Chronische Krankheiten oft fehldiagnostiziert: Wenn der Körper leidet, aber die Psyche verdächtigt wird
„Das bilden Sie sich nur ein“ – Fehldiagnosen bei Autoimmunerkrankungen lassen Patienten jahrelang leiden.

Die Fehldiagnosen von Autoimmunerkrankungen belasten Patienten psychisch stark. © Pexels
Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen erleben eine frustrierende Odyssee durch das Gesundheitssystem. Statt einer präzisen Diagnose erhalten sie oft die Einschätzung, ihre Beschwerden seien psychisch bedingt oder eingebildet. Besonders bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder rheumatoider Arthritis kommt es immer wieder zu solchen Fehldiagnosen. Eine Studie der University of Cambridge zeigt nun, welche langfristigen Folgen diese Fehleinschätzungen für Betroffene haben – von verzögerter Behandlung bis hin zu schweren psychischen Belastungen.
Psychische Belastung durch falsche Diagnosen
Die Studie basiert auf den Erfahrungen von mehr als 3.000 Patienten und Ärzten. Viele Betroffene berichteten, dass ihre Beschwerden abgetan wurden. Aussagen wie „Das ist nur Stress“ oder „Das bilden Sie sich ein“ waren keine Seltenheit. Diese Fehldiagnosen können schwerwiegende Folgen haben: 80 Prozent der Patienten gaben an, dass ihr Selbstwertgefühl dauerhaft gelitten habe. 72 Prozent sagten, dass die falsche Diagnose sie auch nach Jahren noch emotional belastet.
Ein Patient beschrieb seine Erfahrung mit einem Arzt, der seine Schmerzen nicht ernst nahm:
Ein Arzt sagte mir, ich würde mir das alles nur einbilden. Diese Worte werde ich nie vergessen.
Anonymer Patient
Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden (auch bekannt als Medical Gaslighting), führt bei vielen Betroffenen zu einem tiefen Misstrauen gegenüber medizinischen Fachkräften.
Autoimmunerkrankungen sind schwer zu erkennen
Erkrankungen wie Lupus oder rheumatoide Arthritis gehören zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen. Dabei greift das Immunsystem irrtümlich körpereigene Zellen an, was Entzündungen in Organen und Gelenken auslösen kann. Die Symptome sind oft unspezifisch: Betroffene klagen über anhaltende Müdigkeit, Muskelschmerzen oder Depressionen. Da diese Beschwerden auch bei psychischen Erkrankungen auftreten, kommt es häufig zu Fehldiagnosen.
Dr. Melanie Sloan von der University of Cambridge erklärt, dass viele Ärzte mit ihren Einschätzungen eigentlich beruhigen wollen. Doch genau das kann für Patienten verheerend sein. Eine Betroffene berichtete:
Als mich ein Rheumatologe abwies, war ich bereits suizidal. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen.
Anonyme Patientin
Wie kann Vertrauen wiederhergestellt werden?
Wenn Patienten einmal eine Fehldiagnose erhalten haben, fällt es ihnen oft schwer, erneut medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Manche meiden Ärzte komplett oder verschweigen Symptome, weil sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Doch es gibt Hoffnung: Ein Patient schilderte, dass ein neuer Arzt ihn erstmals wirklich angehört habe.
Sie war schockiert über meine Erfahrungen, hörte mir zu und entschuldigte sich. Das hat alles verändert.
Anonymer Patient
Laut der Studie kann eine offene Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten das Vertrauen wieder stärken. Besonders wichtig sei es, dass Ärzte frühere Fehldiagnosen ansprechen und gezielt Unterstützung anbieten.
Mehr Schulung für Mediziner gefordert
Um solche Fehldiagnosen in Zukunft zu vermeiden, fordern die Studienautoren bessere Schulungen für Ärzte. Autoimmunerkrankungen sollten stärker in den Fokus rücken, um eine korrekte Diagnose zu erleichtern.
Professor Felix Naughton erläutert: „Mit besserer Aufklärung können wir die Zahl falscher Diagnosen senken und den betroffenen Patienten helfen.“ Besonders wichtig sei es, dass Ärzte bei scheinbar unzusammenhängenden Symptomen auch Autoimmunerkrankungen in Betracht ziehen. Zudem muss der Austausch zwischen Ärzten und Patienten verbessert werden, damit Betroffene schneller die richtige Diagnose und damit auch die richtige Behandlung erhalten.
Kurz zusammengefasst:
- Chronische Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder rheumatoide Arthritis werden oft fälschlicherweise als psychosomatische Störungen diagnostiziert, was zu verzögerter Behandlung und schwerwiegenden psychischen Belastungen bei Betroffenen führt.
- Eine Studie der University of Cambridge zeigt, dass solche Fehldiagnosen das Vertrauen der Patienten in Ärzte dauerhaft schädigen und sie dazu bringen können, notwendige medizinische Hilfe zu meiden.
- Experten fordern deshalb eine bessere Schulung für Mediziner, um Autoimmunerkrankungen frühzeitiger zu erkennen und Fehldiagnosen sowie deren langfristige Folgen zu verhindern.
Bild: © Pexels
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