Seltene Thrombose nach Adenovirus-Infekt: Forscher kommen der Ursache auf die Spur

Forscher bringen erstmals einen Adenovirus-Typ mit einer seltenen Thrombose und gefährlichen Blutgerinnseln in Verbindung.

Atemwegsinfekte durch Adenoviren verlaufen meist harmlos. In sehr seltenen Fällen kann jedoch eine fehlgeleitete Immunreaktion gefährliche Blutgerinnsel auslösen. © Vecteezy.com

Atemwegsinfekte durch Adenoviren verlaufen meist harmlos. In sehr seltenen Fällen kann jedoch eine fehlgeleitete Immunreaktion gefährliche Blutgerinnsel auslösen. © Vecteezy

Adenoviren gehören zu den häufigsten Auslösern von Atemwegsinfekten und verlaufen meist harmlos. In sehr seltenen Fällen kann das Immunsystem jedoch so ungewöhnlich reagieren, dass gefährliche Blutgerinnsel entstehen. Einen solchen Verlauf haben Ärzte und Forscher nun bei einem zwölfjährigen Jungen untersucht. Eine internationale Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Universitätsmedizin Greifswald konnte erstmals einen konkreten Adenovirus-Typ mit dieser Reaktion in Zusammenhang bringen. Die Studie erschien im Fachjournal New England Journal of Medicine. Für den Zusammenhang zwischen Adenovirus und Thrombose liefert der Fall einen neuen Anhaltspunkt.

Der Junge war zunächst an einem gewöhnlichen Atemwegsinfekt erkrankt. Rund eine Woche später entwickelte er schwere Gerinnungsstörungen und kam an die Medizinische Universität Innsbruck. Dort fanden die Ärzte unter anderem eine tiefe Venenthrombose sowie eine Lungenembolie. Auffällig war außerdem eine deutlich verminderte Zahl an Blutplättchen. Weil diese Kombination ungewöhnlich ist, holten die Innsbrucker Mediziner Spezialisten der Universitätsmedizin Greifswald hinzu, die sich seit Jahren mit seltenen Immunreaktionen beschäftigen, bei denen Gerinnsel und ein Mangel an Blutplättchen gemeinsam auftreten.

Warum ein Adenovirus in seltenen Fällen eine Thrombose auslösen kann

Die Blutuntersuchungen lieferten einen wichtigen Hinweis: Im Körper des Jungen fanden sich Antikörper gegen den sogenannten Plättchenfaktor 4, kurz PF4. Dieses Eiweiß kommt in Blutplättchen vor und kann unter bestimmten Umständen zum Ziel einer fehlgeleiteten Immunreaktion werden. Dann werden Blutplättchen aktiviert, verklumpen und tragen zur Bildung von Gerinnseln bei. Weil dabei viele Blutplättchen verbraucht werden, sinkt ihre Zahl im Blut. Die Ärzte konnten den Jungen daraufhin gezielt behandeln. Er erholte sich vollständig und ist nach Angaben der Universitätsmedizin Greifswald heute beschwerdefrei.

Offen blieb zunächst, welcher Erreger die Immunreaktion ausgelöst hatte. In einem Abstrich fanden die Forscher schließlich das humane Adenovirus Typ 3, kurz HAdV-B3. Das Virus wurde in Innsbruck genetisch charakterisiert. „Gemeinsam konnten wir das für diese seltene Immunreaktion verantwortliche Adenovirus identifizieren und erstmals mit der Entstehung der Blutgerinnsel in Verbindung bringen“, sagt Linda Schönborn vom Institut für Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald, die an der Untersuchung beteiligt war.

