameisenart frisst“, sagt Narendra. Weberameisen gelten als besonders wehrhaft. Sie leben in großen Kolonien, verteidigen ihr Revier aggressiv und können über Alarmstoffe schnell viele Artgenossen mobilisieren. Für kleine Räuber ist eine einzelne Arbeiterin deshalb schon riskant. Eine ganze Ameisenstraße kann tödlich werden.

Die Falle der Ballista-Spinne schleudert Beute extrem schnell hoch

Die Falle der Ballista-Spinne nutzt die Aggression der Ameise aus. Sobald die Arbeiterin in den Kegel beißt, destabilisiert sie den Anker. In den Messungen löste sich die Konstruktion innerhalb von rund 42 Millisekunden vom Untergrund. Die gespannten Seidenfäden zogen sich schlagartig zusammen. Die Ameise hing noch mit den Mandibeln am Kegel und wurde mitgerissen.

Die Beute erreichte dabei bis zu 28,19 Zentimeter Höhe. Die höchste gemessene Geschwindigkeit lag bei 4,36 Metern pro Sekunde. Die maximale Beschleunigung betrug 1367 Meter pro Sekunde im Quadrat. Die Spinne bewegte sich erst, als die Ameise nicht mehr den Untergrund berührte. Dann wartete sie, bis die Beute im Kernnetz festhing, näherte sich vorsichtig und wickelte sie in Seide ein.

Wie Seide mehr Kraft liefert als Muskeln

Die Leistung steckt nicht in einem schnellen Sprung der Spinne, sie steckt in der Seide. Die gespannten Fäden speichern elastische Energie und geben sie plötzlich frei. Jonas Wolff von der Universität Greifswald untersuchte Proben der Seide im Labor, unter anderem mit Rasterelektronenmikroskopie. Die höchste geschätzte sofortige Leistungsdichte der Falle lag bei 11,73 Megawatt pro Kilogramm.

„Die Ballista-Spinne-Falle ist bioingenieurtechnisch darauf ausgelegt, elastische Energie in der Seide zu speichern und schnell freizusetzen“, sagt Professor Narendra. Dadurch erreiche sie eine enorme kurzfristige Leistungsdichte. Reine Muskelkraft könnte eine solche Leistung nicht liefern. In einem Fall löste eine Ameise die Falle zwar aus, wurde aber nicht hochgezogen. Ohne das zusätzliche Gewicht beschleunigte die Konstruktion noch stärker und erreichte 13,47 Meter pro Sekunde.

Die Ballista-Spinne spannt ihre Seidenfalle auf einem Blatt: Sobald eine Weberameise den feinen Kegel attackiert, schnellt die Konstruktion zurück. © Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J Anderson, Jonas Wolff, CC BY
© Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J Anderson, Jonas Wolff, CC BY Die Ballista-Spinne spannt ihre Seidenfalle auf einem Blatt: Sobald eine Weberameise den feinen Kegel attackiert, schnellt die Konstruktion zurück. © Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J Anderson, Jonas Wolff, CC BY

Weshalb die Spinne nur eine Ameisenart jagt

Die Spezialisierung wirkt extrem. In 35 Beobachtungen fing die Spinne nur Asiatische Weberameisen. Das passt zu ihrem Lebensraum. Diese Ameisen sind in den Bäumen häufig unterwegs und können riesige Kolonien bilden. Ein einzelnes Nest kann bis zu fünf Millionen Arbeiterinnen umfassen. Für die Spinne ist das eine verlässliche Beutequelle. Zugleich muss sie jede Ameise rasch von der Ameisenstraße entfernen.

Auch die Kraft der Falle passt zu diesem Problem. Weberameisen besitzen Haftpolster an den Füßen. Damit erzeugen sie Kräfte, die mehr als das Hundertfache ihres Körpergewichts erreichen können. Die Seidenlinien müssen also nicht nur das Gewicht der Ameise heben. Sie müssen auch ihren Halt am Untergrund brechen. Viele gespannte Fäden liefern gemeinsam die nötige Kraft.

Warum diese Jagdtechnik so ungewöhnlich ist

Bei vielen schnellen Tierbewegungen löst der Räuber selbst den Mechanismus aus. Fangschreckenkrebse, Schnappkieferameisen oder Schleuderspinnen nutzen ebenfalls gespeicherte Energie. Die Ballista-Spinne geht anders vor. Ihre Beute aktiviert die Falle durch ihren eigenen Angriff. Der Biss der Ameise wird zum Auslöser.

Die Forscher sehen darin eine außergewöhnlich enge Verbindung von Verhalten, Seidenbau und Beutewahl. Die Spinne fängt nicht wahllos kleine Tiere. Sie nutzt die Wehrhaftigkeit einer bestimmten Ameisenart gegen sie selbst. Aus einem gefährlichen Gegner wird eine einzelne Beute, weit genug entfernt von der Kolonie.

Mit Hochgeschwindigkeit gegen gefährliche Beute: Die Seidenfalle der Ballista-Spinne katapultiert Weberameisen ins Netz, bevor sie Verstärkung holen können. © The Conversation via YouTube

Kurz zusammengefasst:

  • Die neu entdeckte Ballista-Spinne aus Australien baut nachts eine gespannte Falle aus Seide, die wie ein Katapult funktioniert.
  • Eine Asiatische Weberameise löst die Falle selbst aus, indem sie in einen Seidenkegel beißt und dadurch ins zentrale Netz geschleudert wird.
  • Die Jagdtechnik ist ungewöhnlich, weil die Spinne offenbar nur diese eine Ameisenart fängt und deren aggressives Abwehrverhalten gegen sie nutzt.

Übrigens: Auch andere Spinnen lösen Materialrätsel, an denen Ingenieure seit Jahren arbeiten – etwa eine Kescherspinne, deren Fangnetz erst nachgibt und dann plötzlich enorme Kräfte aushält. Wie Forscher aus Deutschland dieses Prinzip entschlüsselt haben und warum es für Schutzkleidung, Implantate und Leichtbau spannend ist, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J Anderson, Jonas Wolff, CC BY

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