Demenz trifft intelligente Menschen härter – Lebenserwartung sinkt mit Bildungsgrad

Eine höhere Bildung senkt laut einer Analyse von 261 Studien mit 5,5 Mio. Demenz-Betroffenen die Lebenserwartung.

Demenz: Warum intelligente Menschen kürzer leben

Geistige Aktivitäten wie Rätsellösen trainieren das Gehirn – sie verzögern Demenz, stoppen sie aber nicht. © Pexels

Menschen mit höherem Bildungsgrad leben nach einer Demenzdiagnose im Schnitt kürzer. Das belegt eine groß angelegte Metaanalyse, veröffentlicht im British Medical Journal (BMJ). Die Studie zeigt: Pro zusätzlichem Jahr Ausbildung verkürzt sich die Lebenserwartung um rund 2,5 Monate.

Die Wissenschaftler analysierten 261 Studien mit über 5,5 Millionen Teilnehmern. In 36 dieser Studien wurde speziell das Bildungsniveau erfasst. Das Ergebnis: Wer länger in Schule oder Ausbildung war, stirbt nach der Diagnose früher – trotz aller geistigen Vorteile, die Bildung eigentlich bringt.

Bildung beschleunigt den Abbau nach der Diagnose

Die Ursache liegt im Konzept der sogenannten kognitiven Reserve. Diese Reserve beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, Schäden durch Demenz oder Alzheimer auszugleichen. Menschen mit höherer Bildung oder geistig anspruchsvollen Berufen verfügen über eine größere Reserve. Sie zeigen oft lange keine Symptome, obwohl die Krankheit bereits fortschreitet.

Doch genau das ist das Problem. Wird Demenz bei ihnen erkannt, ist sie meist schon weit fortgeschritten. Die Folge: Der körperliche und geistige Abbau verläuft danach schneller. „Diese Menschen befinden sich bereits in einem fortgeschritteneren Stadium, wenn die Diagnose gestellt wird“, schreiben die Forscher.

Intelligente Menschen leben nach Diagnose mit Demenz kürzer

Die Studie zeigt eindrucksvoll: Ein Mensch mit 21 Jahren Ausbildung lebt nach einer Demenzdiagnose durchschnittlich ein Jahr kürzer als jemand mit 16 Jahren Bildung. Die Diagnose erfolgt oft spät, weil das Gehirn bis dahin viele Defizite gut kompensiert hat.

Was auf den ersten Blick paradox wirkt, folgt einer klaren Logik: Je später eine Demenz erkannt wird, desto weniger Zeit bleibt, um einzugreifen oder zu begleiten. Der vermeintliche Schutz durch Bildung wird dann zum Risiko.

Durchschnittlich 4,8 Jahre Überlebenszeit – mit großen Unterschieden

Im Durchschnitt leben Betroffene nach der Diagnose noch 4,8 Jahre. Das fand das Team um Chiara C. Brück von der Erasmus-Universität Rotterdam heraus. Männer im Alter von 65 Jahren haben demnach eine Lebenserwartung von 5,7 Jahren nach der Diagnose, Frauen sogar 8 Jahre.

Noch größer sind die Unterschiede, wenn man das Alter bei der Diagnose betrachtet. Eine Frau mit 60 Jahren lebt durchschnittlich noch 8,9 Jahre, ein Mann mit 85 nur noch 2,2 Jahre.

Frauen leben länger mit Demenz – aber oft unter schwierigeren Bedingungen

Frauen sind häufiger betroffen und leben im Schnitt länger mit der Krankheit. Das bedeutet auch: Sie verbringen mehr Zeit in Pflegeeinrichtungen. Im Schnitt leben Betroffene nach der Diagnose noch 3,3 Jahre zu Hause. Danach ziehen viele in ein Heim.

Laut Studie leben 13 Prozent bereits im ersten Jahr nach der Diagnose im Pflegeheim. Nach fünf Jahren sind es 57 Prozent. Etwa ein Drittel der verbleibenden Lebenszeit verbringen Erkrankte dort.

Alzheimer besser als andere Demenzformen

Die Prognose hängt stark von der Art der Demenz ab. Menschen mit Alzheimer-Demenz haben die besten Überlebenschancen. Vaskuläre, frontotemporale oder Lewy-Body-Demenzen verlaufen aggressiver und verkürzen das Leben stärker.

Auch ethnische Unterschiede fanden sich in den Daten: Asiatische Bevölkerungsgruppen lebten länger nach der Diagnose als andere ethnische Gruppen.

Kognitive Reserve – zuerst ein Vorteil, später ein Nachteil

Das Konzept der kognitiven Reserve hilft zunächst, Symptome zu verzögern. Regelmäßiges Lesen, geistige Arbeit oder das Lösen von Rätseln stärken das Gehirn. Die Bildung wirkt also präventiv. Das Risiko, überhaupt an Demenz zu erkranken, sinkt mit jedem Bildungsjahr.

Doch ist die Krankheit erst einmal da, kehrt sich der Vorteil ins Gegenteil. Die Reserve ist dann aufgebraucht, und der Abbau beginnt umso schneller. „Sobald Demenz diagnostiziert wird, schreitet sie bei gebildeten Menschen rascher voran“, heißt es in der Studie.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen mit höherer Bildung sterben nach einer Demenzdiagnose früher, da ihre kognitive Reserve die Symptome lange überdeckt und die Krankheit bei Diagnose bereits fortgeschritten ist.
  • Im Schnitt leben Betroffene nach der Diagnose 4,8 Jahre, wobei das Alter und die Demenzform entscheidend sind.
  • Etwa ein Drittel der verbleibenden Lebenszeit verbringen Erkrankte im Pflegeheim; der Umzug erfolgt meist innerhalb der ersten fünf Jahre.

Übrigens: Intelligente Menschen leben nach einer Demenzdiagnose oft kürzer – doch eine neue KI erkennt die Krankheit, bevor Ärzte sie bemerken. Wie das tragbare System funktioniert und warum es vor allem auf dem Land helfen könnte, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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