Wer länger ausatmet, entscheidet mutiger – Forscher finden den Grund im Gehirn
Längeres Ausatmen verändert Herz- und Gehirnaktivität – im Experiment führte das zu mehr Risikobereitschaft.
Wer bewusst länger ausatmet, verändert damit mehr als den Atemrhythmus: Im Experiment reagierte das Gehirn stärker auf mögliche Belohnungen. © Pexels
Ob Geldanlage, Jobwechsel oder eine Entscheidung unter Zeitdruck: Unser Urteil hängt offenbar stärker vom Körper ab, als wir denken. Schon eine lange Ausatmung kann Entscheidungen verschieben, weil sie die Herzaktivität verändert und das Gehirn stärker auf mögliche Belohnungen reagieren lässt. Im Experiment griffen Teilnehmer dadurch häufiger zu riskanteren Optionen – nicht, weil Verluste unwichtiger wurden, sondern weil mögliche Gewinne stärker zählten.
Untersucht hat diesen Zusammenhang ein Team des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke und der Charité – Universitätsmedizin Berlin, wie das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung (DZD) berichtet. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Neuron. „Unsere Entscheidungen werden selten nur durch äußere Informationen bestimmt“, erklärt Studienleiterin Soyoung Q Park vom DIfE. Auch der momentane körperliche Zustand fließe in unser Urteilsvermögen ein – und lasse sich offenbar schon über die Atmung gezielt beeinflussen.
Wie eine lange Ausatmung Entscheidungen verändert
Für das Experiment untersuchte das Team 41 gesunde Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von knapp 25 Jahren. Die Teilnehmer absolvierten zwei verschiedene Atembedingungen. Einmal atmeten sie in ihrem persönlichen normalen Rhythmus. In der zweiten Bedingung folgten sie einem festen Muster: zwei Sekunden einatmen und acht Sekunden ausatmen. Ein Balken auf einem Bildschirm gab dabei den Rhythmus vor.
Währenddessen mussten die Teilnehmer Geldwetten beurteilen. Bei jeder Entscheidung bestand eine Chance von 50 Prozent auf Gewinn oder Verlust. Mögliche Gewinne lagen zwischen 10 und 30 Euro, mögliche Verluste zwischen 5 und 15 Euro. Je Atembedingung traf jede Person 120 solcher Entscheidungen. Gleichzeitig zeichneten die Forscher unter anderem Herzaktivität, Atmung, Pupillenreaktionen und Hautleitfähigkeit auf. Mit funktioneller Magnetresonanztomographie beobachteten sie zudem die Aktivität im Gehirn.
Längeres Ausatmen stärkt die Herzregulation
Die veränderte Atmung hinterließ deutliche körperliche Spuren. Bei der längeren Ausatmung stieg die parasympathische Herzaktivität. Dazu erfasste das Team unter anderem Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität. Dieser Wert beschreibt, wie stark die Zeitabstände zwischen einzelnen Herzschlägen schwanken. Eine höhere Variabilität kann auf eine stärkere Beteiligung des Parasympathikus hinweisen.
Andere Messwerte veränderten sich dagegen nicht entsprechend. Weder bei der Hautleitfähigkeit noch bei der Pupillengröße fanden die Forscher einen signifikanten Unterschied zwischen den Atembedingungen. Die Atemübung versetzte den Körper demnach nicht einfach insgesamt in einen weniger erregten Zustand. „Das Zusammenspiel von Atmung und Herzdynamik macht das Gehirn auch empfänglicher für Belohnungen“, sagt Erstautor Wenhao Huang.
Mögliche Gewinne wirken plötzlich stärker
Besonders deutlich wurde der Unterschied bei den Entscheidungen selbst. Unter der verlängerten Ausatmung nahmen die Teilnehmer riskante Wetten häufiger an. Statistisch hing dieser Effekt vor allem mit den möglichen Gewinnen zusammen: Je höher die Belohnung ausfiel, desto stärker beeinflusste sie unter der Atemtechnik die Entscheidung. Bei möglichen Verlusten fanden die Forscher dagegen keinen vergleichbaren signifikanten Effekt.
