Sie können nicht zuhören und sind ständig mit den Gedanken woanders? Was ADHS mit Kreativität zu tun hat

Bei ADHS schweift die Aufmerksamkeit leichter ab. Das könnte zugleich kreative Ideen und ungewöhnliche Verbindungen fördern.

ADHS kann den Fokus erschweren – und zugleich kreative Verbindungen begünstigen. © Pexels

ADHS kann den Fokus erschweren – und zugleich kreative Verbindungen begünstigen. © Pexels

Selbst in einem Vorstellungsgespräch können die Gedanken plötzlich abschweifen. Statt beim Gegenüber zu bleiben, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Uhr an der Wand, ein Geräusch auf dem Flur oder ein Detail auf dem Schreibtisch. Für Menschen mit ADHS können solche Momente zum Problem werden. Doch ausgerechnet diese breiter gestreute Aufmerksamkeit könnte auch eine Stärke haben: Sie lässt mehr Eindrücke und Gedanken gleichzeitig zu und kann dadurch ungewöhnliche Verbindungen begünstigen. Forscher vermuten deshalb einen Zusammenhang zwischen ADHS und Kreativität.

Die Erklärung dafür liefert eine Arbeit von Neurowissenschaftlern der Constructor University Bremen und französischer Forschungseinrichtungen im Fachjournal iScience. Die Forscher beschreiben darin unter anderem die sogenannte „defokussierte Aufmerksamkeit“. Gemeint ist eine weniger eng gebündelte Form der Aufmerksamkeit, bei der mehr Gedanken und Eindrücke gleichzeitig verarbeitet werden können. Das kann die Bildung ungewöhnlicher Assoziationen erleichtern.

Warum ADHS und Kreativität zusammenhängen könnten

Kreative Ideen entstehen häufig nicht aus völlig neuen Informationen. Das Gehirn greift auf vorhandenes Wissen, Erinnerungen und Eindrücke zurück und kombiniert sie anders. Je mehr unterschiedliche Inhalte dabei verfügbar sind, desto mehr Kombinationen sind grundsätzlich möglich.

Eine sehr enge Aufmerksamkeit hilft dagegen beim zielgerichteten Arbeiten. Störende Informationen werden ausgeblendet, wichtige bleiben übrig. Bei einer breiteren Aufmerksamkeit gelangen auch weiter entfernte Assoziationen ins Denken. Aus einer Erinnerung kann so eine andere Idee entstehen, diese führt zur nächsten. Solche gedanklichen Sprünge können beim kreativen Denken hilfreich sein.

Ablenkbarkeit lässt Gedanken weiter wandern

Die Autoren greifen dafür auch ältere Modelle der Kreativitätsforschung auf. Frei assoziierendes Denken tritt demnach häufig in Situationen auf, in denen Menschen träumen, gedanklich abschweifen oder leichter abgelenkt sind. Eine weniger strenge Kontrolle der Aufmerksamkeit kann dadurch den Zugang zu ungewöhnlicheren Assoziationen erleichtern.

Dr. Radwa Khalil von der Constructor University beschreibt Aufmerksamkeit mit dem Bild eines Scheinwerfers: „Die meisten Menschen können ihren Strahl auf eine einzige Sache bündeln. Gehirne mit ADHS haben einen breiteren Lichtkegel und nehmen mehr Informationen auf einmal wahr.“ Das könne Routineaufgaben erschweren. Gleichzeitig fördere dieser breitere Blick „exploratives Denken und neue Ideenkombinationen, die die Kreativität befeuern“.

Kreativität braucht trotzdem Konzentration

Ein breiter Lichtkegel allein macht allerdings noch keinen kreativen Menschen. Auch Konzentration und Kontrolle gehören zum kreativen Prozess. Eine ungewöhnliche Idee muss schließlich weiterentwickelt, bewertet oder verworfen werden. Dafür muss das Gehirn zwischen unterschiedlichen Formen der Aufmerksamkeit wechseln können.

Die Wissenschaftler beschreiben deshalb ein Zusammenspiel mehrerer Hirnnetzwerke. Dazu gehören das Default Mode Network, das unter anderem bei selbst erzeugten Gedanken aktiv ist, sowie Netzwerke für Kontrolle und Aufmerksamkeit. Kreativität könnte besonders davon profitieren, flexibel zwischen spontanen Gedanken und gezielter Konzentration zu wechseln.

