Europas Hitzewelle bringt Kälte bis weit nach Südgrönland – mit Folgen fürs Eis
Die Wetterlage hinter Europas Hitzewelle lenkt kalte Luft nach Grönland und bremst dort vorübergehend die Eisschmelze.
Eine Hütte in Sermilik an der zerklüfteten Ostküste Grönlands, unweit von Fjorden, Gletschern und arktischer Tundra. © Wikimedia
Während sich die Hitze Ende Juni über Europa festsetzte, strömte kalte Luft ungewöhnlich weit nach Südgrönland. Für den grönländischen Eispanzer hatte die Wetterlage einen günstigen Nebeneffekt: An seiner Oberfläche schmolz vorübergehend weniger Eis.
Beobachtet wird die Entwicklung auch an der österreichischen Sermilik-Forschungsstation in Ostgrönland. Dort arbeiten Forscher der Universität Graz. „Durch die Wetterlage während der Hitzewelle in Europa ist kältere Luft besonders weit in Grönlands Süden gelangt“, sagte der Gletscherforscher Wolfgang Schöner dem ORF.
Wie die Hitzewelle Europa und Grönland gegensätzlich trifft
Die Hitze über Europa erzeugte die Kälte in Grönland nicht direkt. Beide entstanden aus einer großräumigen Luftströmung über dem Nordatlantik. Entscheidend war der Jetstream, ein starkes Windband in mehreren Kilometern Höhe.
Der Jetstream verläuft nicht geradlinig. Er bildet große Bögen, die warme Luft weit nach Norden und kalte Luft weit nach Süden führen können. Wölbt sich die Strömung über Europa nach Norden, kann sich dort ein kräftiger Hochdruckrücken halten. Absinkende Luft erwärmt sich, Wolken lösen sich auf und die Sonne heizt den Boden weiter auf.
Der Jetstream hält Europas Hitze hartnäckig fest
Eine 2022 im Fachjournal Nature Communications veröffentlichte Studie verbindet die schnelle Zunahme westeuropäischer Hitzewellen mit langlebigen doppelten Jetstream-Lagen. Sie erklärten in Teilen Westeuropas bis zu 35 Prozent der Temperaturschwankungen während Hitzeperioden.
Das konkrete Ereignis im Juni 2026 war nicht Gegenstand der Untersuchung. Der beschriebene Mechanismus passt jedoch zur Wetterlage: Westlich eines Hochdruckrückens kann sich der Jetstream nach Süden wölben und arktische Kaltluft bis nach Grönland führen.
Kalte Luft erreicht Grönlands Süden ungewöhnlich weit
Europa liegt dann unter heißer Luft, während Grönland kühlere Luftmassen erreichen. Laut Schöner fiel dieser Effekt Ende Juni besonders kräftig aus, weil die europäische Hitzewelle lange anhielt.
An der Sermilik-Station lagen die Temperaturen bei moderaten zehn Grad. Mehr als 20 Studierende eröffneten dort gemeinsam mit Forschern die Sommersaison. Sie ließen Drohnen aufsteigen, vermaßen Seen und installierten Messgeräte. Wetterstationen erfassen fast ganzjährig, wie sich Luft, Eis und Wasser in der Umgebung verändern.
Die kühlere Luft bremst die Eisschmelze
Niedrigere Temperaturen verringern die Wärme, die an der Eisoberfläche ankommt. „Derzeit ist die Eisbilanz gut. Durch die kühlere Luft ist weniger geschmolzen“, sagte Schöner dem ORF.
Ob die Bilanz am Ende des Sommers ebenfalls günstig ausfällt, bleibt offen. Wärmere Wochen könnten den aktuellen Vorteil wieder aufzehren. Auch Wolken, Niederschlag und Sonneneinstrahlung beeinflussen, wie viel Schnee und Eis verloren geht.
Die kurze Abkühlung stoppt den Klimatrend nicht
Kühle Luft über Grönland widerspricht der Klimaerwärmung nicht. Wetterlagen bestimmen die Bedingungen über Tage oder Wochen. Der langfristige Temperaturanstieg verändert dagegen über Jahrzehnte die Ausgangslage für den Eispanzer.
Ähnliche Gegensätze gab es bereits früher. Im warmen grönländischen Sommer 2012 lenkte die damalige Wetterlage laut Schöner mehr kalte Luft nach Mitteleuropa. Der Effekt tritt jedoch nicht bei jeder Hitzewelle auf. Nach Einschätzung des Forschers beschränkt er sich vor allem auf den Sommer, wenn sich warme und kalte Luftmassen leichter vermischen.
Kurz zusammengefasst:
- Die europäische Hitzewelle und die Kälte in Südgrönland entstanden durch dieselbe großräumige Jetstream-Lage über dem Nordatlantik.
- Die kühlere Luft bremste vorübergehend die Schmelze des grönländischen Inlandeises, wie Messungen an der Sermilik-Forschungsstation zeigen.
- Dieser kurzfristige Effekt ändert nichts am langfristigen Klimatrend, denn die weitere Eisbilanz hängt vom gesamten Sommerverlauf ab.
Übrigens: Während kühle Luft die Eisschmelze in Südgrönland vorübergehend bremst, begünstigen Trockenheit und Wärme zugleich frühe Brände in den eisfreien Tundragebieten. Warum die Feuergefahr in der Arktis steigt, lesen Sie in unserem Artikel.
Bild: © Clemens Stockner via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
