Nicht nur Arthrose: Veränderter Gang kann auf Demenz-Symptome bei Hunden hindeuten

Ein alter Hund läuft anders: Was zunächst nach einer Binsenweisheit klingt, kann ein wichtiger Hinweis auf kognitiven Abbau sein.

Bulldogge läuft

Wenn ein alter Hund plötzlich anders läuft, kann das viele Ursachen haben. Laut einer aktuellen Studie können kürzere Vorderbeinschritte aber auch ein möglicher Hinweis auf kognitiven Abbau sein. © Pexels

Ein alter Hund läuft meist langsamer. Doch manchmal verändert sich der Gang auf eine Weise, die genaueres Hinsehen verdient. Die Vorderbeine setzen kürzer auf, der Schritt wirkt weniger flüssig, der Rhythmus ist aus dem Takt. Solche frühen Hinweise auf eine beginnende Hunde-Demenz können leicht untergehen, weil viele Halter zunächst an Arthrose, steife Gelenke oder ganz einfach an Altersmüdigkeit denken.

Im Fachjournal Frontiers in Veterinary Science erläutert ein Team um die Tierneurologin Natasha J. Olby von der North Carolina State University nun einen auffälligen Zusammenhang. Bei älteren Hunden hing eine kürzere Schrittlänge der Vorderbeine mit kognitivem Abbau zusammen. Olby sagt dazu: „Die Länge des Vorderbeinschritts nimmt bei Hunden mit dem Alter ab. Noch wichtiger ist aber: Sie nimmt bei kognitiver Beeinträchtigung ab.“

Wie Besitzer frühe Hinweise auf Hunde-Demenz beschreiben

Die Forscher werteten für die Studie Daten von 88 älteren Hunden aus. Im Schnitt waren die Tiere zu Beginn 12,7 Jahre alt. Es handelte sich um Mischlinge und Rassehunde verschiedener Größe. Alle Tiere waren Teil einer Langzeituntersuchung zur Alterung des Hundegehirns.

Etwa alle sechs Monate kamen die Hunde für drei Tage ins Labor. Dort prüfte das Team die Hunde auf Bewegung, Kraft, eventuelle Schmerzen, Seh- und Hörvermögen sowie auf kognitive Leistung. Die Besitzer füllten Fragebögen aus. Einer dieser Fragebögen bezog sich auf die sogenannte Canine Dementia Scale, kurz CADES. Mithilfe dieser Skala lassen sich aus den Angaben des Besitzers typische Anzeichen von Hundedemenz herauslesen und einordnen. Dazu zählen:

  • räumliche Orientierung, also etwa Verwirrung oder Probleme, bekannte Orte zu finden
  • soziales Verhalten, etwa veränderte Reaktionen auf Menschen oder andere Tiere
  • Schlaf-Wach-Rhythmus, etwa Unruhe in der Nacht
  • Unsauberkeit, also plötzliches Urinieren oder Koten im Haus

Anhand der Einordnung der Symptome in CADES erkennt man, wie weit fortgeschritten eine mögliche Demenz beim Tier bereits ist.

Ein einfacher Test als Grundlage

Der Gangtest war einfach aufgebaut. Jeder Hund lief an lockerer Leine über eine fünf Meter lange Strecke. Die Tiere bestimmten ihr Tempo selbst. Es gab keine Leckerli, keine Kommandos und keine aufmunternden Rufe. Eine Kamera filmte die Bewegung.

Anschließend zählten geschulte Beobachter die Schritte jedes Beins. Aus Strecke und Schrittzahl berechneten sie die Schrittlänge. Weil ein kleiner Hund naturgemäß kürzere Schritte macht als ein großer, passte das Team die Werte an die Körpergröße an. So ließen sich sehr unterschiedliche Hunderassen besser vergleichen.

Je kürzer die Schritte, desto höher die Demenz-Werte

Der wichtigste Befund betraf die Vorderbeine. Ihre körpergrößenangepasste Schrittlänge nahm im Alter ab. Noch enger hing sie aber mit den Demenz-Werten aus dem Besitzerfragebogen zusammen. Je stärker die kognitive Beeinträchtigung ausfiel, desto kürzer waren die Vorderbeinschritte.

Ein Anstieg um zehn Punkte auf der Demenz-Skala entsprach im Modell einer rund 1,2 Prozent kürzeren Schrittlänge der Vorderbeine. Das klingt zunächst nach einer sehr kleinen Veränderung. Als einzelner Wert eignet sich diese Messung deshalb nicht für eine Diagnose. Über längere Zeit kann sie aber helfen, Veränderungen sichtbar zu machen. Die Hinterbeine lieferten kein vergleichbares Muster.

Der Gang ist auch beim Menschen ein Symptom

Der Befund passt zu Beobachtungen aus der Humanmedizin. Bei Menschen mit kognitivem Abbau verändert sich der Gang oft schon früh, lange bevor sich andere Symptome einer Demenz bemerkbar machen. Die Schritte werden kürzer, langsamer oder ungleichmäßiger. Solche Veränderungen haben mit beeinträchtigten Hirnregionen zu tun, die Bewegung planen und anpassen.

Bei Hunden verraten die Vorderbeine besonders viel über diese Steuerung. Olby erklärt: „Bei Hunden sind die Hinterbeine wichtig für den Vortrieb, während die Vorderbeine auch die Richtung ändern und das Bremsen einleiten.“ Deshalb reagieren sie offenbar empfindlicher auf Probleme in der höheren Bewegungssteuerung.

Schmerzen: Ein wichtiger Gegencheck

Dass der Hund kürzere Schritte macht, bedeutet aber nicht automatisch das Entwickeln einer Hunde-Demenz. Denn Schmerz kann bei einer Veränderung der Bewegungsabläufe auch eine Ursache sein. Hunde mit höheren Werten im Schmerzfragebogen machten kürzere Schritte. Arthrose, Nackenprobleme, Rückenbeschwerden oder orthopädische Erkrankungen können den Gang stark verändern.

Der Zusammenhang von kürzeren Schritten und kognitiver Beeinträchtigung blieb aber in der Studie bestehen, nachdem Alter und Schmerz berücksichtigt wurden. Ein alter Hund läuft also nicht immer nur wegen seiner Gelenke anders, auch das Gehirn kann eine Ursache für einen veränderten Gang sein.

Wann Halter zum Tierarzt gehen sollten

Vor allem mehrere Veränderungen zusammen sollten Hundehalter aufmerksam machen: Der Hund setzt vorne kürzer auf, wirkt unsicher, schläft unruhiger oder findet sich schlechter zurecht. Manche Tiere bleiben einfach in Ecken stehen. Andere reagieren anders auf vertraute Menschen oder verlieren gewohnte Abläufe im Alltag.

Olby empfiehlt bei Verhaltensauffälligkeiten immer eine tierärztliche Abklärung. Es gebe mögliche andere Ursachen, etwa arthritische Schmerzen oder Nackenprobleme. Solche Beschwerden lassen sich in vielen Fällen behandeln und haben nicht immer eine Hunde-Demenz als Ursache.

Für Demenz bei Hunden gibt es bisher, wie beim Menschen, keine Heilung. Trotzdem kann eine Diagnose den Alltag verbessern. „Wenn kognitiver Abbau diagnostiziert wird, gibt es mehrere Lebensstilmaßnahmen“, so Olby. Dazu gehören feste Gewohnheiten, angepasste Bewegungsroutinen, eine ruhige Umgebung und geistige Beschäftigung. All das kann alten Hunden helfen. Auch Schmerzen sollten konsequent behandelt werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Bei älteren Hunden können kürzere Schritte mit den Vorderbeinen ein möglicher Hinweis auf kognitiven Abbau sein, besonders wenn sie zusätzlich mit Orientierungslosigkeit, nächtlicher Unruhe oder verändertem Verhalten einhergehen.
  • Eine Studie untersuchte 88 ältere Hunde und fand: Der Zusammenhang zwischen kürzeren Vorderbeinschritten und schlechteren Werten auf der Canine Dementia Scale blieb auch nach Berücksichtigung von Alter und Schmerzen bestehen.
  • Kürzere Schritte bedeuten nicht automatisch Hunde-Demenz, sollten aber tierärztlich abgeklärt werden, weil auch Arthrose, Nackenprobleme oder andere behandelbare Ursachen dahinterstecken können.

Übrigens: Hinweise auf Demenz können beim Menschen bereits in jungen Jahren auftauchen. Eine Leipziger Studie verbindet schon bei jungen Erwachsenen Lebensstil, Psyche und soziale Lage mit messbaren Unterschieden im Gehirn. Besonders Rauchen, Bewegungsmangel und depressive Symptome fallen dabei früh ins Gewicht. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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