Neue Studie warnt: AMOC-Kollaps könnte Nordsee um einen halben Meter anheben

Eine neue Studie zeigt, wie stark ein AMOC-Stillstand den Meeresspiegel an der Nordsee zusätzlich anheben könnte.

Eine schwächere AMOC könnte den Meeresspiegel an der Nordsee stärker anheben. Laut Studie wäre zeitweise ein zusätzlicher Anstieg von bis zu 4 Millimetern pro Jahr möglich. © European Union, Copernicus Marine Environment Monitoring Service (contains modified Copernicus Sentinel data 2021) via Wikimedia

Eine schwächere AMOC könnte den Meeresspiegel an der Nordsee stärker steigen lassen. Laut Studie wäre zeitweise ein zusätzlicher Anstieg von bis zu 4 Millimetern pro Jahr möglich. © European Union, Copernicus Marine Environment Monitoring Service (contains modified Copernicus Sentinel data 2021) via Wikimedia

Die Nordsee steigt schon heute, doch eine schwächelnde AMOC könnte das Tempo an Europas Küsten spürbar erhöhen. Die große Atlantikströmung transportiert warmes Wasser nach Norden und führt kälteres Wasser in der Tiefe zurück. Gerät dieses System aus dem Takt, verändert sich nicht nur das Klima. Auch der Meeresspiegel kann sich regional verschieben. Für die Niederlande, Norddeutschland und viele Küstenorte wäre das mehr als eine abstrakte Zahl aus Klimamodellen.

Eine neue Studie des niederländischen Wetterdienstes KNMI und der Universität Utrecht beziffert nun, wie stark die Nordsee reagieren könnte. Demnach würde ein weitgehender Stillstand der AMOC den Meeresspiegel an der niederländischen Küste zeitweise um bis zu 4 Millimeter pro Jahr stärker steigen lassen. Das entspricht ungefähr dem heutigen gesamten Anstieg dort. Über längere Zeit könnte die Nordsee dadurch um etwa einen halben Meter höher stehen.

AMOC könnte den Meeresspiegel spürbar antreiben

Die Atlantikströmung arbeitet wie ein riesiges Förderband. Warmes, salzhaltiges Wasser fließt nach Norden. Dort kühlt es ab, sinkt in die Tiefe und strömt wieder südwärts. Dieses System verteilt Wärme im Atlantik und beeinflusst das Wetter in Europa. Klimamodelle deuten seit Jahren darauf hin, dass die Erderwärmung die Strömung schwächt.

Die direkten Messreihen reichen noch nicht sehr weit zurück. Dennoch passen laut KNMI auch beobachtete Veränderungen der Meerestemperatur zu einer Abschwächung. Der kritische Punkt wäre erreicht, wenn die Strömung nicht nur langsam schwächer wird, sondern fast vollständig zum Erliegen kommt. In den Modellen kann dieser Prozess dann innerhalb von 50 bis 100 Jahren ablaufen. Für Küstenschutz und Bauplanung ist das wenig Zeit.

Warum die Nordsee stärker reagieren kann

Der Meeresspiegel steigt nicht überall gleich. Ozeane besitzen ein eigenes Gefälle, das mit Strömungen zusammenhängt. Wo Strömungen stärker oder schwächer werden, verändert sich auch die regionale Meereshöhe. Das KNMI beschreibt diesen Effekt als dynamische Meereshöhe. Der Begriff klingt technisch, erklärt aber einen einfachen Punkt: Wasser verteilt sich im Ozean nicht wie in einer Badewanne.

Heute besteht im Atlantik ein Höhenunterschied von etwa einem Meter zwischen dem südlichen und dem nördlichen Bereich. Dieser Unterschied hängt mit der AMOC zusammen. Wenn die Strömung nachlässt, hebt sich der Meeresspiegel im Nordatlantik stärker an. Davon wäre auch die Nordsee betroffen. In der Karibik fällt dieser Effekt laut Bericht deutlich kleiner aus.

Nützlich ist dabei der Vergleich mit dem heutigen Anstieg:

  • An der niederländischen Küste steigt der Meeresspiegel derzeit um etwa 3 Millimeter pro Jahr.
  • Ein AMOC-Stillstand könnte zeitweise bis zu 4 Millimeter pro Jahr hinzubringen.
  • Auf längere Sicht ergibt sich für die Region ein Anstieg von rund einem halben Meter.

AMOC verändert auch Winter und Sommer in Europa

Die Folgen eines Stillstands würden nicht am Strand enden. Die Strömung beeinflusst auch die Wärmeverteilung im Atlantik. Wenn sie ausfällt, könnten sich die Winter in Teilen Europas stark abkühlen, obwohl sich die Erde insgesamt weiter erwärmt. Der Bericht verweist zudem auf deutlich trockenere Sommer.

