Warum ausgerechnet Fleisch im hohen Alter helfen kann, länger gesund zu bleiben
Bei sehr alten, untergewichtigen Menschen kann Fleisch Teil einer Ernährung sein, die körperliche Stabilität und Gesundheit unterstützt.
Untergewichtige Hochbetagte erreichten häufiger ein sehr hohes Alter, wenn Fleisch regelmäßig auf dem Speiseplan stand – ein Befund, der gängige Ernährungsempfehlungen infrage stellt. © Unsplash
Ernährungsempfehlungen klingen oft eindeutig: Weniger Fleisch, mehr Pflanzen. Doch was davon gilt noch, wenn Menschen sehr alt werden – und der Körper andere Probleme bekommt als mit 50 oder 60? Diese Frage untersucht eine große Studie aus China. Sie verbindet Fleisch essen nicht mit Verzicht oder Risiko, sondern mit der nüchternen Realität des Alterns: schwindende Muskelkraft, fragile Knochen, sinkendes Körpergewicht.
Die Daten zeigen einen Befund, der gängige Annahmen herausfordert. Hochbetagte Menschen mit Untergewicht erreichten häufiger ein außergewöhnlich hohes Alter, wenn Fleisch regelmäßig Teil ihrer Ernährung war. Bei normalem oder höherem Gewicht verschwand dieser Zusammenhang. Langlebigkeit im Alter scheint damit weniger von strengen Ernährungsregeln abzuhängen als davon, ob der Körper ausreichend Eiweiß und Energie erhält, um stabil zu bleiben.
Wenn das Körpergewicht über Jahre sinkt
Im hohen Alter verändert sich der Stoffwechsel spürbar. Muskeln bauen schneller ab, Knochen verlieren an Stabilität. Selbst kleinere Erkrankungen oder Eingriffe können länger nachwirken. Untergewicht gilt dabei als einer der größten Risikofaktoren. Es erhöht die Sturzgefahr, verzögert die Heilung und schwächt das Immunsystem – oft unbemerkt über Jahre hinweg.
Grundlage der Studie ist ein zentrales Gesundheitsregister. Erfasst wurden 5.203 Menschen, die im Jahr 1998 mindestens 80 Jahre alt waren. Alle galten zu Beginn als vergleichsweise gesund. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs lagen nicht vor. Über Jahrzehnte wurde dokumentiert, wer ein sehr hohes Alter erreichte.
Fleisch essen und Langlebigkeit im Alter: die Zahlen
Rund 80 Prozent der Teilnehmenden gaben an, Fleisch zu essen. Die übrigen lebten überwiegend vegetarisch, pescetarisch oder vegan. Insgesamt erreichten Fleischesser häufiger das Alter von 100 Jahren. Der statistisch belastbare Unterschied zeigte sich jedoch nur bei Menschen mit niedrigem Körpergewicht.
Zur Einordnung der wichtigsten Ergebnisse:
- Untergewicht wurde als Body-Mass-Index unter 18,5 definiert.
- 24 Prozent der untergewichtigen Vegetarier wurden 100 Jahre alt.
- Knapp 30 Prozent der untergewichtigen Fleischesser erreichten dieses Alter.
- Bei normal- oder übergewichtigen Personen zeigte sich kein Vorteil durch Fleisch.
- Unabhängig davon war die Lebenserwartung höher, wenn täglich Gemüse gegessen wurde.
Die Zahlen machen deutlich: Fleisch wirkt nicht pauschal lebensverlängernd. Der mögliche Vorteil hängt eng mit dem körperlichen Zustand zusammen.
Eiweiß stärkt Muskeln und Knochen
Fleisch liefert konzentriert Eiweiß, das den Erhalt von Muskelmasse unterstützt und zur Stabilität der Knochen beiträgt. Im sehr hohen Alter wird dieser Makronährstoff häufig zum Engpass. Viele ältere Menschen essen weniger. Der Appetit lässt nach, Mahlzeiten werden kleiner. Pflanzliche Kost kann gesund sein, liefert bei geringer Nahrungsmenge aber oft weniger Proteine.
Studienautorin Kaiyue Wang von der Fudan University ordnet den Befund laut New Scientist entsprechend vorsichtig ein. „Ältere Erwachsene können vor besonderen ernährungsbedingten Herausforderungen stehen“, sagt sie. Die Daten sprächen dafür, „dass Empfehlungen für sehr alte Menschen Ausgewogenheit und Nährstoffdichte betonen sollten – statt den strikten Verzicht auf tierische Lebensmittel, besonders bei Untergewicht“.
Kein Freibrief für hohen Fleischkonsum
Gleichzeitig relativiert die Auswertung gängige Missverständnisse. Ein hoher Fleischkonsum kann Übergewicht fördern und mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein. Für normalgewichtige oder schwerere Teilnehmer zeigte sich kein Vorteil. Auch hier entscheidet der Kontext.
Die Ergebnisse bedeuten daher keine Abkehr von bekannten Ernährungsempfehlungen. Sie ergänzen sie. Im sehr hohen Alter verschieben sich Prioritäten. Kalorien, Eiweiß und Mikronährstoffe gewinnen an Gewicht. Maßstäbe aus jüngeren Lebensphasen greifen dann oft nicht mehr.
Gemüse bleibt ein verlässlicher Faktor
Trotz des beobachteten Effekts bei Untergewicht bleibt pflanzliche Kost ein stabiler Bestandteil einer gesundheitsfördernden Ernährung. Teilnehmende, die täglich Gemüse aßen, lebten im Schnitt länger – unabhängig davon, ob Fleisch Teil ihrer Ernährung war. Schon geringe Mengen reichten aus, um diesen Zusammenhang zu zeigen.
Das Bild bleibt differenziert. Es geht nicht um ein Entweder-oder zwischen tierisch und pflanzlich. Entscheidend ist eine Ernährung, die zum Zustand des Körpers passt.
Vorsicht bei der Übertragung der Ergebnisse
Die Daten stammen aus China. Essgewohnheiten, Lebensstil und medizinische Versorgung unterscheiden sich von europäischen Verhältnissen. Die biologischen Grundlagen gelten jedoch überall ähnlich. Muskelabbau, Knochenverlust und Mangelernährung folgen universellen Mustern.
Der Langlebigkeitsforscher James Webster von der University of Oxford mahnt laut New Scientist daher zur Zurückhaltung. Die Ergebnisse allein „sollten nicht die Art verändern, wie Menschen essen“. Sowohl vegetarische als auch fleischbasierte Ernährung könne gesund oder ungesund sein. Entscheidend bleibe die Qualität.
Kurz zusammengefasst:
- Eine große chinesische Langzeitstudie mit 5.203 Hochbetagten zeigt: Untergewichtige Menschen erreichten häufiger ein sehr hohes Alter, wenn Fleisch regelmäßig Teil ihrer Ernährung war.
- Der Vorteil zeigte sich ausschließlich bei Untergewicht (BMI unter 18,5); bei normal- oder übergewichtigen Personen brachte Fleisch keinen messbaren Effekt auf die Lebenserwartung.
- Entscheidend für Langlebigkeit im Alter ist nicht der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, sondern eine ausreichende Versorgung mit Eiweiß, Energie und Gemüse, um Muskeln, Knochen und körperliche Stabilität zu erhalten.
Übrigens: Während Ernährung im Alter eine Rolle bei hochbetagten Chinesen spielt, zeigen Menschen in Brasilien, dass extreme Langlebigkeit auch ganz ohne Blue Zones oder spezielle Diäten möglich ist – ihr Körper bleibt dank robuster Immunabwehr und genetischer Vielfalt erstaunlich stabil. Mehr dazu in unserem Artikel.
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