Zu wenig oder zu viel Testosteron – beides könnte Vorhofflimmern begünstigen

Beim Testosteron scheint die Mitte entscheidend: Sehr niedrige und hohe Werte gehen häufiger mit Vorhofflimmern einher.

Testosteron kann den Herzrhythmus beeinflussen. Sowohl sehr niedrige als auch hohe Werte könnten Vorhofflimmern begünstigen.

Der Testosteronspiegel könnte auch für den Herzrhythmus eine Rolle spielen. Beobachtungsdaten sprechen für ein erhöhtes Risiko an beiden Enden der Skala. © Pexels

Ein Herz schlägt rund 100.000 Mal am Tag. Damit dieser Takt stabil bleibt, müssen elektrische Signale und Ionenströme in Milliarden Herzmuskelzellen präzise zusammenspielen. Testosteron könnte dieses empfindliche System stärker beeinflussen als lange angenommen.

Bisher galt vor allem ein Mangel als problematisch. Inzwischen sprechen große Bevölkerungsstudien und Laboruntersuchungen für eine U-förmige Beziehung: Das Risiko für Vorhofflimmern scheint bei niedrigen Werten erhöht zu sein, sinkt im mittleren Bereich und steigt bei hohen Konzentrationen wieder an.

Forscher des University of Kansas Medical Center und des Kansas City Veterans Affairs Medical Center haben die vorhandenen Daten im Journal of the Endocrine Society zusammengeführt. Dafür werteten sie randomisierte Studien, große Beobachtungsstudien, Meta-Analysen und Laborarbeiten aus. Für Mitautor Rajat S. Barua folgt daraus vor allem eine praktische Konsequenz: Bei einer Testosterontherapie komme es auf Dosis, Zielwert und regelmäßige Kontrollen an. Niedrige und hohe Werte könnten den Herzrhythmus über unterschiedliche biologische Mechanismen beeinflussen.

Wie Testosteron Vorhofflimmern begünstigen könnte

Bei niedrigen Testosteronwerten kann die elektrische Steuerung der Herzmuskelzellen aus dem Takt geraten. Kalzium wird dann offenbar weniger zuverlässig gespeichert und wieder freigesetzt. Dadurch können zusätzliche elektrische Impulse entstehen, die Herzrhythmusstörungen begünstigen.

Bei hohen Testosteronwerten läuft der Prozess anders. Das Hormon beeinflusst Kaliumströme, die dafür sorgen, dass sich eine Herzmuskelzelle nach jedem Schlag elektrisch erholt. Verkürzt sich diese Erholungszeit, kann die Zelle schneller erneut erregt werden. Elektrische Impulse können dann im Vorhof kreisen und immer wieder neues Herzgewebe aktivieren – ein Mechanismus, der Vorhofflimmern begünstigen kann.

Laborarbeiten aus dem Jahr 2025 liefern dafür eine mögliche biologische Erklärung. Dazu passen Daten aus großen Bevölkerungsstudien. In der UK Biobank trat Vorhofflimmern häufiger bei sehr niedrigen und bei hohen Testosteronwerten auf. Auch bei 4570 älteren Männern aus der ASPREE-Studie stieg das Risiko bei hohen Werten. In den beiden höchsten Testosteron-Gruppen war es gegenüber der mittleren Gruppe nahezu doppelt so hoch.

Testosterongel führte häufiger zu Vorhofflimmern

Besonders aufschlussreich ist die TRAVERSE-Studie mit 5246 Männern zwischen 45 und 80 Jahren. Alle litten unter Beschwerden eines Testosteronmangels und hatten zweimal morgens Werte unter 300 Nanogramm pro Deziliter. Hinzu kamen bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mehrere entsprechende Risikofaktoren.

Eine Gruppe erhielt täglich ein Testosterongel, die andere ein Placebo. Nach durchschnittlich 33 Monaten unterschied sich das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod nicht wesentlich zwischen beiden Gruppen.

Beim Vorhofflimmern sah es anders aus:

  • 91 Männer in der Testosterongruppe erkrankten daran, entsprechend 3,5 Prozent.
  • In der Placebogruppe waren es 63 Männer oder 2,4 Prozent.
  • Auch andere Herzrhythmusstörungen traten unter Testosteron häufiger auf.

TRAVERSE untersuchte allerdings eine klar definierte Risikogruppe. Die Männer waren mindestens 45 Jahre alt und hatten bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mehrere Risikofaktoren. Zudem kam ausschließlich ein 1,62-prozentiges Testosterongel zum Einsatz. Für jüngere und herzgesunde Männer lassen sich daraus keine direkten Schlüsse ziehen.