Frühere ADHS-Studien liefern ein gemischtes Bild

Ob Menschen mit ADHS tatsächlich kreativer sind, lässt sich bislang nicht allgemein beantworten. Die zusammengetragenen Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Eine ältere Studie fand bei Kindern mit ADHS eine höhere bildlich-figurale Kreativität als bei vergleichbaren Kindern ohne ADHS.

Zwei spätere Untersuchungen fanden dagegen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen ADHS und kreativem Denken. Andere Arbeiten kamen wiederum zu einem Zusammenhang. Weitere Untersuchungen berichteten bei Menschen mit ADHS von mehr kreativen Leistungen oder mehr selbst eingeschätztem kreativem Verhalten. Eine pauschale Aussage, Menschen mit ADHS seien grundsätzlich kreativer, lässt sich daraus nicht ableiten.

Kreative Aktivitäten könnten Aufmerksamkeit trainieren

Khalil und ihre Kollegen interessieren sich deshalb auch für Kunst, Musik, Tanz, Schreiben oder andere kreative Tätigkeiten. Solche Aktivitäten könnten Menschen mit ADHS einen Rahmen geben, in dem eine flexible Aufmerksamkeit eher von Vorteil ist. Gleichzeitig verlangen viele dieser Tätigkeiten längere Phasen der Konzentration.

„Authentischer kreativer Ausdruck ist so viel mehr als eine angenehme Ablenkung“, sagt Khalil. Er beanspruche auch neuronale Schaltkreise, die an der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt seien. Beim Malen oder Musizieren könne ein Kind mit ADHS beispielsweise vollständig in einer Tätigkeit aufgehen und dadurch Konzentration üben.

Kreativtherapie bei ADHS ist noch nicht belegt

Von einer neuen Therapie kann dennoch keine Rede sein. Die wissenschaftliche Grundlage für solche Ansätze reicht bislang nicht aus. Viele Untersuchungen zur Kreativität arbeiten mit kleinen oder wenig vielfältigen Gruppen. Häufig stammen die Teilnehmer aus ähnlichen Altersgruppen oder aus studentischen Stichproben.

Auch Verbesserungen durch Kunst oder Musik müssen nicht allein auf kreatives Denken zurückgehen. Motivation, soziale Kontakte und eine unterstützende Umgebung können ebenfalls eine Rolle spielen. Die Autoren fordern deshalb größere und langfristige Untersuchungen.

Besonders interessant ist dabei der sogenannte Flow. Menschen können beim Schreiben, Musizieren oder Malen so stark in einer Aufgabe aufgehen, dass sie Zeit und Umgebung kaum noch wahrnehmen. Dabei treffen hohe Konzentration und scheinbar müheloses Denken aufeinander. Wie solche Zustände die Aufmerksamkeit bei ADHS langfristig verändern, ist bislang offen.

Khalil plädiert deshalb für einen anderen Blick auf typische Aufmerksamkeitsmuster. „Neurodivergente Aufmerksamkeitsmuster sind daher nicht bloß Probleme“, sagt die Neurowissenschaftlerin. „Sie können Wege zu kraftvollem kreativem Denken ebnen, wenn sie entsprechend gelenkt werden.“

Kurz zusammengefasst:

  • Bei ADHS schweift die Aufmerksamkeit leichter ab; diese breitere Wahrnehmung kann zugleich ungewöhnliche Gedankenverbindungen begünstigen.
  • Studien zu ADHS und Kreativität liefern gemischte Ergebnisse: Einige finden Vorteile, andere keinen eindeutigen Zusammenhang.
  • Kreative Aktivitäten wie Musik, Kunst oder Schreiben könnten die Aufmerksamkeitssteuerung unterstützen, sind aber noch keine gesicherte ADHS-Therapie.

Übrigens: Warum Menschen mit ADHS so leicht den Faden verlieren, könnte auch mit kurzen schlafähnlichen Phasen im wachen Gehirn zusammenhängen. Sie treten bei Betroffenen häufiger auf und können Konzentration und Reaktionsfähigkeit stören – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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