Das bedeutet auch: Die Teilnehmer wurden nicht einfach unvorsichtiger und blendeten Gefahren aus. Die Originalstudie beschreibt den Effekt vielmehr als stärkere Gewichtung von Belohnungsinformationen. Eine allgemein höhere Risikotoleranz ließ sich daraus nicht ableiten. Ebenso wenig belegt das Experiment, dass die Teilnehmer dadurch objektiv bessere Entscheidungen trafen.
Zwei Hirnareale reagieren stärker auf Belohnungen
Auch im Gehirn fanden die Forscher passende Veränderungen. Bei Personen, deren parasympathische Herzaktivität durch die Atemtechnik besonders stark zunahm, reagierten zwei Regionen ausgeprägter auf mögliche Belohnungen: der ventromediale präfrontale Kortex und der Precuneus. Der ventromediale präfrontale Kortex beteiligt sich unter anderem daran, welchen subjektiven Wert Menschen verschiedenen Optionen geben. Der Precuneus wird mit der Verarbeitung körperlicher Signale und selbstbezogenen Bewertungen in Verbindung gebracht.
Damit ergibt sich eine mögliche Kette vom Atem bis zur Entscheidung. Die verlängerte Ausatmung verändert zunächst die parasympathische Regulation des Herzens. Diese Veränderung geht wiederum mit einer stärkeren Verarbeitung möglicher Belohnungen in bestimmten Hirnregionen einher. Am Ende steigt die Wahrscheinlichkeit, eine riskante Wette anzunehmen. Park beschreibt Atemtechniken deshalb als Möglichkeit, körperliche Zustände bewusst zu beeinflussen: „Wir liefern mit der Studie den wissenschaftlichen Beweis, dass es sich um eine verlässliche und gezielte Methode handelt, die unsere Entscheidungen steuern kann.“
Forscher prüfen den Effekt zunächst im Labor
Die Ergebnisse gelten allerdings zunächst für eine eng begrenzte Versuchssituation. Die Stichprobe war klein und bestand aus jungen, gesunden Erwachsenen. Zudem verwendeten die Forscher bewusst Geldwetten mit unterschiedlich hohen Gewinn- und Verlustbeträgen. Die Autoren bezeichnen ihre Untersuchung deshalb als einen ersten Machbarkeitsnachweis. Weitere Experimente müssen klären, ob der Effekt auch bei anders aufgebauten Entscheidungen auftritt.
Noch offen ist außerdem, wie sich eine verlängerte Ausatmung im Alltag auswirkt. Die Forscher nennen mögliche Anwendungen bei Stress, Angststörungen oder Depressionen. Auch Ernährungsentscheidungen wollen sie künftig untersuchen. Park zufolge könnten Atemübungen dabei helfen, „das Essverhalten bewusster wahrzunehmen und effektiver zu steuern“. Ob sich solche Effekte tatsächlich außerhalb kontrollierter Labore zeigen, müssen weitere Untersuchungen klären.
Kurz zusammengefasst:
- Eine verlängerte Ausatmung stärkte in der Studie die parasympathische Herzaktivität und veränderte damit die Verarbeitung von Entscheidungen.
- Die Teilnehmer reagierten stärker auf mögliche Belohnungen und nahmen deshalb häufiger riskante Optionen an; die Bewertung möglicher Verluste blieb weitgehend unverändert.
- Die Ergebnisse stammen aus einem kontrollierten Experiment mit 41 gesunden Erwachsenen und gelten zunächst als Machbarkeitsnachweis, nicht als Beleg für bessere Entscheidungen im Alltag.
Übrigens: Nicht nur die Atmung kann beeinflussen, wie stark das Gehirn auf Belohnungen reagiert – auch bei mentaler Erschöpfung entscheiden mögliche Gewinne mit darüber, ob wir weitermachen. Warum Belohnungen das Gehirn trotz Müdigkeit auf Kurs halten, mehr dazu in unserem Artikel.
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