Zahnspange als lukratives Geschäft: Hohe Zuzahlungen für fragwürdige Vorteile

Im internationalen Vergleich erhalten auffällig viele Kinder in Deutschland eine Zahnspange, was Kritiker auf die finanziellen Anreize für Kieferorthopäden zurückführen.

Zahnspange

In Deutschland bekommen rund zwei Drittel der Kinder eine Zahnspange. © Vecteezy

In Deutschland bekommen etwa zwei Drittel der Kinder eine Zahnspange. Eine Recherche von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung zeigt die hohen Gewinnmöglichkeiten in der Branche auf. Kritik kommt auch von Kieferorthopäden.

Hohe Zahnspangenquote im internationalen Vergleich

Laut Tagesschau scheint im internationalen Vergleich die Zahnspangenquote in Deutschland auffällig hoch. In Dänemark erhalten etwa 29 Prozent der Kinder eine Zahnspange, in Schweden 30 Prozent und in Norwegen 35 Prozent. In Deutschland sind es schätzungsweise 66 Prozent. Der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen stellte bereits vor Jahren fest, dass die kieferorthopädischen Behandlungen bei Jugendlichen in Deutschland mit über 60 Prozent alle internationalen Normwerte überschreiten.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) sehen daran nichts Schlechtes. Laut ihrer „Sechsten Mundgesundheitsstudie“ könne „aus medizinischen Gründen eine kieferorthopädische Behandlung bei 97,5 Prozent der Kinder grundsätzlich angezeigt sein“. Dies bedeute, dass fast jedes Kind eine Zahnspange benötigen könnte.

Kritik an langen Behandlungszeiten

Kritik an der hohen Zahl der Zahnspangen und den langen Behandlungszeiten kommt auch von Kieferorthopäden. Henning Madsen aus Mannheim bemängelt die durchschnittliche Behandlungsdauer von rund 42 Monaten in Deutschland. In Österreich beträgt diese nur 26 Monate. Madsen vermutet, dass die langen Behandlungszeiten in Deutschland weniger medizinische Ursachen haben, sondern eher an den Wünschen der Ärzte nach einem hohen Einkommen liegen könnten.

Seit 2015 erhalten Kieferorthopäden in Österreich eine Pauschale von rund 4.400 Euro, was zu einer Verkürzung der Behandlungszeiten führte. In Deutschland können Kieferorthopäden einzelne Behandlungsschritte über sehr lange Zeiträume hinweg abrechnen.

Gesetzliche Krankenkassen übernehmen Grundkosten

Grundsätzlich bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen den Kindern bis zum 18. Lebensjahr eine Zahnspange, sofern bestimmte Fehlstellungen diagnostiziert werden. Laut KZBV haben die Kassen im vergangenen Jahr im Schnitt 3.126 Euro für eine Zahnspange bezahlt. Viele Eltern leisten dennoch private Zuzahlungen, da Kieferorthopäden oft Brackets und Bögen empfehlen, die von der Kasse nicht bezahlt werden. Diese sollen die Behandlungszeit verkürzen oder weniger schmerzhaft sein.

Mehrere Studien zweifeln diese Aussagen an. Eine Meta-Analyse von 2021 fand keinen signifikanten Unterschied zwischen den verschiedenen Typen von Brackets.

Eltern fühlen sich schlecht informiert

Gesa Schölgens von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berichtet, dass rund 80 Prozent aller Eltern private Zuzahlungen leisten. Sie sagt, Eltern fühlten sich oft schlecht informiert und gedrängt, kostenpflichtige Leistungen anzunehmen. Aus Sicht der Verbraucherzentrale seien die Kassenleistungen jedoch ausreichend.

Ein Beispiel dafür ist die Familie Z. aus Berlin. Ihr zwölfjähriger Sohn bekam eine feste Zahnspange empfohlen, wobei ihnen kostenpflichtige Damon-Brackets als bequemer und schneller wirksam angeboten wurden. Am Ende zahlte die Familie 2.430 Euro zu.

Profitgier in der Kieferorthopädie

Kieferorthopäde Alexander Spassov aus Greifswald kritisiert ebenfalls die Profitgier seiner Kollegen. Er sagt, die meisten Kinder und Jugendlichen bekommen bei ihm eine Zahnspange auf Kassenkosten, und er verdiene auch so gut. Laut einer Publikation des Instituts der Deutschen Zahnärzte brauche ein Kieferorthopäde im Durchschnitt fünf Stunden und 23 Minuten pro Zahnspangen-Behandlung. Spassov behauptet, er schaffe dies sogar in etwa drei Stunden, und erreiche so einen Stundenlohn von 1.000 Euro brutto.

Hohe Honorare für Vorträge

Kieferorthopädin Elizabeth Menzel aus Herrsching am Ammersee ist eine bekannte Werbeträgerin für Damon-Brackets und hält Vorträge vor anderen Zahnärzten. Sie bekommt dafür zwischen 5.000 und 7.000 Euro im Monat, unter anderem vom Damon-Hersteller. Professor Klaus Lieb von der Uniklinik Mainz bezeichnet diese Honorare als hoch und sieht darin einen Interessenkonflikt. Patienten würden auf der Website von Menzels Praxis jedoch nicht über ihre Interessenkonflikte informiert. Lieb warnt vor Verzerrungen, die durch solche Honorare entstehen könnten.

Was du dir merken solltest:

  • In Deutschland erhalten etwa zwei Drittel der Kinder eine Zahnspange, was im internationalen Vergleich auffällig hoch ist. Die Gründe hierfür könnten in den finanziellen Anreizen für Kieferorthopäden liegen.
  • Kritik gibt es an den langen Behandlungszeiten, die in Deutschland im Durchschnitt 42 Monate betragen, im Gegensatz zu 26 Monaten in Österreich, und an den hohen privaten Zuzahlungen der Eltern für zusätzliche Leistungen.
  • Viele Eltern fühlen sich schlecht informiert und unter Druck gesetzt, kostenpflichtige Leistungen anzunehmen, obwohl die gesetzlichen Krankenkassen die Grundkosten übernehmen und diese oft ausreichend sind.

Bild: © Vecteezy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert