Wer raucht, wird häufiger einsam – große Studie liefert neue Hinweise

Rauchen und Einsamkeit hängen laut einer neuen Studie zusammen: Raucher fühlten sich häufiger einsam, und der Effekt nahm über zwei Jahre zu.

Raucher fühlten sich in einer großen Europa-Studie häufiger einsam als Nichtraucher. Innerhalb von zwei Jahren nahm der Unterschied weiter zu. © Pexels

Was als gesellig gilt, zeigt sich in einer großen Europa-Studie als mögliche soziale Belastung: Rauchen ging mit zunehmender Einsamkeit einher. © Pexels

Beim Rauchen kommt man schnell ins Gespräch. Vor dem Büro, vor der Kneipe oder in der Pause steht man zusammen, tauscht sich aus und verbringt ein paar Minuten miteinander. Umso überraschender ist der Befund einer großen europäischen Studie: Menschen, die rauchen, fühlen sich häufiger einsam als Nichtraucher. Innerhalb von zwei Jahren nahm ihre Einsamkeit zudem stärker zu. Untersucht wurden mehr als 50.000 Menschen aus 15 Ländern.

Die Studie stammt von einem Team um Dr. Keir Philip vom National Heart and Lung Institute des Imperial College London und wurde auf dem Kongress der European Respiratory Society in Barcelona vorgestellt. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 67 Jahre alt. Zu Beginn rauchten 22 Prozent, fast die Hälfte lebte mit mehr als zwei chronischen Erkrankungen. Bei der Auswertung berücksichtigten die Forscher unter anderem Alter, Geschlecht und die bereits vorhandene Einsamkeit.

Rauchen und Einsamkeit hängen offenbar enger zusammen

Wie einsam sich die Teilnehmer fühlten, wurde mit der UCLA-Einsamkeitsskala erfasst. Sie fragt unter anderem danach, wie häufig Menschen Gesellschaft vermissen, sich ausgeschlossen fühlen oder den Eindruck haben, von anderen isoliert zu sein. Zwei Jahre nach der ersten Befragung beantworteten die Teilnehmer dieselben Fragen erneut.

Dabei blieb der Unterschied zwischen Rauchern und Nichtrauchern bestehen. Menschen, die rauchten, waren zu Beginn einsamer und entwickelten im weiteren Verlauf stärkere Einsamkeitsgefühle. Auch nach der statistischen Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren änderte sich dieses Muster kaum. Zwischen den verschiedenen europäischen Regionen fanden die Forscher nur geringe Unterschiede. Der Zusammenhang trat damit nicht nur in einem einzelnen Land oder einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld auf.

Krankheiten könnten soziale Kontakte zunehmend erschweren

Eine mögliche Erklärung liegt in den gesundheitlichen Folgen des Rauchens. Erkrankungen der Lunge, des Herz-Kreislauf-Systems oder andere chronische Beschwerden können die Beweglichkeit einschränken. Wer schlechter zu Fuß ist oder schneller außer Atem gerät, nimmt möglicherweise seltener an Treffen, Freizeitaktivitäten oder anderen sozialen Unternehmungen teil.

„Rauchen steht bei älteren Menschen mit zunehmender Einsamkeit in Zusammenhang und könnte neben der körperlichen auch die psychosoziale Gesundheit beeinträchtigen“, sagt Philip. Die Untersuchung kann allerdings nicht klären, wie groß der Anteil solcher gesundheitlichen Einschränkungen an der Entwicklung der Einsamkeit tatsächlich ist.

Rauchfreie Räume könnten Kontakte zusätzlich verändern

Die Forscher halten auch gesellschaftliche Veränderungen für eine mögliche Erklärung. Rauchen ist aus vielen öffentlichen Räumen weitgehend verschwunden. Restaurants, Arbeitsplätze und öffentliche Gebäude sind meist rauchfrei, und auch in vielen privaten Wohnungen wird nicht mehr geraucht. Dadurch müssen Raucher häufiger ihre Gruppe verlassen oder bestimmte Orte meiden.

Philip hält es deshalb für möglich, dass Rauchverbote und rauchfreie Wohnungen manche sozialen Situationen weniger attraktiv für Raucher machen. Das könnte die Zahl gemeinsamer Aktivitäten verringern. Ausgerechnet eine Gewohnheit, die lange mit Geselligkeit verbunden war, könnte unter heutigen Bedingungen also öfter zu Trennung von der Gruppe führen.

Bei Rauchen und Einsamkeit bleibt die Ursache ungeklärt

Die Ergebnisse erlauben trotzdem keine einfache Aussage nach dem Muster „Rauchen macht einsam“. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie erfasst Zusammenhänge über längere Zeit, kann aber nicht beweisen, dass das Rauchen selbst die zunehmende Einsamkeit verursacht hat.

Hinzu kommt, dass die Beziehung auch in die andere Richtung verlaufen kann. Frühere Forschung deutet darauf hin, dass einsame Menschen eher zur Zigarette greifen können. Möglich ist deshalb ein gegenseitiger Einfluss: Einsamkeit kann das Rauchen begünstigen, während gesundheitliche Folgen und soziale Einschränkungen des Rauchens wiederum Einsamkeit fördern könnten.

Professor Des Cox vom University College Dublin war nicht an der Untersuchung beteiligt. Er warnt davor, Raucher wegen solcher Befunde zusätzlich auszugrenzen. „Es ist wichtig, Menschen beim Rauchstopp zu unterstützen, ohne sie zu stigmatisieren“, sagt Cox. Die Ergebnisse sprechen aus seiner Sicht dafür, beim Rauchstopp neben den körperlichen Folgen auch mögliche soziale Belastungen wie Einsamkeit stärker mitzudenken.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine europäische Studie mit mehr als 50.000 Teilnehmern fand bei Rauchern häufiger Einsamkeit und innerhalb von zwei Jahren einen stärkeren Anstieg als bei Nichtrauchern.
  • Als mögliche Gründe gelten rauchbedingte Erkrankungen, eingeschränkte Beweglichkeit und soziale Veränderungen durch rauchfreie öffentliche und private Räume.
  • Die Untersuchung beweist keine Ursache-Wirkungs-Beziehung; Einsamkeit kann auch das Rauchen begünstigen und beide Faktoren könnten sich gegenseitig verstärken.

Übrigens: Rauchen kann offenbar nicht nur soziale Folgen haben, sondern sich auch finanziell bemerkbar machen. Eine Studie bringt hohen Tabakkonsum mit geringerem Einkommen in Verbindung. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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