Essen ist ansteckend: Wer anderen beim Essen zusieht, greift nach 14 Sekunden häufiger selbst zu

Beim gemeinsamen Essen greifen Menschen häufiger kurz nacheinander zu. Eine Studie mit 108 Teilnehmern belegt den Effekt nach 14 Sekunden.

Essen ist ansteckend: Greift eine Person zu, folgen andere häufig kurz darauf. Einer Studie zufolge ist dieser Effekt nach etwa 14 Sekunden am stärksten.

Gemeinsame Mahlzeiten sind mehr als reine Nahrungsaufnahme. Auch das Essverhalten wird offenbar unbewusst durch die Anwesenheit anderer Menschen beeinflusst. © Pexels

Wer mit anderen am Tisch sitzt, lässt sich offenbar unbewusst zum Essen verleiten. Nimmt jemand einen Bissen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass andere kurz darauf ebenfalls zugreifen. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt nach etwa 14 Sekunden. Psychologen der Universität Konstanz haben dafür 108 Menschen beim gemeinsamen Essen beobachtet und 1.427 Bissen ausgewertet. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal Communications Psychology.

Innerhalb von 20 Sekunden nach einem Bissen aß in 51,35 Prozent der beobachteten Fälle mindestens eine weitere Person. Schon nach zehn Sekunden waren es 38,24 Prozent. Allerdings können solche Übereinstimmungen auch zufällig entstehen. Am stärksten war der Einfluss des gemeinsamen Essens nach 14 Sekunden: Bis dahin griff mindestens eine weitere Person 1,42-mal so häufig zu, wie es rein zufällig zu erwarten gewesen wäre. Danach wurde der Einfluss allmählich schwächer, blieb aber noch bis zu 42 Sekunden nachweisbar.

36 Dreiergruppen essen Kuchen – Kameras erfassen 1.427 Bissen

Die Teilnehmer saßen jeweils zu dritt rund 15 Minuten zusammen und unterhielten sich. Jeder erhielt einen Teller mit einem Stück Kuchen und einer Gabel. Vier Kameras zeichneten die Gespräche und Bewegungen aus unterschiedlichen Perspektiven auf. Als Bissen zählte der Moment, in dem die Gabel den Mund erreichte.

Die Teilnehmer waren durchschnittlich 21,8 Jahre alt. Pro Person registrierten die Psychologen im Mittel 13,2 Bissen. Allerdings unterschieden sich die Gruppen erheblich: In einer Dreiergruppe kamen während des Gesprächs lediglich vier Bissen zusammen, in einer anderen waren es 82.

So schnell greifen andere beim Essen ebenfalls zu

Die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein weiterer Teilnehmer nach einem Bissen ebenfalls aß, nahm mit zunehmendem Zeitabstand zu:

  • Nach einer Sekunde: 5,26 Prozent
  • Nach zehn Sekunden: 38,24 Prozent
  • Nach 20 Sekunden: 51,35 Prozent
  • Nach 30 Sekunden: 56,43 Prozent
  • Nach 40 Sekunden: 58,37 Prozent

Diese Werte beschreiben, wie häufig innerhalb der jeweiligen Zeitspanne mindestens eine weitere Person zum Essen griff. Sie bedeuten nicht, dass sämtliche nachfolgenden Bissen durch das Verhalten der anderen ausgelöst wurden.

Um zufällige Übereinstimmungen zu berücksichtigen, entwickelten die Wissenschaftler ein statistisches Verfahren namens SPREAD. Dafür verglichen sie den tatsächlichen zeitlichen Ablauf mit 1.000 künstlich veränderten Varianten. Die Anzahl der Bissen pro Person blieb dabei erhalten. Verändert wurden lediglich die Zeitpunkte, sodass die zeitliche Abstimmung zwischen den Teilnehmern verloren ging.

„Mit SPREAD haben wir eine gemeinsame methodische Grundlage geschaffen, um Verhaltensansteckung und unterschiedliche Gruppenkonstellationen über verschiedene Disziplinen hinweg zu untersuchen“, erklärt Britta Renner, Professorin für Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie an der Universität Konstanz.

Wenn beide anderen mitessen, hält der Effekt länger an

Bei der Auswertung unterschieden die Psychologen zwei Situationen. Im ersten Fall nahm nach einem Bissen nur eine der beiden anderen Personen ebenfalls etwas zu sich. Hier erreichte der statistische Effekt bereits nach sechs Sekunden seinen Höhepunkt und blieb bis zu 24 Sekunden nachweisbar.

