Experte erklärt, was eine AMOC-Abschwächung für Deutschland bedeuten könnte

Klimaforscher Jochem Marotzke erklärt, warum eine schwächere AMOC Deutschland nicht automatisch kälter machen muss.

Eine schwächere AMOC würde Deutschland laut Klimaforscher Jochen Marotzke nicht automatisch abkühlen. Die starke CO₂-Erwärmung in Europa könnte mögliche Effekte der Atlantikströmung überlagern. © RedAndr via Wikimedia Commons unter Public domain

Eine schwächere AMOC würde Deutschland laut Klimaforscher Jochen Marotzke nicht automatisch abkühlen. Die starke CO₂-Erwärmung in Europa könnte mögliche Effekte der Atlantikströmung überlagern. © RedAndr via Wikimedia Commons unter Public domain

Mitten im Atlantik bewegt sich ein gigantisches Strömungssystem, das pro Sekunde Millionen Kubikmeter Wasser transportiert. Klimaforscher vergleichen die AMOC deshalb mit einer Wärmepumpe des Planeten: Sie bringt warmes Wasser aus den Tropen nach Norden und beeinflusst Temperaturen, Niederschläge und Wetterlagen in Europa.

Erst vor Kurzem sorgte eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der Universität Bergen für Aufmerksamkeit. Eine stärkere Strömung im Nordmeer spricht demnach nicht automatisch für eine stabile AMOC. Sie kann sogar ein Hinweis darauf sein, dass sich die Umwälzströmung abschwächt.

Was das für Deutschland bedeuten würde, lässt sich bislang nur schwer vorhersagen. Der Klimaforscher Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, mahnt vor einfachen Antworten.

Warum die AMOC Deutschland nicht automatisch abkühlt

Die Frage, wie hart eine weitere AMOC-Abschwächung Deutschland treffen würde und wie sich solche Veränderungen im Alltag bemerkbar machen könnten, könne man „derzeit noch nicht zuverlässig beantworten“, sagt Marotzke auf Anfrage von Smart Up News.

„Es ist nicht einmal klar, ob eine AMOC-Abschwächung zu einer Abkühlung über Deutschland führen würde, denn gleichzeitig findet die durch das CO₂ hervorgerufene Erwärmung statt“, erklärt der Klimatologe. Europa erwärme sich derzeit doppelt so schnell wie das globale Mittel.

Die Erwärmung kann den Kühleffekt überlagern

Eine schwächere AMOC könnte zwar den Wärmetransport nach Norden bremsen, die steigende CO₂-Konzentration treibt die Erwärmung aber weiter an. Deshalb lässt sich aus einer schwächeren Meeresströmung nicht automatisch ein kühleres Deutschland ableiten. Es sei denkbar, dass eine AMOC-Abschwächung in Deutschland „lediglich“ die Erwärmung etwas dämpft, meint Marotzke.

Das bedeutet: Eine schwächere AMOC würde die Klimakrise nicht aufheben. Sie könnte regionale Muster verändern. Wetterlagen, Niederschläge und Temperaturverläufe könnten sich anders entwickeln als bisher erwartet. Eine einfache Rechnung, die weniger Atlantikwärme direkt mit einem kälteren Deutschland in Verbindung bringt, greift also zu kurz.

Was schwächelnde AMOC für Deutschland bedeuten könnte

Für Deutschland geht es weniger um ein einzelnes Wetterereignis, sondern um verschobene Risiken. Wenn große Meeresströmungen schwächer werden, können sich Temperaturmuster, Niederschläge und Sturmzugbahnen verändern. Solche Effekte treffen auf ein Land, das ohnehin häufiger mit Hitze, Starkregen, Dürrephasen und Flusshochwasser rechnen muss.

Die Entwicklung der AMOC ist also nicht harmlos, sie bedeutet für Deutschland aber auch nicht automatisch kältere Winter. Niemand kann derzeit seriös sagen, wie stark eine weitere AMOC-Abschwächung einzelne Regionen in Deutschland treffen würde.

Klarer fällt die Antwort auf die Frage aus, was das Risiko senkt. „Der einzige sichere Weg, eine Abschwächung zu verhinden, ist wirksamer Klimaschutz durch Verringerung der Treibhausgasemissionen, vor allem von CO2“, sagt Marotzke.

Deutschland muss widerstandsfähiger werden

Klimaschutz bleibt damit das wichtigste Mittel gegen weitere Risiken im Atlantik. Deutschland kann die AMOC nicht direkt steuern. Es kann aber den Ausstoß von Treibhausgasen senken und damit den Druck auf das Klimasystem verringern.

„Ansonsten bleibt der generelle Ratschlag, Resilienz aufzubauen, also dafür zu sorgen, dass man auf Schwankungen und Veränderungen vorbereitet ist“, so der Klimaforscher. Vor allem Städte müssen Hitze besser verkraften. Flüsse brauchen mehr Raum bei Hochwasser. Zudem helfen stabile Stromnetze, eine robustere Landwirtschaft und ein Katastrophenschutz, der bei Extremwetter schnell greift.

Man dürfe sich jedoch „keinen Illusionen hingeben“, warnt Marotzke. Auch diese Art von Vorsorge erfordere viel Umsicht und Anstrengung. Für Deutschland wird die AMOC damit zu einem Thema, das weit über den Atlantik hinausreicht. Es betrifft Klimaschutz, Bauplanung, Wasser, Energie und die Frage, wie gut ein dicht besiedeltes Land mit neuen Schwankungen umgehen kann.

Kurz zusammengefasst:

  • Die AMOC transportiert Wärme nach Nordeuropa, doch eine Abschwächung macht Deutschland nicht automatisch kälter.
  • Klimaforscher Jochem Marotzke erklärt, dass die CO₂-Erwärmung weiterläuft und Europa sich derzeit besonders schnell erwärmt.
  • Sicher ist vor allem: Weniger Treibhausgase senken das Risiko, während Deutschland sich besser auf Hitze, Starkregen und Klimaschwankungen vorbereiten muss.

Übrigens: Einige Forscher denken bereits über extreme Eingriffe nach, um die schwächelnde AMOC zu stabilisieren. Ein Damm zwischen Alaska und Russland könnte laut Modell helfen – oder das Risiko sogar erhöhen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © RedAndr via Wikimedia unter Public domain

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