Forscher ordnen Thrombose nach Adenovirus einem Virustyp zu

Adenoviren sind weit verbreitet und kommen in zahlreichen Varianten vor. Fast jeder Mensch infiziert sich im Laufe seines Lebens mindestens einmal damit. Häufig verursachen sie Erkältungssymptome, Entzündungen der Atemwege oder andere meist vorübergehende Beschwerden. Schon länger ist bekannt, dass natürliche Adenovirus-Infektionen in seltenen Fällen schwere Störungen der Blutgerinnung auslösen können. Bislang war jedoch kaum geklärt, welche Virustypen dafür infrage kommen. Der Fall des Zwölfjährigen liefert dafür erstmals eine konkrete Zuordnung zu HAdV-B3.

Die Erkrankung ähnelt einer Immunreaktion, die Fachleute als virusinduzierte Immunthrombozytopenie und Thrombose beschreiben. Dabei treten zwei zunächst widersprüchlich wirkende Probleme zusammen auf: Es entstehen Blutgerinnsel, obwohl die Zahl der Blutplättchen sinkt. Beides hat denselben Ursprung, weil die fehlgeleitete Immunreaktion die Blutplättchen aktiviert und dabei verbraucht. Zu den möglichen Folgen gehören:

  • tiefe Venenthrombosen, häufig in den Beinen,
  • Lungenembolien, wenn ein Gerinnsel ein Gefäß in der Lunge blockiert
  • und eine ausgeprägte Abnahme der Blutplättchen.

Erkenntnisse könnten auch Impfstoffe sicherer machen

Die Ergebnisse sind zudem für medizinische Anwendungen von Adenoviren interessant. Bestimmte Typen dienen als sogenannte Vektoren bei Impfstoffen und Gentherapien. Dabei werden die Viren so verändert, dass sie sich im Körper nicht vermehren können. Sie transportieren genetische Informationen in menschliche Zellen und helfen dem Immunsystem dadurch, bestimmte Merkmale eines Krankheitserregers kennenzulernen. Auch in Gentherapien können solche Vektoren Erbinformationen in Zellen einschleusen.

„Adenoviren interessieren uns besonders aus zwei Gründen: Sie verursachen weltweit häufig Infektionen und sind zugleich wichtige Werkzeuge moderner Impfstoffe und Gentherapien“, sagt Thomas Thiele, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin in Greifswald. Wenn einzelne Virusbestandteile besser zugeordnet werden können, ließe sich auch genauer untersuchen, welche Strukturen problematische Immunreaktionen fördern. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt dazu die Forschungsgruppe „AdBHealth“ mit rund 5,9 Millionen Euro. Mehrere deutsche Universitäten untersuchen dort Adenoviren, ihre Wechselwirkungen mit dem Immunsystem und ihre medizinische Nutzung.

Wichtig bleibt die Größenordnung des Befunds: Der Fall belegt keine häufige Gefahr durch Adenoviren. Schwere Thrombosen nach einem solchen Infekt gehören zu den seltenen Komplikationen. Der Zwölfjährige war wegen des ungewöhnlichen Zusammentreffens mehrerer Befunde medizinisch auffällig. Die neue Zuordnung hilft nun, ähnliche Verläufe besser einzuordnen und gezielter nach einer fehlgeleiteten Immunreaktion zu suchen.

Kurz zusammengefasst:

  • Adenoviren verursachen meist harmlose Infekte, können in sehr seltenen Fällen aber eine schwere Immunreaktion mit Blutgerinnseln und sinkenden Blutplättchen auslösen.
  • Bei einem zwölfjährigen Jungen brachten Forscher erstmals das humane Adenovirus Typ 3 mit einer solchen Thrombose-Reaktion in Zusammenhang.
  • Die Erkenntnisse könnten helfen, seltene Komplikationen besser zu erkennen und Adenovirus-Vektoren für Impfstoffe und Gentherapien genauer zu untersuchen.

Übrigens: Viele Atemwegsinfekte werden von Viren ausgelöst – und bei Halsschmerzen helfen teure Apothekenmittel oft kaum besser als einfache Hausmittel. Honig, Tee oder Salzwasser können Beschwerden häufig ebenso gut lindern. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Vecteezy

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