Nicht alle Wege führen nach Rom: Laut neuer Analyse war eine andere Großstadt zentraler
Fast 300.000 Kilometer römische Straßen liefern ein überraschendes Bild: Rom war nicht der wichtigste Knoten – Byzanz war zentraler.
Römische Straßen verbanden ein riesiges Reich – doch sie liefen keineswegs alle auf Rom zu. Die neue Analyse zeigt, wie stark Landschaft, Provinzhauptstädte und regionale Verkehrsachsen das Netz prägten. © Pexels
„Alle Wege führen nach Rom“ – kaum ein Satz hat unser Bild vom Römischen Reich so stark geprägt. Doch das gewaltige Straßennetz funktionierte offenbar ganz anders: Rom war keineswegs der zentrale Knoten für den Verkehr über Land, und viele Straßen verliefen weit weniger geradlinig, als es das Klischee von römischer Ingenieurskunst vermuten lässt.
Forscher der Queen Mary University of London, der Aarhus University und weiterer europäischer Einrichtungen haben dafür fast 300.000 Kilometer römische Straßen ausgewertet. Grundlage war der digitale Straßenatlas „Itiner-e“, der das antike Straßennetz des Römischen Reichs so detailliert wie nie zuvor rekonstruiert.
Die Analyse zeigt ein Netz, das stark von Landschaft, regionalen Zentren und Verkehrswegen zwischen den Provinzen geprägt war – mit einem besonders überraschenden Ergebnis: Byzanz war für die reichsweite Landmobilität zentraler als Rom.
Provinzhauptstädte waren die entscheidenden Knoten
Entscheidend für das Funktionieren des Netzes waren offenbar vor allem die Hauptstädte der Provinzen. Sie verbanden regionale Verkehrswege miteinander und vermittelten Bewegungen über größere Distanzen.
Um ihre Bedeutung zu bestimmen, nutzten die Forscher sogenannte Zentralitätsmaße. Vereinfacht gesagt messen sie, wie wichtig einzelne Orte oder Verbindungen dafür sind, verschiedene Teile eines Netzes miteinander zu verknüpfen.
„Die Forschung offenbart ein hochentwickeltes Netzwerk, in dem Provinzhauptstädte häufig als entscheidende Kreuzungspunkte fungierten“, sagt Matteo Mazzamurro von der Queen Mary University of London. Besonders wichtig: Dieses Muster blieb auch dann bestehen, wenn die Forscher Unsicherheiten und Lücken in der archäologischen Überlieferung berücksichtigten.
Drei Punkte stechen dabei besonders hervor:
- Provinzhauptstädte fungierten häufig als regionale Verkehrsdrehscheiben.
- Die wichtigsten Straßen bildeten ein Netz, das weit über eine bloße Verbindung mit Rom hinausging.
- Die Bedeutung einzelner Städte hing stark davon ab, wie sie verschiedene Regionen miteinander verbanden.
Römische Straßen waren weniger gerade als ihr Ruf
Auch ein zweites vertrautes Bild bekommt Risse: das der schnurgeraden Römerstraße. Die Erbauer bevorzugten direkte Strecken, wenn das Gelände dies erlaubte. Doch Berge, Täler, Flüsse und bestehende Siedlungen bestimmten vielerorts mit, welchen Verlauf eine Straße tatsächlich nahm. Im Vergleich zu großen modernen Verkehrswegen waren römische Straßen insgesamt weniger geradlinig.
„Römische Ingenieure passten den Straßenbau an die Landschaft an“, sagt Studienleiter Adam Pazout von der Universitat Autònoma de Barcelona. Wo das Gelände schwierig wurde, halfen Terrassierungen, Felseinschnitte, Stützmauern und Brücken.
Das macht die Leistung der römischen Ingenieure eher größer als kleiner. Sie zwangen der Landschaft nicht überall eine gerade Linie auf, sondern fanden Wege durch sehr unterschiedliche Räume und verbanden dabei Städte, Häfen, Flusstäler und Gebirgspässe.
Spuren des römischen Straßennetzes reichen bis in die Gegenwart
Die Forscher verglichen das antike Netz außerdem mit heutiger Verkehrsinfrastruktur. Selbst fast 2.000 Jahre später lässt sich noch ein messbarer Zusammenhang erkennen.
Er fällt allerdings regional sehr unterschiedlich aus. Wo Städte über Jahrhunderte bedeutend blieben oder natürliche Engstellen wie Gebirgspässe weiterhin den Verkehr bündeln, ähneln sich antike und moderne Verkehrsachsen stärker. Anderswo verschoben politische Veränderungen, wirtschaftlicher Niedergang oder neue Siedlungszentren die Routen.
Gerade dieser Vergleich macht deutlich, wie lange Infrastruktur nachwirken kann. Straßen verschwinden, Städte wachsen oder verlieren an Bedeutung – doch Landschaften setzen dem Verkehr über Jahrhunderte ähnliche Grenzen.
Die Karte bleibt eine Rekonstruktion
„Itiner-e“ beruht auf archäologischen Funden, historischen Quellen und rekonstruierten Strecken. Die Überlieferung ist dabei nicht in allen Regionen gleich dicht. Ein fehlender Straßenabschnitt bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass dort in der Antike keine Straße verlief.
Die Forscher berücksichtigten solche Unsicherheiten ausdrücklich in ihren Berechnungen. Dadurch konnten sie das Straßennetz des ehemaligen Reichs über große Entfernungen hinweg als zusammenhängendes System untersuchen.
Kurz zusammengefasst:
- Forscher analysierten fast 300.000 Kilometer römische Straßen im ehemaligen Römischen Reich.
- Rom war nicht der dominante Knotenpunkt des gesamten Landverkehrs; Byzanz war für reichsweite Verbindungen zentraler.
- Provinzhauptstädte bildeten wichtige regionale Verkehrsknoten, und die Straßen verliefen stärker entlang der Landschaft als oft angenommen.
Übrigens: Römische Infrastruktur wirkt offenbar noch weit über das antike Straßennetz hinaus – in Deutschland zeigen sich bis heute Unterschiede bei Wohlstand, Gesundheit und Lebenserwartung entlang des ehemaligen Limes. Warum Menschen in früher römisch geprägten Regionen noch immer im Vorteil sein könnten, lesen Sie in unserem Artikel.
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