Einsamkeit und Alkohol gehen oft Hand in Hand – Studie liefert neue Erklärung
Soziale Isolation verändert bei Mäusen einen Hirnschaltkreis und steigert bei Männchen den Alkoholkonsum.
Einsamkeit kann das Verhältnis zu Alkohol verändern: Soziale Isolation beeinflusst im Gehirn offenbar jene Prozesse, die Belohnung und Trinkverhalten steuern. © Unsplash
Einsamkeit verändert mehr als unsere Stimmung. Bei Mäusen führte soziale Isolation dazu, dass Alkohol im Gehirn anders verarbeitet wurde – und männliche Tiere zunehmend mehr tranken.
Forscher der Northwestern University und des Salk Institute for Biological Studies fanden in ihrer Studie dafür einen konkreten Hirnschaltkreis. Er verbindet die basolaterale Amygdala mit dem medialen präfrontalen Cortex – zwei Regionen, die unter anderem Stress, Gefühle, Belohnung und Entscheidungen verarbeiten.
Im Versuch reagierten männliche und weibliche Tiere allerdings völlig unterschiedlich. Sozial isolierte Männchen tranken im Lauf mehrerer Tage zunehmend mehr Alkohol, während Weibchen ihren Konsum reduzierten. Zugleich veränderte sich die Aktivität des untersuchten Hirnschaltkreises bei beiden Geschlechtern in entgegengesetzte Richtungen. Die Ergebnisse stammen jedoch aus Tierversuchen und lassen sich daher nicht unmittelbar auf Menschen übertragen.
Wie Einsamkeit und Alkohol im Gehirn zusammenhängen
Für den grundlegenden Trinkversuch untersuchten die Wissenschaftler 14 männliche und elf weibliche Mäuse. Zunächst lebten die Tiere in Gruppen, anschließend wurden einige von ihnen einzeln gehalten. Jeden Tag konnten sie für eine Stunde zwischen Wasser und einer 15-prozentigen Alkohollösung wählen. Über elf Tage verfolgte das Team, wie sich ihr Trinkverhalten veränderte.
Bei den Männchen nahm der Alkoholkonsum während der Isolation schrittweise zu. Nach ungefähr einer Woche erreichte er seinen höchsten Wert und blieb anschließend erhöht. Weibliche Mäuse reagierten entgegengesetzt und tranken weniger Alkohol. Der Wasserkonsum änderte sich durch die Isolation nicht. Damit lässt sich ausschließen, dass die Tiere wegen der Einzelhaltung lediglich allgemein mehr Flüssigkeit aufnahmen.
Ein Hirnschaltkreis verändert das Trinkverhalten
Auffällig war eine Verbindung zwischen der basolateralen Amygdala und dem medialen präfrontalen Cortex, kurz BLA-mPFC. Nach 14 Tagen Isolation waren die entsprechenden Nervenzellen bei männlichen Mäusen stärker erregbar. Bei Weibchen sank ihre Erregbarkeit dagegen. Die Veränderungen liefen damit in dieselbe Richtung wie der jeweilige Alkoholkonsum.
Die Forscher prüften anschließend, ob diese Hirnaktivität das Trinken tatsächlich beeinflusst. Mithilfe von Optogenetik aktivierten sie den Signalweg bei männlichen Mäusen gezielt mit Lichtimpulsen. Daraufhin nahm der Alkoholkonsum zu. Wasser oder Saccharose konsumierten die Tiere hingegen nicht stärker. Wurde derselbe Signalweg bei sozial isolierten Männchen gehemmt, sank die Zahl der Alkohol-Trinkepisoden.
Einsamkeit und Alkohol verschieben offenbar die Belohnung
Auch im präfrontalen Cortex veränderte Isolation die Reaktion auf verschiedene Reize. Nach 14 Tagen reagierten Nervenzellen männlicher Mäuse stärker auf Alkohol, während ihre Reaktion auf Saccharose schwächer wurde. Bei Wasser fanden die Forscher keinen vergleichbaren Unterschied. Die Verarbeitung verschiedener Belohnungen könnte sich durch Isolation also verschieben: Alkohol erhält im Nervensystem mehr Gewicht, während eine natürliche Belohnung an Bedeutung verliert.
Die Aktivität des BLA-mPFC-Signalwegs hing eng mit dem Trinkverhalten zusammen. Je stärker diese Nervenzellen auf Alkohol reagierten, desto häufiger tranken die männlichen Mäuse. In einem Teilversuch erklärte die gemessene Hirnaktivität statistisch rund 59 Prozent der Unterschiede bei der Zahl der Trinkepisoden. Für Wasser fand sich kein vergleichbarer Zusammenhang.
Auch sozialer Rang wirkt überraschend auf den Konsum
Nicht allein die Isolation beeinflusste das Trinkverhalten. Untergeordnete Mäuse konsumierten bei beiden Geschlechtern mehr Alkohol als dominante Tiere. Bei rangniedrigeren Männchen war außerdem die Grundaktivität des untersuchten Hirnschaltkreises höher. Der soziale Rang wirkte sich auf Alkohol aus, nicht jedoch auf den Wasserkonsum. Frühere soziale Erfahrungen könnten daher beeinflussen, wie stark ein Tier auf Alkohol reagiert.
Bei der Übertragung auf Menschen bleiben mehrere Fragen offen. Die Experimente untersuchten soziale Isolation bei Mäusen und nicht das subjektive Gefühl von Einsamkeit. Außerdem konzentrierten sich die weiterführenden Versuche vor allem auf männliche Tiere, weil nur sie ihren Alkoholkonsum unter Isolation steigerten. Warum Weibchen entgegengesetzt reagieren, ist bislang ungeklärt. Als mögliche Ursachen diskutieren die Forscher hormonelle Unterschiede und geschlechtsspezifische Eigenschaften der beteiligten Hirnschaltkreise.
Kurz zusammengefasst:
- Soziale Isolation erhöhte bei männlichen Mäusen den Alkoholkonsum, während weibliche Tiere weniger Alkohol tranken.
- Ein Signalweg zwischen Amygdala und präfrontalem Cortex beeinflusste das Trinkverhalten – seine Aktivierung steigerte, seine Hemmung verringerte den Alkoholkonsum.
- Die Ergebnisse stammen aus Tierversuchen und liefern einen möglichen biologischen Mechanismus für den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Alkohol, erlauben aber noch keine direkten Aussagen über Menschen.
Übrigens: Allein zu trinken wird unter jungen Erwachsenen häufiger – besonders bei Frauen hat der Anteil in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Fachleute sehen darin ein Warnsignal, weil Alkohol dabei oft zur Bewältigung negativer Gefühle genutzt wird. Mehr dazu in unserem Artikel.
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