Bildschirmzeit macht Jugendliche depressiv? Studie mit 21.797 Zwillingen stellt Zusammenhang infrage
Mehr als sechs Stunden Bildschirmzeit, dreifach erhöhtes Depressionsrisiko? Ein Vergleich von 21.797 Zwillingen relativiert den Befund.
Wie stark beeinflusst Bildschirmzeit die psychische Gesundheit Jugendlicher? Eine große Zwillingsstudie liefert überraschende Erkenntnisse. © Unsplash
Sechs Stunden am Tag spielen, chatten oder im Internet surfen – und später ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Depressionen oder Angststörungen. Bei Jugendlichen scheint der Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Depressionen zunächst alarmierend. Doch was passiert, wenn zwei Menschen dieselben Gene und weitgehend dieselbe Kindheit teilen, aber unterschiedlich viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen? Dann schrumpft der statistische Zusammenhang erheblich. Offenbar beeinflussen Erbanlagen und familiäre Lebensbedingungen sowohl die Mediennutzung als auch die psychische Gesundheit.
Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des schwedischen Karolinska Institutet. Sie werteten Daten von 21.797 Zwillingen aus, die vom Kindesalter bis ins junge Erwachsenenleben begleitet wurden. Bei eineiigen Zwillingen schwächten sich die Zusammenhänge zwischen Bildschirmnutzung und psychischen Beschwerden in bestimmten Analysen um 32 bis 95 Prozent ab.
Die am 8. Oktober 2026 im Fachjournal Nature Human Behaviour veröffentlichte Untersuchung stellt damit eine verbreitete Annahme infrage: Viel Bildschirmzeit allein erklärt noch nicht, warum manche Jugendliche Depressionen oder Angststörungen entwickeln.
Bildschirmzeit und Depressionen: Interaktive Nutzung erhöht das Risiko
Besonders auffällig war die intensive Nutzung an Werktagen. Bei 15-Jährigen, die mehr als sechs Stunden täglich spielten, chatteten oder im Internet surften, lag das spätere Risiko einer diagnostizierten Depression oder Angststörung rechnerisch beim 3,37-Fachen. Am Wochenende betrug es das 2,30-Fache. Als Vergleich dienten Jugendliche mit höchstens zwei Stunden täglicher Nutzung.
Die Wissenschaftler berücksichtigten frühere psychische Beschwerden und mehrere familiäre Merkmale. Trotzdem ließ sich daraus kein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ableiten. Auch andere persönliche oder soziale Einflüsse könnten die Unterschiede erklären.
Nicht jede Beschäftigung am Bildschirm war gleichermaßen mit psychischen Problemen verbunden. Die stärkeren Zusammenhänge betrafen interaktive Aktivitäten. Für passiven Medienkonsum fielen die Ergebnisse anders aus:
- Gaming, Chatten und Surfen: Intensive Nutzung war mit mehr depressiven Symptomen und einem erhöhten Risiko späterer Diagnosen verbunden.
- Fernsehen und Videoschauen: Hier fanden sich deutlich schwächere oder keine entsprechenden Zusammenhänge mit späteren klinischen Diagnosen.
- Tägliche Nutzungsdauer: Die auffälligsten Unterschiede traten bei mehr als sechs Stunden interaktiver Bildschirmzeit auf.
Im Zwillingsvergleich sinkt das Risiko deutlich
Auch bei späteren klinischen Diagnosen veränderte der Vergleich innerhalb derselben Familie die Ergebnisse erheblich. Für intensive interaktive Bildschirmnutzung an Werktagen sank die Risikoschätzung vom 3,37-Fachen auf das 1,65-Fache.
Die verbleibende Erhöhung war nach der Korrektur für Mehrfachtests statistisch nicht mehr signifikant. Ein eigenständiger Einfluss der Bildschirmzeit lässt sich damit weder sicher nachweisen noch ausschließen.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Zusammenhang in manchen Fällen überschätzt wurde, weil gemeinsame familiäre Faktoren nicht vollständig berücksichtigt werden konnten“, erklärt Tong Gong vom Karolinska Institutet.
Psychische Beschwerden können die Mediennutzung beeinflussen
Gene und familiäre Lebensbedingungen könnten erklären, warum manche Jugendliche viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen und häufiger unter Depressionen oder Ängsten leiden. Denn sowohl die Veranlagung für psychische Erkrankungen als auch das Nutzungsverhalten können durch erbliche Einflüsse geprägt sein. Auch die Erziehung, familiäre Belastungen und der Umgang mit digitalen Medien spielen möglicherweise eine Rolle.