Andere Studien finden keinen klaren Anstieg

Eine große Meta-Analyse mit 106 placebokontrollierten Studien ergab ein weniger eindeutiges Bild. Sie umfasste 8126 Männer mit Testosterontherapie und 7310 Männer mit Placebo. Beim Vorhofflimmern lag das rechnerische Risiko unter Testosteron zwar höher, statistisch war der Unterschied aber nicht eindeutig.

Das kann mehrere Gründe haben. Viele ältere Studien waren kleiner, kürzer angelegt und erfassten Vorhofflimmern weniger systematisch. Umgekehrt könnte das höhere Risiko aus TRAVERSE vor allem Männer betreffen, deren Herzen bereits durch Alter oder Vorerkrankungen anfälliger waren.

Auch ein niedriger Testosteronwert steht selten für sich allein. Häufig treten gleichzeitig Übergewicht, Diabetes, Schlafapnoe oder Bluthochdruck auf. Besonders Übergewicht erhöht das Risiko für Vorhofflimmern unabhängig vom Hormonspiegel. Entzündungen, Fettgewebe rund um das Herz und Umbauprozesse im Vorhof können den Herzrhythmus zusätzlich destabilisieren.

Hinzu kommt ein Messproblem: Der Gesamt-Testosteronwert sagt nicht immer zuverlässig aus, wie viel biologisch verfügbares Hormon tatsächlich im Körper wirkt. Dabei spielt unter anderem das Sexualhormon-bindende Globulin, kurz SHBG, eine Rolle. Es bindet einen großen Teil des Testosterons im Blut und beeinflusst damit, wie viel davon frei und für Gewebe verfügbar bleibt. Bei ungewöhnlich hohen oder niedrigen SHBG-Werten kann der Gesamtwert deshalb täuschen; dann ist das berechnete freie Testosteron oft aussagekräftiger.

350 bis 550 Nanogramm gelten nur als Orientierung

Aus den bisherigen Beobachtungsdaten ergibt sich ein möglicher günstiger Bereich von etwa 350 bis 550 Nanogramm Gesamt-Testosteron pro Deziliter. Dort scheint das Risiko für Vorhofflimmern am niedrigsten zu liegen.

Als fester Zielwert taugt diese Spanne bislang jedoch nicht. Sie wurde aus Beobachtungsdaten abgeleitet und noch nicht in einer klinischen Studie geprüft, in der Männer gezielt auf unterschiedliche Testosteronwerte eingestellt wurden.

Bei einer Testosterontherapie sollte deshalb nicht möglichst weit nach oben dosiert werden. Barua bringt es knapp auf den Punkt: „Die Dosis und der Zielwert sind wichtig.“

Vor Beginn einer Behandlung sollten vor allem Übergewicht, Schlafapnoe, Bluthochdruck und hoher Alkoholkonsum berücksichtigt werden. Während der Therapie empfehlen die Fachleute regelmäßige Kontrollen von Herzrhythmus, Blutdruck und Hämatokrit sowie von Nieren- und Leberfunktion. Bei auffälligem SHBG kann zusätzlich das freie Testosteron für die Dosierung wichtiger sein als der Gesamtwert.

Für Männer mit erhöhtem Herz-Kreislauf- oder Rhythmusrisiko gelten gleichmäßig wirkende Präparate als günstiger als kurz wirkende Injektionen. Solche Spritzen können vorübergehend sehr hohe Testosteronspitzen erzeugen. Der Bereich von 350 bis 550 Nanogramm pro Deziliter bleibt deshalb eine Orientierung und kein allgemeingültiger Sollwert.

Kurz zusammengefasst:

  • Niedrige und hohe Testosteronwerte könnten Vorhofflimmern begünstigen; am günstigsten scheint nach bisherigen Beobachtungsdaten ein mittlerer Bereich zu sein.
  • In der TRAVERSE-Studie trat Vorhofflimmern unter Testosterongel häufiger auf als unter Placebo, andere Studien fanden dagegen keinen eindeutigen Anstieg.
  • Der Bereich von etwa 350 bis 550 ng/dl gilt bislang nur als Orientierung, nicht als klinisch bewiesener optimaler Zielwert.

Übrigens: Herz-Kreislauf-Erkrankungen belasten viele Menschen mit psychischen Erkrankungen zusätzlich und tragen erheblich zur verkürzten Lebenserwartung bei. Bei Männern fehlen im Schnitt bis zu zwölf Jahre – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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