Klimawandel lässt viele Meerestiere schrumpfen – bei Seevögeln verschwindet der Lebensraum
Der Klimawandel zwingt Seevögel zu längeren Flügen und nimmt vielen Arten den Lebensraum im Meer. Vier Arten droht das Aussterben.
Albatrosse können Tausende Kilometer über den Ozean gleiten – doch durch den Klimawandel verlieren viele Arten immer mehr geeigneten Lebensraum im Meer. © Wikimedia
Seevögel legen auf ihren Flügen tausende Kilometer über dem offenen Meer zurück. Viele Arten verbringen fast ihr gesamtes Leben über dem Ozean. Doch selbst diese extrem anpassungsfähigen Tiere geraten zunehmend unter Druck. Wärmere Meere verändern ihre Lebensräume so stark, dass viele Arten immer weitere Strecken fliegen müssen, um geeignete Bedingungen und genug Nahrung zu finden.
Eine neue Studie der University of Reading zeigt nun, wie drastisch sich dieser Wandel bereits abzeichnet. Für die im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlichte Arbeit werteten Forscher Daten von mehr als 120 Arten aus. Dazu gehörten Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher. Die Wissenschaftler kombinierten Stammbäume, historische Klimadaten und heutige Ozeantemperaturen. Dadurch ließ sich nachvollziehen, wie sich die Lebensräume der Tiere über Millionen Jahre verändert haben.
Wie der Klimawandel Seevögel immer weiter verdrängt
Die Ergebnisse unterscheiden sich deutlich von vielen bisherigen Beobachtungen bei Meerestieren. Zahlreiche Fischarten reagieren auf steigende Temperaturen mit kleinerer Körpergröße. Wärmeres Wasser erhöht bei ihnen den Stoffwechsel und den Sauerstoffbedarf; kleinere Körper kommen mit diesem Energieaufwand oft besser zurecht.
Bei Seevögeln zeigte sich ein anderes Muster: Ihre Körper veränderten sich kaum. Stattdessen schrumpften ihre Verbreitungsgebiete.
Besonders auffällig war der Zusammenhang zwischen schneller Erwärmung und kleinen Lebensräumen. Arten, die starken Temperaturveränderungen ausgesetzt waren, verloren häufiger große Teile ihres bisherigen Gebiets. Viele Tiere mussten deshalb weitere Distanzen zurücklegen.
Die Ozeane erwärmen sich schneller, als Seevögel sich anpassen können
„Seevögel haben dramatische Klimaveränderungen schon früher überlebt, aber niemals in der Geschwindigkeit, die wir heute beobachten“, sagt Studienleiter Jorge Avaria-Llautureo. „Wenn die Temperaturen schnell steigen, passen sich diese Vögel körperlich nicht an. Sie sind gezwungen, Teile ihres Lebensraums aufzugeben und weiter zu fliegen, um zu überleben.“
Die Zahlen zeigen, warum die Lage für Seevögel so heikel ist. Über Millionen Jahre hatten sie es mit sehr langsamen Temperaturverschiebungen zu tun: im Mittel rund 0,000022 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Das ist so wenig, dass es in einem Menschenleben praktisch nicht auffällt.
Heute erwärmen sich die Ozeane dagegen um etwa 0,13 Grad pro Jahrzehnt. Das klingt klein, ist im Vergleich zur evolutionären Vergangenheit aber ein Sprung. Die aktuelle Erwärmung läuft rund 10.000-mal schneller als jene Veränderungen, an die sich diese Seevögel über lange Zeiträume anpassen konnten.
Das Tempo des Klimawandels bringt Seevögel in Bedrängnis
Nicht die Richtung der Temperaturveränderung spielte die größte Rolle, sondern ihre Geschwindigkeit. Rasche Erwärmung setzte die Arten besonders stark unter Druck. Die Forscher errechneten, dass allein die Geschwindigkeit des Klimawandels rund 35 Prozent der Unterschiede bei den Verbreitungsgebieten erklärt.
Das Problem betrifft vor allem Arten mit ohnehin kleinen Lebensräumen. Wenn geeignete Gebiete verschwinden, bleiben oft nur wenige Ausweichmöglichkeiten. Viele Tiere müssen dann größere Meeresflächen absuchen, um Nahrung zu finden oder geeignete Brutplätze zu erreichen.
Die Untersuchung rekonstruiert auch die lange Geschichte der Tiergruppe. Der gemeinsame Vorfahr heutiger Albatrosse und Sturmvögel lebte laut den Berechnungen im Gebiet des heutigen Korallenmeers östlich von Australien. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet dieser frühen Seevögel soll rund 125 Millionen Quadratkilometer umfasst haben.
Längere Flüge kosten Tiere Kraft und Nahrung
Die Veränderungen im Meer wirken sich auf viele Bereiche des Lebens der Tiere aus. Mit steigenden Temperaturen verschieben sich Fischschwärme und andere Beutetiere in kühlere Regionen. Für viele Seevögel bedeutet das längere Suchflüge und höheren Energieverbrauch. Hinzu kommen weitere Belastungen:
- Viele Arten brüten nur auf wenigen Inseln oder Küstenabschnitten.
- Lange Flugstrecken erschweren die Versorgung des Nachwuchses.
- Wärmere Meere verändern Nahrungsketten und Fischbestände.
Seevögel gelten deshalb seit Langem als wichtige Hinweise auf Veränderungen im Meer. Wenn ihre Bestände zurückgehen oder sich ihre Routen verschieben, deutet das oft auf größere ökologische Probleme hin.
Die Autoren der Studie berechneten außerdem, wie sich die Lebensräume bis zum Jahr 2100 verändern könnten. Unter einem Szenario mit sehr hohen Emissionen würden mehr als 70 Prozent der untersuchten Arten weitere Teile ihres Verbreitungsgebiets verlieren.
Klimawandel bedrängt Seevögel: Vier Arten droht das Aussterben
Vier Arten sehen die Forscher besonders stark bedroht. Dazu gehören:
- der Galápagos-Sturmvogel
- der Jouanin-Sturmvogel
- der Newell-Sturmtaucher
- die Weißbürzel-Sturmschwalbe
Für diese Tiere besteht laut den Berechnungen ein echtes Aussterberisiko, falls sich die Ozeane weiter stark erwärmen.
In einem Szenario mit geringerer Erwärmung fielen die Verluste deutlich kleiner aus. Weniger Arten müssten ihre Lebensräume stark verkleinern oder in weit entfernte Regionen ausweichen.
„Schutzmaßnahmen sollten sich nicht nur auf die Orte konzentrieren, an denen Seevögel heute leben“, sagt Avaria-Llautureo. „Auch die Gebiete, die sie künftig erreichen müssen, brauchen Schutz.“
Kurz zusammengefasst:
- Seevögel reagieren auf den Klimawandel anders als viele Fische: Ihre Körper werden kaum kleiner – stattdessen verlieren sie Lebensraum im Meer.
- Weil sich die Ozeane heute viel schneller erwärmen als früher, müssen viele Arten deutlich weiter fliegen, um Nahrung und geeignete Brutplätze zu finden.
- Unter starker Erwärmung könnten laut der Studie mehr als 70 Prozent der untersuchten Arten Lebensraum verlieren, vier Arten droht sogar das Aussterben.
Übrigens: Während der Klimawandel Seevögel immer weiter aus ihren Lebensräumen drängt, breitet sich in der Antarktis nun auch die Vogelgrippe aus. Forscher warnen, dass enge Brutkolonien und wärmere Bedingungen ganze Populationen gefährden könnten. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © JJ Harrison via Wikimedia unter CC BY-SA 3.0