Die Studie zeigte zudem, dass der Zusammenhang auch umgekehrt bestehen kann: Jugendliche, die mit 15 Jahren stärkere depressive Symptome oder Ängste hatten, verbrachten mit 18 Jahren tendenziell mehr Zeit mit Spielen, Chatten oder Surfen.
Dieser Zusammenhang war allerdings schwach. Je stärker die psychischen Beschwerden mit 15 Jahren ausfielen, desto höher war die statistische Chance auf eine intensivere Bildschirmnutzung drei Jahre später. Bei einem Anstieg der Beschwerden um eine sogenannte Standardabweichung lag diese Chance um vier Prozent höher. Warum die Jugendlichen mehr Zeit online verbrachten, etwa zur Ablenkung oder um soziale Kontakte zu pflegen, ließ sich aus den Daten nicht erkennen.
Mädchen reagieren offenbar empfindlicher auf intensive Nutzung
Bei Mädchen gingen lange Bildschirmzeiten häufiger mit stärkeren depressiven Symptomen und Ängsten einher als bei Jungen. Besonders ausgeprägt waren diese Unterschiede bei interaktiven Aktivitäten im Alter von 15 und 18 Jahren.
Bei späteren klinischen Diagnosen ließ sich ein entsprechend stärkerer Zusammenhang für Mädchen dagegen nicht eindeutig feststellen.
Die Untersuchung erfasste psychische Beschwerden über mehrere Lebensphasen hinweg. Mit 15 Jahren beteiligten sich noch 16.027 Zwillinge, mit 18 Jahren 13.050 und mit 24 Jahren 5.772. Zusätzlich griffen die Wissenschaftler auf schwedische Gesundheitsregister zurück. Dort waren ärztlich erfasste Depressionen und Angststörungen dokumentiert.
Damit ließen sich auch Erkrankungen berücksichtigen, die erst Jahre nach den Angaben zur Bildschirmnutzung auftraten. Die klinischen Auswertungen reichten bei den mit 15 Jahren befragten Teilnehmern bis zum Alter von 28 Jahren.
Heutige Smartphone-Nutzung unterscheidet sich erheblich
Die Datenerhebung begann bereits 2004. Damals bestimmten weder Smartphones noch soziale Netzwerke den Alltag von Jugendlichen im heutigen Ausmaß. Die Angaben zur Bildschirmzeit stammten zudem von den Teilnehmern selbst oder ihren Eltern.
Ob jemand stundenlang spielte, mit Freunden kommunizierte oder belastende Inhalte konsumierte, ließ sich nur grob unterscheiden. Auch die persönlichen Gründe für die Nutzung blieben weitgehend unbekannt.
Emma Frans, Mitautorin der Untersuchung am Karolinska Institutet, hält deshalb eine alleinige Orientierung an täglichen Bildschirmstunden für unzureichend. „Künftige Empfehlungen sollten sich nicht allein darauf konzentrieren, wie viel Zeit Kinder und Jugendliche vor Bildschirmen verbringen“, erklärt sie.
Neben der Dauer seien die konkreten Aktivitäten, die Beweggründe und persönliche Lebensumstände entscheidend. Ebenso relevant ist, welche anderen Beschäftigungen durch digitale Angebote verdrängt werden.
Die Wissenschaftler wollen deshalb stärker zwischen verschiedenen Nutzungsformen unterscheiden. Dazu gehören problematische Mediengewohnheiten, die konsumierten Inhalte und mögliche Unterschiede zwischen Altersgruppen sowie Mädchen und Jungen.
Kurz zusammengefasst:
- Hohe Bildschirmzeit ist mit psychischen Problemen verbunden: Jugendliche mit mehr als sechs Stunden interaktiver Nutzung täglich hatten ein deutlich erhöhtes Risiko für spätere Depressionen oder Angststörungen.
- Gene und familiäres Umfeld beeinflussen den Zusammenhang: Beim Vergleich von Zwillingen wurde der Zusammenhang erheblich schwächer, weshalb Bildschirmzeit allein nicht als Ursache für Depressionen gelten kann.
- Nicht jede Bildschirmnutzung ist gleich: Gaming, Chatten und Surfen waren stärker mit psychischen Beschwerden verbunden als Fernsehen oder Videoschauen; auch Inhalte und persönliche Lebensumstände sind wichtig.
Übrigens: Nicht jede Stunde in sozialen Medien ist mit stärkeren Ängsten verbunden – eine US-Studie mit 2.403 jungen Erwachsenen fand einen Zusammenhang zwischen emotionaler Unterstützung im Netz und geringeren Angstsymptomen. Weshalb echter Austausch wichtiger sein könnte als bloßes Scrollen, mehr dazu in unserem Artikel.
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