Psilocybin gegen Depressionen: Magic-Mushrooms-Wirkstoff baut Nervenverbindungen auf – ohne Rauschreaktion bei Mäusen
Der Pilzwirkstoff Psilocybin könnte dem Gehirn helfen, durch Stress geschwächte Nervenverbindungen zu erneuern.
In unscheinbaren Pilzen steckt Psilocybin, ein Wirkstoff, der im Gehirn neue Verbindungen zwischen Nervenzellen fördern kann. Bei Mäusen gelang dieser Umbau sogar ohne die typische halluzinationsähnliche Reaktion. © Pexels
Weltweit leben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 322 Millionen Menschen mit Depressionen. Allein in Deutschland wurde die Erkrankung laut AOK-Gesundheitsatlas im Jahr 2024 bei etwa 9,4 Millionen Menschen festgestellt. Freude, Antrieb und Lebensmut können schwinden, selbst alltägliche Aufgaben werden zur Belastung. Was dabei im Gehirn geschieht, ist noch längst nicht vollständig verstanden. Bekannt ist jedoch, dass sich auch die Verbindungen zwischen Nervenzellen verändern können.
Ein Wirkstoff aus halluzinogenen Pilzen könnte helfen, solche Veränderungen zu beeinflussen. Bei chronisch gestressten Mäusen förderte Psilocybin innerhalb von 24 Stunden die Bildung neuer Nervenverbindungen und bremste den Verlust bestehender. Besonders erstaunlich: Die dafür verantwortlichen Zellmechanismen ließen sich von halluzinationsähnlichen Reaktionen trennen.
Wissenschaftler der University of California, Santa Cruz beobachteten dafür einzelne Nervenzellen im Gehirn lebender Mäuse über mehrere Wochen. Obwohl das menschliche Gehirn wesentlich komplexer ist, besitzen Mäuse viele der gleichen Nervenzelltypen, Botenstoffe und grundlegenden Hirnstrukturen. Deshalb lassen sich an ihnen biologische Vorgänge untersuchen, die auch für den Menschen relevant sein könnten. Wie die Wissenschaftler im Fachjournal Nature Neuroscience berichten, blieben nach drei Wochen noch 48 Prozent der neu entstandenen Nervenverbindungen erhalten. In der unbehandelten Kontrollgruppe waren es lediglich 29,3 Prozent.
Psilocybin lässt neue Nervenverbindungen schnell entstehen
Nervenzellen tauschen Informationen über winzige Kontaktstellen aus, sogenannte Synapsen. An vielen dieser Verbindungen sitzen kleine Fortsätze, die unter dem Mikroskop an Pilze erinnern. Sie verändern sich ständig, etwa beim Lernen oder unter Stress. Nach einer Psilocybin-Gabe bildeten sich bei den Mäusen vermehrt solche Fortsätze.
Auffällig war ihre schnelle Entwicklung. Während in der unbehandelten Kontrollgruppe lediglich 2,2 Prozent der neuen Fortsätze eine ausgeprägte Pilzform besaßen, waren es unter Psilocybin 28,4 Prozent. Diese Form gilt als Hinweis auf eine stabilere Verbindung zwischen Nervenzellen.
Psilocybin fördert Wachstum und Abbau zugleich
Allerdings entstanden nicht dauerhaft immer mehr Verbindungen. Im Gehirn gesunder Mäuse verschwanden mit der Zeit auch zusätzliche ältere Fortsätze. Die Gesamtzahl näherte sich dadurch wieder dem ursprünglichen Niveau.
Bei chronisch gestressten Mäusen verlief die Entwicklung anders. Die Tiere hatten zuvor drei Wochen lang wechselnde Belastungen erlebt. Psilocybin förderte bei ihnen besonders deutlich die Bildung neuer Kontaktstellen und verringerte zugleich den stressbedingt erhöhten Verlust bestehender Verbindungen.
Chronischer Stress verändert die Verbindungen im Gehirn
Ein Teil der durch Stress verlorenen Kontaktstellen entstand nach der Behandlung erneut. Bei den mit Psilocybin behandelten Mäusen waren es 7,8 Prozent, in der Kontrollgruppe 4,8 Prozent. Die meisten neuen Verbindungen bildeten sich allerdings an anderen Stellen.
Für den Umbau der Nervenzellen waren bestimmte Serotoninrezeptoren verantwortlich. Sie befinden sich unter anderem auf sogenannten Pyramidenzellen in der Großhirnrinde. An diesen Rezeptoren, die Wissenschaftler als 5-HT2A bezeichnen, bindet auch Psilocybin.
Bestimmte Nervenzellen verändern sich ohne Rauschreaktion
Um herauszufinden, welche Zellen für den Aufbau neuer Verbindungen verantwortlich sind, nutzten die Wissenschaftler genetisch veränderte Mäuse. Bei ihnen konnten sie die betreffenden Rezeptoren gezielt ausschalten oder auf bestimmte Nervenzellen beschränken. Dabei beobachteten sie drei unterschiedliche Reaktionen:
- Neue Verbindungen: Waren die Rezeptoren in den untersuchten Pyramidenzellen aktiv, förderte Psilocybin weiterhin den Umbau der Nervenzellen.