Wie groß diese Veränderungen ausfallen, hängt vom Zustand des Klimas beim Kipppunkt ab. In einer Simulation mit einer Erwärmung um 2 Grad breitet sich Meereis bis zur Nordsee aus. Für den niederländischen Ort De Bilt errechneten die Modelle dann Kälteextreme von etwa minus 20 Grad, die statistisch einmal in zehn Jahren auftreten könnten. Solche Werte zeigen, wie ungewöhnlich das Szenario für Westeuropa wäre.

Wie wirkt sich eine AMOC-Abschwächung auf Deutschland aus?

Für Deutschland als Ganzes bleibt die Wirkung einer schwächeren AMOC schwerer zu fassen als der Meeresspiegel-Effekt an der Nordsee. Der Hamburger Klimaforscher Jochem Marotzke warnte gegenüber Smart Up News vor einfachen Rechnungen: „Es ist nicht einmal klar, ob eine AMOC-Abschwächung zu einer Abkühlung über Deutschland führen würde, denn gleichzeitig findet die durch das CO₂ hervorgerufene Erwärmung statt“, so der Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Eine schwächere Atlantikströmung könnte den Wärmetransport nach Norden bremsen. Die CO₂-Erwärmung läuft aber weiter. Für Deutschland bedeutet das eher verschobene Risiken bei Hitze, Niederschlägen, Trockenheit und Extremwetter als automatisch kältere Winter. „Der einzige sichere Weg, eine Abschwächung zu verhindern, ist wirksamer Klimaschutz durch Verringerung der Treibhausgasemissionen, vor allem von CO₂“, sagt Marotzke.

Lange Messreihen warnen früher vor dem Kipppunkt

Die Niederlande berücksichtigen eine mögliche Abschwächung der AMOC bereits seit 2006 in ihren Meeresspiegel-Szenarien. Neu an der Studie ist vor allem die zeitliche Einordnung. Sie skizziert, wie schnell der zusätzliche Anstieg in der Nordsee auftreten könnte und wann die stärkste Phase zu erwarten wäre.

Dafür brauchen Fachleute verlässliche Daten aus dem Atlantik. Satelliten messen die Meereshöhe. Pegel erfassen Veränderungen an den Küsten. Bojen und Instrumente am Meeresboden liefern Werte zu Strömung, Temperatur und Salzgehalt. Auch Salz und Temperatur zählen, weil sie die Dichte des Wassers verändern. Damit beeinflussen sie die Höhe der Meeresoberfläche.

Im Bericht wird darauf hingewiesen, dass Kürzungen in den USA einen wichtigen Teil des Messnetzes im Nordatlantik bedrohen. Gerade dort entstehen viele Daten, die frühe Warnzeichen sichtbar machen könnten.

Für die Küstenpolitik bleibt deshalb wenig Spielraum für Blindflug. Deiche, Sperrwerke, Häfen und Entwässerungssysteme entstehen nicht in wenigen Jahren. Sie brauchen Planung, Geld und lange Vorlaufzeiten. Wenn der Meeresspiegel an der Nordsee schneller steigt, trifft das nicht nur die Niederlande. Auch deutsche Küstenregionen müssen mit höheren Pegeln, stärkeren Sturmfluten und teureren Schutzmaßnahmen rechnen.

Kurz zusammengefasst:

  • Die AMOC transportiert warmes Wasser nach Norden; wenn sie stark schwächer wird oder kippt, kann der Meeresspiegel an der Nordsee schneller steigen.
  • Eine Studie von KNMI und der Universität Utrecht beziffert den möglichen Effekt: zeitweise bis zu 4 Millimeter pro Jahr mehr und langfristig etwa ein halber Meter zusätzlicher Anstieg.
  • Für Deutschland bedeutet eine schwächere AMOC nicht automatisch kältere Winter, weil die CO₂-Erwärmung weiterläuft; wichtiger werden robuste Küsten, Hitzeschutz, Hochwasservorsorge und verlässliche Messdaten.

Übrigens: Manche Forscher prüfen sogar, ob ein riesiger Damm zwischen Alaska und Russland die schwächelnde AMOC stabilisieren könnte. Doch die Modelle zeigen auch ein Risiko: Kommt der Eingriff zu spät, könnte er den Kollaps der Atlantikströmung eher beschleunigen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © European Union, Copernicus Marine Environment Monitoring Service (contains modified Copernicus Sentinel data 2021) via Wikimedia

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