Schatten-Navi für Hitzetage zeigt kühlere Wege durch 80 deutsche Städte

Eine neue Deutschland-Karte zeigt für 80 Städte, welche Fußwege bei Hitze mehr Schatten bieten und weniger belastend sind.

Neue Deutschland-Karte zeigt für 80 Städte, welche Fußwege bei Hitze mehr Schatten bieten und weniger belastend sind.

Die neue Karte berechnet für viele deutsche Städte schattigere Fußwege und zeigt, wo Menschen bei Hitze besser durch die Stadt kommen. © Magnific

An heißen Tagen ist der kürzeste Weg oft nicht der angenehmste. Wer zu Fuß unterwegs ist, sucht Schatten, meidet offene Plätze und nimmt manchmal lieber ein paar Meter mehr in Kauf. Eine neue Anwendung aus Heidelberg funktionier wie ein Navi und macht daraus eine Route: Sie berechnet für 80 deutsche Großstädte Wege mit möglichst viel Schatten – samt Gehzeit und Länge.

Entwickelt wurde die Plattform vom HeiGIT, dem Heidelberg Institute for Geoinformation Technology. Unterstützt wird das Projekt von der Klaus Tschira Stiftung. Neben der Routenplanung zeigt die Anwendung auch, wo Fußgänger in der Stadt besonders stark von Hitze betroffen sind. Grundlage dafür sind hochaufgelöste Schattendaten.

Bei Hitze ändern viele Menschen unbewusst ihren Weg

Die Entwickler beschreiben Hitze inzwischen als konkretes Mobilitätsproblem in Städten. Vor allem dicht bebaute Viertel heizen sich im Sommer stark auf. Asphalt, Beton und dunkle Fassaden speichern Wärme oft über Stunden. Grünflächen oder Alleen können dagegen mehrere Grad Unterschied ausmachen. Solche Unterschiede soll die Anwendung sichtbar machen.

Die vorgeschlagenen Routen entsprechen laut HeiGIT oft genau den Wegen, die Menschen intuitiv wählen würden. Viele laufen also längst anders durch ihre Stadt, sobald die Temperaturen steigen. Das betrifft nicht nur ältere Menschen, auch gesunde Personen spüren bei hohen Temperaturen schneller Erschöpfung oder Kreislaufprobleme. Offene Plätze ohne Schatten werden dann zur Belastung. Besonders schwierig ist die Situation für:

  • ältere Menschen
  • Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Menschen mit eingeschränkter Mobilität
  • Eltern mit kleinen Kindern

Laut Mitteilung waren die vergangenen drei Jahre die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen. Städte beschäftigen sich deshalb zunehmend mit Hitzeschutz. Oft fehlt jedoch eine genaue Übersicht darüber, wo Menschen besonders belastet werden oder welche Wege kaum Schatten bieten.

Schatten-Navi funktioniert bereits in 80 Städten

Die Plattform steht für 80 deutsche Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern zur Verfügung. Dazu gehören Kommunen aus allen 16 Bundesländern. Nutzer können online prüfen, welche Strecken in ihrer Stadt bei Hitze besser geeignet sind.

Der Ursprung liegt in Heidelberg. Dort entstand die erste Version im Forschungsprojekt HEAL. Das Team arbeitete eng mit der Stadtverwaltung zusammen und bezog auch vulnerable Bevölkerungsgruppen ein. Anfangs nutzte die Anwendung Sensordaten für lokale Klimainformationen. Später wechselten die Entwickler auf ein besser skalierbares Verfahren zur Schattenmodellierung.

Danach wurde die Technik auf weitere Städte übertragen. Dazu gehörten Worms, Walldorf und Neckargemünd. Die aktuelle Version funktioniert inzwischen deutschlandweit.

„Was als Forschungsfrage in Heidelberg begann, ist heute eine einsatzfähige, deutschlandweite Anwendung für hitzemeidendes Routing“, sagt Julian Psotta, Projektmanager für technische Innovationen am HeiGIT. Weiter erklärt er: „Wir freuen uns darauf, sie gemeinsam mit Städten weiterzuentwickeln und eine klimaangepasste Mobilität aufzubauen, die auf den Daten und Bedürfnissen der jeweiligen Stadt basiert.“

Städte sollen eigene Temperaturdaten ergänzen

Die Entwickler möchten die Plattform nun gemeinsam mit Kommunen weiter ausbauen. Städte mit eigenen Sensor- oder Temperaturdaten können diese integrieren lassen. Dadurch lassen sich lokale Besonderheiten genauer erfassen.

Interessant dürfte das vor allem für Städte werden, die bereits an Hitzeplänen arbeiten. Die Karte kann helfen, besonders belastete Bereiche schneller zu erkennen. Dazu zählen etwa:

  • stark versiegelte Plätze
  • lange Straßen ohne Bäume
  • Schulwege mit hoher Sonneneinstrahlung
  • Bereiche ohne schattige Alternativen

Kommunen ohne eigene Daten sollen ebenfalls mitmachen können. Laut HeiGIT können sie angeben, welche Funktionen oder Informationen sie benötigen. Die Plattform soll dadurch flexibler werden und besser zu unterschiedlichen Städten passen.

Das HeiGIT forscht an digitalen Karten- und Geodatenlösungen für Umwelt, Katastrophenschutz und Klimaanpassung. Die gemeinnützige Einrichtung wurde 2019 als An-Institut der Universität Heidelberg gegründet.

Kurz zusammengefasst:

  • Die neue Deutschland-Karte aus Heidelberg funktioniert wie ein Schatten-Navi und berechnet für 80 Großstädte schattige Fußwege; sie zeigt außerdem, wo Menschen bei Hitze besonders belastet werden.
  • Die Anwendung berücksichtigt nicht nur Entfernung und Gehzeit, sondern auch direkte Sonneneinstrahlung, weil kurze Wege im Sommer oft anstrengender sind als längere Strecken im Schatten.
  • Städte können eigene Temperatur- und Sensordaten einbauen, um Hitzestress besser zu erkennen und Fußwege für ältere Menschen, Familien und andere vulnerable Gruppen angenehmer zu machen.

Übrigens: Die neue Karte für schattige Wege passt zu einem weiteren Trend in deutschen Städten. Forscher aus Freiburg haben mit KI berechnet, welche Straßen und Viertel sich bis 2099 besonders stark aufheizen könnten – teilweise bis vor einzelne Haustüren genau. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Magnific

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