Anders verlief es, wenn beide anderen Gruppenmitglieder anschließend aßen. Hier lag der stärkste statistische Effekt bei 28 Sekunden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten in 8,67 Prozent der beobachteten Fälle beide Personen einen Bissen genommen. Das statistische Zufallsmodell ergab lediglich 4,14 Prozent.

Dieser Zusammenhang blieb sogar bis zu 57 Sekunden nachweisbar. Die verschiedenen Zeitabstände ergeben sich aus getrennten Berechnungen für eine beziehungsweise zwei nachfolgende Personen. Eine Reaktion von beiden Gruppenmitgliedern entwickelte sich langsamer als die Reaktion nur einer Person.

Lachen steckt Menschen schon nach zwei Sekunden an

Beim Lachen läuft die soziale Ansteckung erheblich schneller ab. Dafür untersuchten die Psychologen Gespräche von 84 Menschen in 28 Dreiergruppen. Insgesamt registrierten sie 1.032 Lachereignisse. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 24 Jahre.

Bereits innerhalb der ersten Sekunde nach einem Lachen lachte in 17,1 Prozent der Fälle mindestens eine weitere Person. Der stärkste statistische Effekt trat nach ein bis zwei Sekunden auf. In diesem Zeitfenster war die Häufigkeit um den Faktor 3,6 höher als unter zufälligen Bedingungen. Schwächere Zusammenhänge waren noch nach rund 33 Sekunden feststellbar.

„Es gibt kein einzelnes Zeitfenster, das für jedes Verhalten gleichermaßen passt“, erklärt Studienautor Christophe Bousquet von der Universität Konstanz. Während Menschen häufig unmittelbar auf das Lachen anderer reagieren, verteilen sich die entsprechenden Reaktionen beim Essen über einen längeren Zeitraum.

Künstliche Vergleichsgruppen liefern deutlich schwächere Effekte

Für zusätzliche Kontrollen kombinierten die Wissenschaftler Daten von Teilnehmern, die ursprünglich in unterschiedlichen Gruppen gesessen hatten. Diese Personen hatten also nicht tatsächlich miteinander gegessen. Trotzdem traten auch bei diesen künstlichen Gruppen vereinzelt kurzfristige statistische Zusammenhänge auf.

Sie waren jedoch deutlich schwächer und hielten kürzer an als bei den realen Dreiergruppen. Zudem berücksichtigten die Berechnungen, dass manche Menschen grundsätzlich häufiger essen oder lachen als andere. Die Teilnehmer griffen häufiger kurz nacheinander zum Essen, als es durch Zufall zu erwarten gewesen wäre. Auch Unterschiede darin, wie oft einzelne Personen aßen, konnten diesen Effekt nicht erklären.

Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf den zeitlichen Ablauf einzelner Bissen. Ob Menschen in Gesellschaft insgesamt mehr essen, zusätzliche Kalorien aufnehmen oder langfristig an Gewicht zunehmen, wurde nicht untersucht. Auch für Familienessen oder Restaurantbesuche liegen aus dieser Untersuchung keine entsprechenden Vergleichsdaten vor.

Kurz zusammengefasst:

  • Essen ist ansteckend: Wer gemeinsam mit anderen isst, greift häufiger kurz nach einer anderen Person zum Essen als zufällig zu erwarten wäre.
  • Nach 14 Sekunden ist der Effekt am stärksten: In einer Studie mit 108 Teilnehmern lag die Häufigkeit aufeinanderfolgender Essenshandlungen um den Faktor 1,42 über dem Zufallsniveau.
  • Lachen steckt schneller an als Essen: Beim Lachen erreicht der Effekt nach ein bis zwei Sekunden seinen Höhepunkt; ob gemeinsames Essen zu einer höheren Kalorienaufnahme führt, wurde nicht untersucht.

Übrigens: Lachen steckt andere Menschen innerhalb von Sekunden an, doch unser Gehirn nutzt dafür zwei unterschiedliche Netzwerke – je nachdem, ob wir spontan loslachen oder bewusst mitlachen. Warum dabei sogar die gleichen Gesichtsausdrücke ohne echte Freude entstehen können, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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