- Keine typische Rauschreaktion: Die Tiere zeigten dabei kein charakteristisches Kopfschütteln, das als Hinweis auf die halluzinogene Aktivität psychedelischer Substanzen dient.
- Umgekehrter Effekt: Ohne diese Rezeptoren in den Pyramidenzellen blieb das Kopfschütteln erhalten, während der untersuchte Umbau der Nervenverbindungen ausblieb.
Halluzinationen und Hirnumbau lassen sich teilweise trennen
Offenbar sind unterschiedliche Nervenzellen für den strukturellen Umbau und die halluzinationsähnliche Reaktion verantwortlich. Allerdings können Mäuse ihre Wahrnehmungen nicht beschreiben. Das Kopfschütteln ist deshalb kein direkter Nachweis für Halluzinationen.
Ob sich beim Menschen die gewünschten Veränderungen im Gehirn ohne psychedelischen Rausch auslösen lassen, ist noch ungeklärt. Psilocybin selbst verursacht weiterhin intensive Wahrnehmungsveränderungen und kann erhebliche psychische Nebenwirkungen haben.
Auch deutsche Wissenschaftler erforschen Depressionen bei Mäusen
Wie chronischer Stress das Gehirn verändert, untersucht auch die Neurowissenschaftlerin Olivia Masseck. In einer Dokumentation mit Harald Lesch erklärt sie, wie ihr Team bei Mäusen depressionsähnliche Verhaltensweisen erforscht. Spezielle Sensoren ermöglichen es, die Ausschüttung von Botenstoffen wie Serotonin im lebenden Gehirn zu beobachten.
Die lange verbreitete Vorstellung, Depressionen entstünden allein durch einen Serotoninmangel, gilt inzwischen als unzureichend. Neben Veränderungen der Botenstoffe treten bei Betroffenen auch strukturelle Veränderungen im Gehirn auf. Chronischer Stress kann solche Prozesse begünstigen.
Psilocybin gegen Depressionen wird auch in Deutschland erprobt
Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim erforscht der Psychiater Gerhard Gründer gemeinsam mit der Berliner Charité den Einsatz von Psilocybin bei schweren Depressionen. An einer Untersuchung nahmen 144 Erwachsene teil, denen herkömmliche Behandlungen zuvor nicht ausreichend geholfen hatten. Sie erhielten Psilocybin oder ein Placebo und wurden psychotherapeutisch begleitet.
In der Dokumentation mit Harald Lesch berichtet Gründer von unterschiedlichen Ergebnissen. Nach seiner Einschätzung profitierte etwa ein Drittel der Patienten deutlich, ein weiteres Drittel nicht. Beim übrigen Drittel lagen die Ergebnisse dazwischen. Diese Einordnung ist allerdings nicht mit einer statistisch nachgewiesenen Erfolgsquote gleichzusetzen.
Neue Medikamente könnten ohne psychedelischen Rausch auskommen
Die kalifornischen Wissenschaftler sehen die Möglichkeit, künftig gezielt jene Nervenzellen anzusprechen, die den Aufbau neuer Verbindungen ermöglichen. Solche Medikamente könnten die Anpassungsfähigkeit des Gehirns fördern, ohne gleichzeitig psychedelische Wahrnehmungen auszulösen.
Bislang fehlen dafür klinische Nachweise. Die Untersuchung aus Santa Cruz erfasste Veränderungen im Gehirn von Mäusen, keine Behandlungserfolge bei Menschen mit Depressionen. Ob sich die Erkenntnisse in sichere und wirksame Medikamente übertragen lassen, müssen weitere Untersuchungen klären.
Kurz zusammengefasst:
- Psilocybin fördert neue Nervenverbindungen: Bei chronisch gestressten Mäusen regte der Wirkstoff aus halluzinogenen Pilzen das Wachstum neuer Kontaktstellen im Gehirn an und bremste den Verlust bestehender Verbindungen.
- Hirnumbau und Rauschreaktion lassen sich teilweise trennen: Bestimmte Nervenzellen ermöglichten den Umbau des Gehirns, ohne dass die Mäuse eine typische halluzinationsähnliche Reaktion zeigten.
- Neue Hoffnung für die Depressionsbehandlung: Die Erkenntnisse könnten Medikamente ohne psychedelischen Rausch ermöglichen, doch ihre Wirksamkeit und Sicherheit müssen erst beim Menschen nachgewiesen werden.
Übrigens: An der Universität Berkeley untersuchen Wissenschaftler, ob Psilocybin auch das alternde Gehirn unterstützen kann. In einer Studie mit älteren Erwachsenen prüfen sie Veränderungen von Gedächtnis, Hirnstruktur und emotionaler Verarbeitung – mehr dazu in unserem Artikel.
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